Merkur-Kommentar

Söder greift Laschet an - die Schlacht um Merkels Erbe ist eröffnet

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Lange ließ Söder die Öffentlichkeit rätseln, ob er wirklich zum Griff nach der Unions-Spitzenkandidatur entschlossen ist. Das hat sich nun geändert. Ein Kommentar.

München - In der Union ist die monatelange Zeit der Hinterzimmer-Lästereien, der versteckten Fouls und der zur Schau gestellten falschen Harmonie vorbei. CSU-Chef Markus Söder greift offen nach der Kanzlerkandidatur - frontaler als mit der öffentlich vorgetragenen Anklage, er finde es „seltsam“, dass der CDU-Vorsitzende ein halbes Jahr vor der Wahl mit der CDU-Kanzlerin streite, hätte der Franke die Schlacht gegen den Rivalen Armin Laschet nicht eröffnen können. Einen gesichtswahrenden Rückzug hinter die sicheren bayerischen Linien kann er nun kaum noch antreten.

Einer der erbittertsten Machtkämpfe in der wechselvollen Geschichte der Union steuert damit auf eine Entscheidung rasch nach Ostern zu. In seiner Verbissenheit erinnert das Duell zwischen Laschet und Söder an 1979, als Franz Josef Strauß mit Helmut Kohl und Ernst Albrecht um die Kandidatur rang. Das Ergebnis ist den Geschichtsbüchern zu entnehmen: Der Bayer siegte, wurde Kanzlerkandidat, aber nicht Kanzler. Das Risiko ist auch diesmal hoch, dass ganz gleich, wer die Spitzenkandidatur gewinnt, am Ende die Macht in Berlin verliert.

Duell um die Kanzlerkandidatur: Laschet und Söder könnten kaum unterschiedlicher sein

Denn das unlösbare Problem der Union ist, dass sie im Wortsinn schon lange keine „Union“ mehr ist. Angesichts der Polarisierung im Volk nach dem gescheiterten Berliner Virus-Krisenmanagement gelingt es ihr nicht mehr, das bereits in der Asylkrise zerbrochene bürgerliche Lager hinter sich zu vereinen. Beide Kandidaten stehen auf unterschiedlichen Seiten des Grabens, der die C-Parteien durchzieht. Für Lockerungen und Selbstverantwortung der Bürger tritt Laschet ein, für entschiedenes staatliches Lockdown-Handeln Söder. Für einen abwägenden Politikstil steht der Aachener, für straffe Führung der Nürnberger.

Das „Land der Macherinnen und Macher“ preist Laschet, selbst der Macher zu sein verspricht der populärere Söder. Wo Laschet noch fordert, die Union müsse in der Pandemie „besser werden“, lässt Söder bereits Bayerns Hausärzte impfen. Doch über allem liegt der dunkle Schatten der Kanzlerin: Als ihr treuester Gefolgsmann inszeniert sich der CSU-Chef („wer Merkel-Stimmen will, muss Merkel-Politik machen“), in die Gegnerrolle gedrängt sieht sich sein CDU-Konkurrent. Paartherapeuten wissen: Dreiecksgeschichten enden selten gut.

Ein Kommentar von Georg Anastasiadis

Duell um die Kanzlerkandidatur: Merkel stellt ihre Partei vor die Wahl

Merkel selbst hat dafür gesorgt, dass es so weit gekommen ist: Sie war es, die am Sonntagabend den Konflikt in der CDU explodieren ließ, als sie ihren Parteichef Laschet wegen dessen Lockerungskurs vor einem Millionenpublikum im TV attackierte. Sie, die Land und Partei schon in der Asylkrise spaltete, tat es nun ein zweites Mal, wissend um die gefährlichen Folgen für die stabile Mitte Deutschlands.

Wie 2015 duldet die Kanzlerin keinen Widerspruch. Merkel weiß, dass das Urteil über ihre Kanzlerschaft in der Virus-Katastrophe neu geschrieben wird. Deshalb zwingt sie am Ende ihrer Ära ihre Partei, sich in der Coronapolitik noch einmal zu entscheiden. Für sie oder gegen sie. Das Risiko, dass sie so die CDU, der sie alles verdankt, damit in den Abgrund stößt und die Grünen bald die Geschicke des Landes lenken, nimmt die scheidende Kanzlerin in Kauf.

Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Rubriklistenbild: © Federico Gambarini/dpa/Marcus Schlaf

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