Schock-Diagnose beim FC Bayern: Nächster Star fällt wochenlang aus

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"Sollen die doch im Knast vergammeln"

Die Nachfahrin eines RAF-Opfers erinnert sich: - München ­- Zum Termin kommt sie 20 Minuten zu früh. "Ich hasse es, auf jemanden warten zu müssen", sagt Claudia Groppler (40). Da sei sie so wie ihr Vater -­ "Pünktlichkeit ist Erziehungssache". Sie fährt auch gerne Auto, so wie ihr Vater. "Autofahren war sein Ding, war sein Leben." Und er hat "mit Leib und Seele seinen Chef gefahren", den alle in der Familie nur Charly nannten.

"Charly" -­ das war Karl-Heinz Beckurts (56), Siemens-Manager, im Weltkonzern verantwortlich für die Kernenergie-Sparte, ein Mann mit Herz, im persönlichen Umgang "unkompliziert, ein liebenswerter Mensch", wie Claudia Groppler sagt.

Ihr Vater Eckhard Groppler (42) also war pünktlich auch an jenem Morgen des 9. Juli 1986 gegen 7.20 Uhr, als er den Siemens-Manager Karl-Heinz Beckurts in der Hugo-Hoffmann-Straße 43 in Straßlach abholt. Groppler lenkt den grauen BMW der 7er-Reihe auf die Grünwalder Straße Richtung Norden. Der Wagen, gefolgt von einem beigen Begleitfahrzeug, passiert eine allein stehende Esche am Straßenrand. Es ist 7.28 Uhr, als die Bombe zündet: Sie drückt den Dienst-BMW wie eine Ziehharmonika zusammen und schleudert ihn auf die andere Straßenseite vor eine Fichtenschonung. Später rekonstruiert die Polizei den Sprengsatz ­ eine aus Gasflaschen bestehende Bombe, gefüllt mit etwa 50 Kilo Sprengstoff. Groppler ist sofort tot, Beckurts stirbt Minuten später. Sie sind das 32. und 33. Todesopfer der RAF.

21 Jahre später versucht sich Tochter Claudia zu erinnern. Es geht nur mühsam. "Ich weiß zum Beispiel nicht mehr, wie lange ich nicht mehr in der Arbeit war." Eine Woche, einen Monat?

Ihr Vater hatte sie zu Siemens vermittelt, er fasste sich ein Herz und fragte Beckurts, ob er wohl einen Job für seine Tochter wüsste. Vielleicht wäre Claudia Groppler heute Bürokraft bei der Standortverwaltung, wenn der Vater nicht bei der Bundeswehr, aufgehört hätte, damals, als er bei einem Manöver einen Trommelfellriss erlitt. Er sattelt um, wird Taxifahrer in München, dann Lkw-Fahrer. Später geht er zu Siemens, in die Fahrbereitschaft.

Er ist schon einige Jahre da, als er Cheffahrer von Beckurts wird. Der war kein leidenschaftlicher Flugreisender. Zu den Technologiestandorten Nürnberg und Erlangen geht es immer per Limousine ­ ungepanzert, unbewaffnet.

Die Vergangenheit ­- sie ist irgendwie abgeschnitten. Dunkel erinnert sich Claudia Groppler an die vielen Beileidsschreiben. "Aus ganz Deutschland" kam Post, wildfremde Leute schrieben der Witwe Marianne, ihren zwei Töchtern und dem Sohn. Die Post haben die Gropplers irgendwann weggeworfen. Kontakt zur Witwe Beckurts hatten die Gropplers nie -­ die Dame in der vornehmen Villa, das war nicht ihre Welt. Nur einmal sind sie sich noch begegnet, ein Jahr später, als die Hinterbliebenen vom damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß das Bundesverdienstkreuz erhielten. Claudia Groppler sagt lakonisch: "Ich habe nie begriffen, was das soll."

Heute ist sie nicht viel klüger, was ihre ganz persönliche Vergangenheitsbewältigung betrifft. Die Hintergründe des Anschlags ­ die Gropplers kennen sie nicht. Kontakte zu den Fahndern gab es nicht. "Uns hat nie jemand informiert." Welcher RAF-Terrorist die Bombe legte, ist unbekannt. Und Claudia Groppler will es auch gar nicht wissen. Dass Spuren zu dem (1999 in Wien erschossenen) Terroristen Horst Ludwig Meyer führten ­- sie zuckt mit den Schultern. Kontakt zu den Berufskollegen ihres Vaters gibt es nicht ­ nur einen sieht sie gelegentlich auf der Straße. Sich mal auf ein Bier zu treffen ­ "was soll das", fragt sie sich selbst. Nur jetzt, da die Diskussion um die Freilassung von Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt hochkocht, gäbe es wohl Gesprächsstoff.

Ja, die Begnadigungsdebatte empört Claudia Groppler: "Ich finde keine Worte dafür, für meine Wut, meinen Zorn, wie ich das ausdrücken könnte." Später entfährt ihr: "Sollen die doch im Knast vergammeln", die "haben kein Recht auf Gnade". Das Wort von der Todesstrafe fällt. Dem Bundespräsidenten hat sie eine E-Mail geschickt ­ Antwort kam bislang nicht. Vielleicht, weil sie schlicht mit "Claudia Groppler" unterzeichnete. Ein Opfer der RAF ohne prominenten Namen, ob das in der Poststelle des Bundespräsidialamtes so ankam?

Ihre Mutter Marianne, heute 65, ist später aus der großen Vier-Zimmer-Wohnung in der Siemens-Werkssiedlung im Süden Sendlings ausgezogen. Zehn Jahre hat sie in Florida gelebt, ist später zurückgekehrt nach München -­ heim zu ihrer Tochter Claudia, die Siemensianerin ist wie ehedem. Als sie nach ihrer Rückkehr aus den USA eine Wohnung brauchte, war das kein Problem. Siemens half. Der Konzern, sagt die Tochter, hat sich korrekt verhalten.

Dank Siemens ist auch der Name Groppler in München nicht ganz vergessen. Da gibt es doch diesen Weg in der Siemens-Siedlung München-Perlach, der nach ihrem Vater benannt ist. Und ein kleines Denkmal. Manchmal legt Claudia Groppler am Jahrestag des Anschlags dort Blumen nieder. "Ich bin dann unleidig, den ganzen Tag grätzig."

Die Anschlagsstelle bei Straßlach indes hat Claudia Groppler seit Jahren nicht mehr besucht.

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