Erstes Statement nach Wahl-Pleite: Für Ministeramt würde Merz alles aufgeben

Erstes Statement nach Wahl-Pleite: Für Ministeramt würde Merz alles aufgeben
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Sie ist eine von vier Ministerinnen im Kabinett: Kerstin Schreyer (CSU) würde sich wünschen, dass sich viel mehr Frauen zutrauen, eine Führungsposition zu übernehmen – und dass sie die Chance dazu bekommen. 

Seit zehn Jahren für CSU im Landtag

Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer: „Wir brauchen eine Frauenquote“

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Sozialministerin Kerstin Schreyer (CSU) sitzt seit zehn Jahren im Landtag, seit März ist sie Sozialministerin. Sie wünscht sich einen Landtag, der zur Hälfte weiblich ist. 

München – Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer war 17 Jahre alt, als sie den Schritt in die Politik wagte. Damals war sie eine von sehr wenigen Frauen in der Jungen Union. Inzwischen sitzt die 47-jährige Unterhachingerin seit zehn Jahren für die CSU im Landtag, seit März ist sie Sozialministerin und Frauenbeauftragte im Kabinett. Familie und Politik lassen sich vereinbaren, sagt die alleinerziehende Mutter einer Tochter – auch für Frauen. Noch immer werden zu viele Führungspositionen mit Männern besetzt, findet sie. Was sich in Bayern ändern muss und wie ihre Vision des Landtags im Jahr 2028 aussieht, verrät sie im Interview.

Wie würde Deutschland heute aussehen, wenn die Frauen nicht vor 100 Jahren Mitbestimmungsrechte bekommen hätten?

Kerstin Schreyer: Um viele Perspektiven ärmer. Nicht nur in den Bereichen Familie und Soziales haben sie einen anderen Blick auf die Dinge – auch in wirtschaftlichen Fragen. Frauen ticken anders. Und es ist erwiesen, dass gemischte Teams viel produktiver arbeiten.

Trotzdem ist die Frauenquote mit rund 26 Prozent im Landtag so gering wie vor 20 Jahren. Wieso?

Schreyer: Ich denke, viele Frauen müssten noch selbstbewusster werden und sich trauen, für ihre Themen einzutreten. Und die Männer müssen mutiger werden, das zuzulassen. Natürlich könnte die Frauenquote besser sein – vor allem in den Führungspositionen. Aber ich bin begeistert, dass unser Ministerpräsident den Mut hatte, den Frauenanteil der CSU im Kabinett auf 40 Prozent zu verstärken. Von zehn Ministerien sind vier in Frauenhand. Das ist ein wichtiges Signal. Er hat verstanden, dass Frauen anders führen, aber dass dieses „anders“ nicht schlechter ist. Ich würde mir wünschen, dass alle Parteien Frauen mehr Chancen geben.

Wäre eine Frauenquote der richtige Weg?

Schreyer: Bei den Delegierten brauchen wir eine Quote, damit die Frauen eine größere Chance haben, auf den Listen aufgestellt zu werden. Aber wir brauchen mehr als das. Bessere Betreuungsstrukturen für Kinder zum Beispiel. Vor allem in den Köpfen muss etwas passieren. Kinder haben ein Recht auf Mutter und Vater. Deshalb kann genauso gut der Vater im Elternbeirat sitzen und die Mutter im Gemeinderat.

Wie wollen Sie es als Sozialministerin Frauen leichter machen, Familie und Beruf zu vereinen?

Schreyer: Ich möchte die Kitas so aufrüsten, dass Frauen flexibler sein können. Sie müssen ihre Kinder auch mal früher bringen oder länger dort lassen können. Ich spreche nicht von einer längeren Betreuungszeit – die Lösungen müssen kindgerecht sein, aber eben individueller. Die Qualität der Arbeit leidet nicht, nur weil man sie abends zu Hause erledigt. Wenn es für Frauen leichter wird, Familie und Arbeit zu organisieren, würden mehr den Sprung in Führungspositionen wagen, davon bin ich überzeugt.

Kämpfen Frauen zu wenig um Führungspositionen?

Schreyer: Männer kämpfen in der Politik um Funktionen, aber bei Frauen erlebe ich das anders. Sie wollen weniger im Mittelpunkt stehen, sondern sind stolz darauf, wenn es ihnen gelingt, sich für Inhalte einzusetzen. Manchmal vernachlässigen sie dabei, sich medial in Szene zu setzen. Darauf achten Männer viel mehr. Deshalb besteht immer die Gefahr, dass Frauen übersehen werden, wenn es um die Besetzung wichtiger Ämter geht.

Brauchen wir deshalb im Jahr 2018 noch eine Frauenbeauftragte?

Schreyer: Die brauchen wir deshalb, weil im Landtag noch immer nicht genauso viele Frauen wie Männer sitzen. Genauso wenig wie in Gemeinderäten oder in Wirtschaftsunternehmen. Mein Ziel ist, dass jede Frau die Chance haben muss auf eine solche Position. Dazu möchte ich alle Frauen ermutigen.

Woher haben Sie damals als junge Frau den Mut genommen, politisch aktiv zu werden?

Schreyer: Ich bin in die Politik gegangen, weil ich etwas bewegen wollte. Aber ich erinnere mich noch gut an das erste Sommerfest der Jungen Union. Als ich dort ankam und gesehen habe, dass dort nur Männer sind, bin ich gleich wieder umgedreht.

Zu welchen Frauen haben Sie damals aufgeblickt?

Schreyer: Zu Barbara Stamm, Ursula Männle, Emilia Müller, Christa Stewens und Angelika Niebler. Sie haben alle eines gemeinsam: Sie haben sich für andere Frauen stark gemacht, auch wenn es ihnen selbst politisch geschadet hat. Auch für mich persönlich haben sie sich eingesetzt. Jede Politikerin muss Nackenschläge einstecken, darüber könnten wir alle Bücher schreiben.

Welche Situationen ärgern Sie in Ihrem Berufsalltag?

Schreyer: Als Frau werde ich ständig gefragt, wie ich die Arbeit und meine Tochter unter einen Hut bekomme. Ich frage dann immer zurück, ob man diese Frage auch einem Mann stellen würde. Die Antwort ist immer „Ja“ – aber ich glaube, das stimmt nicht. Es ärgert mich, dass sich Frauen immer noch rechtfertigen müssen, wenn sie Kinder haben und in die Politik gehen.

Wie sieht der bayerische Landtag aus, den Sie sich für das Jahr 2028 wünschen?

Schreyer: 50 Prozent der Abgeordneten sind weiblich. Und die Hälfte der Abgeordneten in Führungspositionen ist weiblich. Vermutlich brauchen wir dafür aber eher 20 als zehn Jahre. Frauen und Männer müssen daran arbeiten, das geht nur gemeinsam. Wir brauchen eine gute Mischung aus allen Kompetenzen. Wir dürfen uns nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen uns wertschätzen.

Lesen Sie alle Infos zum CSU-Machtkampf in unserem Live-Ticker. 

Interview: Katrin Woitsch

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