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Später Sieg des Flughafen-Rebellen

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- Eittingermoos - Eduard Stimmelmayer ist im Waisenhaus aufgewachsen. Nach dem Krieg hat er sich einen Hof gekauft, diesen bewirtschaftet und mit seiner Frau Magdalena sieben Kinder großgezogen. Nebenbei fand er die Kraft, 30 Jahre lang als David gegen Goliath zu kämpfen. Als "Flughafen-Rebell" wurde er belächelt, weil er sich mit der Flughafen München GmbH (FMG) anlegt. Jetzt hat sich seine Hartnäckigkeit doch ausgezahlt. Der 82-jährige Landwirt aus Eittingermoos (Krs. Erding) hat einen Vergleich erstritten und erhält 110 000 Euro.

Angefangen hat alles 1971. Die Makler der Bayerischen Landessiedlung (BLS) kaufen im Auftrag der FMG Grund für den neuen Airport zu. Im Moos herrscht Goldgräberstimmung, doch Stimmelmayer gehört nicht zu den Zockern, die eine Enteignung riskieren, nur um den Preis nach oben zu treiben. Für den Bauern hörte sich das Angebot fair an: Sollte irgendjemand mehr als die von ihm erzielten 6,50 Mark pro Quadratmeter bekommen, würde Stimmelmayer der Differenzbetrag nachträglich erstattet. Also verkauft er 1,733 Hektar seiner landwirtschaftlichen Flächen in Marzling.

Für Sonderfragen war keine Zeit

Doch schon bei der notariellen Beurkundung kommen Eduard Stimmelmayer erste Zweifel an der Seriösität des Geschäftes. "Rudelweise" seien die Grundstücksveräußerer ins Büro geführt worden. Der Notar habe schon angefangen, bevor die letzten im Zimmer waren. Für Sonderfragen war da keine Zeit.

Vielen anderen Verkäufern mag entgangen sein, dass die Nachbesserungsklausel bis 31. Dezember 1974 befristet ist. Ihnen ist damit jede Chance auf einen späteren Nachschlag genommen. Stimmelmayer begeht diesen Fehler nicht. Im November 1974 schreibt der Bauer an die BLS, dass neuerdings 8,20 Mark gezahlt würden.

26 Monate später - nachdem er mit dem Rechtsweg gedroht hatte - bekommt Stimmelmayer endlich Antwort. Er müsse einen konkreten Vergleichsfall nennen. Und das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Stimmelmayer hört zwar viel. Zum Beispiel, dass die FMG alte Baumaschinen zum Neupreis ablöse, um so den Forderungen der Grundbesitzer nachzukommen, ohne den Quadratmeterpreis zu erhöhen. Aber Beweise? Wer will schon seine Verträge offenbaren? 1983 hat er's endlich schwarz auf weiß: ein Landwirt, der bereits 1970 zehn Hektar Land verkauft hat, veräußert zehn Jahre später seine gesamte Hofstelle und weitere 17 Hektar. Stimmelmayer prozessiert und verliert. Der Grund: Der Kaufvertrag stamme aus dem Jahr 1980 und falle nicht mehr in die Nachbesserungsfrist.

Es ist der erste von vielen Tiefschlägen für Stimmelmayer. Zehn Rechtsanwälte verschleißt er in den kommenden Jahren, gibt eigenen Angaben zufolge rund 100 000 Mark für sie aus. Aber keiner der Beistände findet den richtigen Dreh.
Einen weiteren Nackenschlag versetzt Stimmelmayer das Oberlandesgericht, wo Friedrich Lordick 1989 im 19. Senat den Vorsitz hat. Dabei kritisiert Lordick das Geschäftsgebaren der FMG. Kurz darf der Landwirt hoffen.

Als aber Wochen später das OLG Stimmelmayers neuerliche Niederlage verkündet, ist Lordick nicht mehr dabei. Unsere Zeitung ruft zwölf Jahre später bei dem inzwischen pensionierten Richter an. Es antwortet eine freundliche Stimme: "Jaja, der arme Herr Stimmelmayer. Warten S, ich hole meinen Mann." Keine Frage: Dieser Fall war lange Gesprächsthema im Hause Lordick. Der Richter sieht Stimmelmayer als Opfer parteipolitischer und halbstaatlicher Machenschaften: "Den politischen Filz können Sie nicht durchdringen."

Es seien seine schlimmsten Jahre gewesen, sagt Stimmelmayer rückblickend. Dann spielt ihm ausgerechnet der damalige FMG-Chef Roman Rittweger in die Karte. In einem Interview spricht er von durchschnittlichen Grundstückspreisen von 26 Mark pro Quadratmeter. Die Münchner Juristen Claus Pinkerneil und Silvia Marschner gehen zwar beim Landgericht mit ihrer Nachforderung in Höhe von 355 000 Mark baden, doch erringen sie in nächster Instanz zumindest einen Teilerfolg. Die Vorsitzende OLG-Richterin Voigt zerlegt den Kaufvertrag und verdonnert die FMG, alle Kaufverträge aus dieser Zeit der Gegenseite offen zu legen.

Das passiert Ende 1999. Es folgt ein Hickhack über gelieferte, falsch und nicht gelieferte Daten. Drei Jahre geht dieses Spielchen so, zeitweise droht den FMG-Geschäftsführern gar eine Haftstrafe, sollten sie den Forderungen der Justiz nicht nachkommen.

Zeitweise drohte den FMG-Geschäftsführern eine Haftstrafe

In regelmäßigen Abständen treffen sich die Parteien vor Richterin Popp-Lossau. Als Stimmelmayer einen Kaufvertrag in die Hände bekommt, wonach in Hallbergmoos 40 Mark für den Quadratmeter Ackerland bezahlt werden, scheint sich das Blatt zu wenden. FMG-Anwalt Dr. Wolfgang Ruhwinkel, von Beginn an mit der Sache betraut, stellt einen Vergleich (130 000 Mark) in Aussicht. Stimmelmayer lehnt ab, und Ruhwinkel ist bei der nächsten Verhandlung nicht mehr FMG-Beistand.

Die haben frische Kräfte aus der Promi-Kanzlei des Dr. Gronefeld dabei. Man fühlt sich an alte Hollywood-Gerichtsschinken erinnert, als die Juristen eine BGH-Entscheidung aus dem Jahr 1963 aus dem Hut zaubern, wonach Ackerland selbst dann als Bauland eingestuft werden darf, wenn es dies nie war und jemals sein wird. Die Richterin lässt durchblicken, dass sie sich bei einem Urteil die FMG-Ansicht zu Eigen machen wird. Wieder droht der Gang zum OLG.
Besser könnte es für die FMG nicht laufen, doch inzwischen hat sich einiges in deren Management geändert.

Dr. Michael Kerkloh hat Willi Hermsen als Airport-Boss abgelöst. Und der neue Mann will seine Firma aus den negativen Schlagzeilen raushaben. Jahrelang hat unsere Zeitung über den Fall berichtet und die FMG-Pressestelle aufgrund "tendenziöser Berichterstattung" eine Stellungnahme verweigert. Liegenschaftschef Christian Kellermann, der - so hört man - schon lange auf eine gütliche Einigung mit dem 82-jährigen Mann hofft, findet in Dr. Kerkloh offenbar den Fürsprecher für einen Vergleich. Die beiden boxen bei der Sitzung des FMG-Aufsichtsrats eine Summe von 110 000 Euro durch. Stimmelmayer-Anwalt Pinkerneil spricht von einem "akzeptablen Preis".

Auf der Gegenseite redet Manfred Stimmelmayer mit Engelszungen auf seinen Vater ein, bis der sich von seinem Vorhaben verabschiedet, die FMG-Bosse hinter Gitter zu bringen, "weil sie mich belogen und betrogen haben". Inzwischen hat die FMG den Vergleich unterschrieben, Eduard Stimmelmayer glaubt's "erst, wenn das Geld auf meinem Konto ist". Er wird es auf seine Kinder aufteilen, einen kleinen Betrag will er behalten. Sollte die dritte Startbahn kommen, so fürchtet er, würde sie auf Eittingermoos-Boden gebaut, und dann braucht er einen Notgroschen für eine Klage gegen eine mögliche Enteignung.


 

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