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Mona Späth und Hanna Jakob

Spahns Digitalgesetz: 

Gibt’s Apps bald auf Rezept?

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Wie Medizin sollen Ärzte bald auch Apps fürs Handy verschreiben können. Für digitale Startups ist das eine Riesen-Chance. Andere warnen vor Risiken und Nebenwirkungen.

An einem sonnigen Tag im Münchner Werksviertel erzählt Mona Späth von der Sizilienreise, mit der alles begann. Neben ihr nippt Hanna Jakob an ihrem Kaffee. Sie hört aufmerksam zu, obwohl sie damals ja selbst dabei war. Als die beiden Frauen 2013 zusammen in den Italien-Urlaub fuhren, waren sie zwei Sprachtherapeutinnen. „Mit BWL hatten wir nichts am Hut“, sagt Späth. Doch nach Hause kamen sie mit einer Idee. Heute bieten sie eine Sprachtherapie-App an – und stehen mit ihrem Startup-Unternehmen aufgrund eines neuen Gesetzes vielleicht vor der Chance ihres Lebens.

Wie die meisten guten Ideen, fiel auch ihre den beiden Frauen ein, weil ihnen etwas fehlte. In der Sprachtherapie hängt viel davon ab, dass der Patient selbst zu Hause übt. „Deshalb gibt man den Menschen Arbeitsblätter mit, die dann bei der nächsten Sitzung eine Woche später kontrolliert werden.“ So läuft das normalerweise. Lesen, schreiben, verstehen, selbst sprechen – alles analog. Doch Jakob und Späth waren überzeugt, dass sich all das digital viel besser üben lässt. Im gemeinsamen Urlaub reifte die Idee zum Entschluss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Wieder daheim, begannen sie, an einer App für die Therapie von Schlaganfall-Patienten zu arbeiten. Sie schrieben neben dem Job an einem Businessplan, sie kamen voran, sie bewarben sich erfolgreich um Unterstützung und Stipendien. Das Team wuchs, zwei IT-Leute kamen dazu, eine weitere Therapeutin, später auch Werkstudenten. Sie produzierten für die App Videos davon, wie sie selbst einzelne Wörter richtig aussprachen. „Ka-nin-chen“, „Kat-ze“, „Hams-ter“. Immer wieder filmten sie ihre eigenen Lippen, bis alles passte. „Man muss das alles nicht nur in die Kamera einsprechen, sondern sich danach auch anhören und kontrollieren, ob vielleicht jemand davor oder danach geschmatzt hat“, sagt Jakob. 8000 Wörter. „Tausende Stunden“ hätten sie gefühlt im Tonstudio verbracht. Wie viele es tatsächlich waren, kann sie nicht mehr sagen.

Inzwischen haben die Frauen die Firma „Neolexon“ gegründet und bieten drei Produkte an. Die Schlaganfall-App, eine für Therapeuten und – die neueste – eine für Kinder mit Artikulationsstörungen. „Neolino“ ist der Name der Figur, die die kleinen Patienten durch ihre spielerischen Übungen begleitet. Üben sie fleißig, können sie das Männchen mit neuer Kleidung, einer Sonnenbrille oder wilden Frisuren ausstatten. Die Techniker Krankenkasse erstattet die Kosten für diese App ihren Versicherten. Alle anderen müssen die 199 Euro für sechs Monate selbst bezahlen – doch das könnte bald anders werden.

Die Wende kam im frühen Sommer. Hanna Jakob saß gerade in einem Vortrag auf einem Logopädenkongress in Bielefeld, als sie von dem neuen Gesetzesvorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn hörte. Der plant, dass Patienten bald bestimmte Apps fürs Handy von der Kasse bezahlt bekommen müssen – wenn ihr Arzt sie ihnen verschreibt. Gelten soll das zum Beispiel für Anwendungen, die beim regelmäßigen Einnehmen von Medikamenten helfen, digitale Tagebücher für Diabetiker oder unterstützende Apps bei Migräne oder Schwangerschaften. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll nach einer ersten Prüfung von Qualität und Datenschutz eine rasche Zulassung ermöglichen. Ein Jahr tragen die Kassen dann die Kosten. Die App-Anbieter müssen in dieser Zeit nachweisen, dass ihr Produkt die Versorgung verbessert, um weiter von Ärzten verschrieben werden zu können.

Für die jungen Unternehmerinnen ist es ein Paradigmenwechsel. Bisher müssen sie – wie zuletzt mit der TK – separate Verträge mit jeder einzelnen Kasse schließen, damit diese die Kosten übernimmt. Ein Kraftakt für das kleine Unternehmen: „Mit einer Kasse zu verhandeln dauert Monate, wenn nicht Jahre.“ Verhandeln müssten sie zwar künftig auch, aber nur einmal. Die Vergütung, die sie mit dem GKV-Spitzenverband vereinbaren, ist dann für alle Kassen gültig. Das neue Gesetz sei deshalb eine extrem große Chance, sagt Jakob. „Weil wir damit viel schnelleren Zugang zu allen Versicherten bekommen.“

Dass genau diese Chance aber auch andere wittern könnten, fürchten die Kritiker des Spahn-Plans. In der Branche gibt es bereits die Sorge, das Gesetz könnte massenhaft digitale Konkurrenz aus China und den USA anziehen. Die Linke warnt gar vor einer regelrechten „Goldgrube“ für IT-Firmen, die sich schnelles Geld auf Beitragszahlerkosten erhoffen. Unbedingt müsse erst die Spreu vom Weizen getrennt werden, bevor die Apps in die Anwendung kommen. Zudem sind viele Datenschützer alarmiert, angesichts der intimen Informationen, die dann noch selbstverständlicher an Anbieter weitergegeben werden könnten, die davon leben, dass sie sie nicht für sich behalten.

Auch die Grünen üben Kritik und werfen Spahn planlosen Aktionismus vor: „Es kann ja nicht primär darum gehen, dass irgendeine digitale App schneller im Gesundheitswesen eingesetzt wird, sondern es muss das Ziel sein, mit Hilfe der Digitalisierung einen konkreten Nutzen für das Gesundheitswesen und die Pflege zu erzielen“, kritisiert Maria Klein-Schmeink, Sprecherin für Gesundheitspolitik im Bundestag.

Neil Heiland und Markus C. Müller

Markus C. Müller wundert die Skepsis der Kritiker nicht. „Vielen geht es vielleicht zu schnell, weil das Gesundheitssystem sonst langsam funktioniert“, sagt der Geschäftsführer des Startups Nui Care. Doch die Entwicklung sei überfällig gewesen. So sieht es auch Neil Heiland, 21, der das Unternehmen mitgegründet hat. Gerade abseits der Spitzenmedizin seien die digitalen Möglichkeiten lange zu wenig beachtet worden. „Wir können heutzutage über Kontinente hinweg Herztransplantationen durchführen, aber für ältere Menschen gibt es nur Handys mit großen Tasten“, sagt Heiland.

In einem Büro in der Münchner Schillerstraße arbeiten die beiden mit ihrem Team an einer App namens Nui, die Pflegebedürftigen und Angehörigen den Alltag erleichtern soll. Ihre Firma ist noch kein Jahr alt. Doch Müller selbst ist beileibe kein Anfänger. Sein erstes Unternehmen hat der heute 45-Jährige 2001 gegründet – und 2011 an den Smartphone-Hersteller Blackberry verkauft. Vier Jahre hat er dann noch selbst für das kanadische Unternehmen gearbeitet – erst als Geschäftsführer für Deutschland, dann als Europa-Chef. 2015 stieg er aus, um etwas ganz anderes zu machen. Müller absolvierte eine Ausbildung zum Hospizbegleiter. Er besuchte nun regelmäßig schwer- und todkranke Menschen, um deren Angehörige zu entlasten. „Ich wollte etwas wirklich Sinnvolles tun.“ Ein Gefühl, das bis heute geblieben ist, sagt er.

Es war dann im Jahr 2018, als Müller mit einem Bekannten ins Gespräch kam, der ihm erzählte dass sie gerade eine Firma gegründet hatten und Investoren suchten. Als Müller mehr erfuhr, wollte er nicht mehr nur investieren, sondern aktiv dabei sein. „Ich habe die Begeisterung von 2001 gespürt“, sagt er.

Grob skizziert bietet ihre App drei grundlegende Funktionen an. Die erste ist die Koordinierung des Tagesablaufs für Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Aufgaben wie Essen kochen oder Arztbesuche können erstellt werden. Wer etwas erledigen kann, kann sich eintragen. „Die Person, um die es geht, kann dabei selbst Teil des Netzwerks sein, oder nicht“ – je nach Fall, sagt Müller.

Die zweite Funktion von Nui ist die eines Informations-Assistenten. Die App stellt Fragen, um am Ende auf mögliche Hilfsangebote oder Leistungen hinzuweisen. Zum Beispiel, ob man Anspruch auf das bayerische Landespflegegeld hat.

Eine dritte Funktion befindet sich im Aufbau. Mithilfe von Sensoren und künstlicher Intelligenz soll die App erkennen können, wenn eine pflegebedürftige Person, die alleine lebt, ihr Verhalten ändert. Setzt sie sich öfter hin? Ist sie noch immer nicht aus dem Bett aufgestanden? Wenn etwas auf Probleme hinweist, soll die App die Angehörigen informieren.

Mit ihrer App wollen sie älteren Menschen ermöglichen, länger daheim zu leben, sagen Müller und Heiland. Und dabei hoffen auch sie auf Rückenwind durch das neue Gesetz, das Angela Merkels Kabinett im Juli bereits beschlossen hat. Doch damit im kommenden Jahr Ärzte tatsächlich Apps auf Kassenrechnung verschreiben, muss voraussichtlich Anfang November auch noch der Bundestag zustimmen.

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