Arbeitsplatz mit Aussicht: Markus Rinderspacher, Fraktionschef der SPD, auf der Terrasse des Landtags. Foto: dpa

Stimmkreis 107

Das sind die Kandidaten für München-Ramersdorf

München - Sie haben die Wahl: Am 15. September entscheiden die Bürger, welche Politiker in den 17. Bayerischen Landtag einziehen dürfen. München ist aufgeteilt in acht Stimmkreise. Wir stellen ihnen die Kandidaten für Ramersdorf vor.

CSU: Markus Blume

Das Leben des Abgeordneten ist manchmal arg analog und bodenständig. Neulich war Markus Blume Schirmherr beim 100-jährigen Jubiläum des Kaninchenzuchtvereins B6 München-Ost. Man drückte ihm fürs Foto ein Prachtexemplar in die Hand, Rasse „Deutscher Riese“, Laien könnten es locker mit dem Killerkaninchen aus „Monty Python“ verwechseln. Sogar der nicht gerade schmächtige Blume trug schwer am Riesen, hatte aber sichtlich Spaß.

Der CSUler bei den Karnickelzüchtern: Was für ein plattes Klischee. Für Blume gehört auch das zum Alltag, wenn er den heterogenen Stimmkreis mit gutem Vorsprung gewinnen will. Er muss in tiefschwarzen Vierteln wie Waldperlach um 50 plus x kämpfen, er muss in der Messestadt mit ihrem hohen Migrationsanteil auf 20 plus x hoffen. Sogar griechisch, türkisch und russisch untertitelte der 38-Jährige dort einzelne Wahlplakate. Entsprechend vielgestaltig sind die lokalen Sorgen. „Der Münchner Osten ist der am schnellsten wachsende Teil, extrem starker Zuzug, gerade von jungen Familien“, weiß Blume. Er will eine zusätzliche Realschule und ein Gymnasium durchsetzen, für mehr Ganztagsbetreuung eintreten, für bezahlbaren Wohnraum.

Der klassische Hinterbänkler ist Blume dabei wahrlich nicht, trotz Sitzplatz ganz hinten im Eck des Plenums. Jenseits des Stimmkreises gilt er als aktuell größter junger Hoffnungsträger der CSU. Blume hat sich sehr gute Kontakte in die Wirtschaft erarbeitet, kennt Konzernchefs, ist Dauergast des Davoser Weltwirtschaftsforums, denkt strategisch. 2012 entwickelte er als einer der führenden Köpfe ein Leitkonzept zur Digitalisierung („Bayern 3.0“). Ministerpräsident Horst Seehofer verkündete, er mache sich das Konzept zueigen, werde nach 2013 dafür über eine Milliarde Euro bereitstellen. Blume brachte das Respekt ein. Und Neid. Er jongliere mit zu vielen Bällen, heißt es dann. Viele sehen ihn nach der Wahl im Kabinett; Wirtschaft oder Staatskanzlei vielleicht, wo er die Digitalisierung selber vorantreiben soll. Sicher ist das nicht.

Noch unsicherer ist, ob seine junge Familie arg begeistert wäre. Blume selbst wohl schon. Er ist halt auch so ein Karnickel: 1975 im Jahr des chinesischen Zeichens Hase geboren. Die gelten, so sagte man ihm neulich zu seiner Freude, als „schnell, energiegeladen und smart“.

Christian Deutschländer 

SPD: Markus Rinderspacher

Es war eine der rasantesten Karrieren der ganzen Legislaturperiode: Vor fünf Jahren wurde Markus Rinderspacher an dieser Stelle noch als Journalist bei ProSieben vorgestellt, der auf den Einzug ins Parlament hoffe.

Ein Jahr später saß der jüngste Abgeordnete der Bayern-SPD dort schon in der ersten Reihe – als Fraktionsvorsitzender.

Die Karriere sagt einiges über die Personaldecke der Genossen aus, aber auch viel über das politische Talent des Kandidaten. Rinderspacher gegen Blume – das ist sicher das Duell zwei der vielversprechendsten Jungpolitiker im Maximilianeum. Rinderspacher hat den Karrieresprung schon absolviert, was ihm diesmal einen leichten Vorteil beschert. Dennoch gibt sich der heute 44-Jährige, der beim letzten Mal zwölf Prozentpunkte hinter Blume lag, bescheiden. „Ich möchte den Abstand verkürzen“, sagt er. Und: „Ich weiß, dass das der schwärzeste Wahlkreis in München ist.“ Der schwärzeste in einer roten Stadt.

Im Münchner Osten, so glaubt Rinderspacher, habe sich herumgesprochen, dass er kein Ideologe sei. Im Landtag hat er sich mit seiner nüchternen, freundlichen Art Respekt verschafft – auch wenn ihn Horst Seehofer einmal „Spargeltarzan“ genannt hat. Als Mann vom Privatfernsehen hat er weder Angst vor Kameras noch vor deutlichen Worten. Am Ende der Legislaturperiode schoss er im Plenum übers Ziel hinaus, als er das Kabinett als „ramponierte Resterampe“ bezeichnete. Es kam zu turbulenten Szenen, Seehofer hielt sich demonstrativ die Ohren zu. Doch solche Eskalationen blieben die Ausnahme: Rinderspacher legt seine Rolle als Oppositionsführer meist konstruktiv aus.

Viel Zeit, sich auf seinen Wahlkreis zu konzentrieren, bleibt Rinderspacher im Wahlkampf nicht (auch wenn der Materialaufwand gigantisch ist). Der gebürtige Kaiserslauterner tourt als Fraktionschef durch den ganzen Freistaat. Und weil er an seiner Bekanntheit noch arbeiten muss (laut Infratest kennen ihn nur 44 Prozent der Bayern), legt er so den Grundstein für den nächsten Schritt. „Wenn der Markus auf diesem Weg noch ein paar Jahre weitermacht, dann ist er unsere größte Zukunftshoffnung für die Landespolitik“, sagt sein Vorgänger Franz Maget. Gut möglich, dass in fünf Jahren an dieser Stelle der Ministerpräsidenten-Kandidat der SPD porträtiert wird.

Mike Schier

Grüne: Bernd Oostenryck

Rechtsanwalt und überzeugter Katholik – so einen würde man eigentlich bei der CSU verorten. Doch Bernd Oostenryck kandidiert für die Grünen. Deren Politik kommt dem Anhänger der katholischen Soziallehre am nächsten. „Mir ist wichtig, mehr auf den Einzelnen zu achten und zu fragen, was man in der Gesellschaft besser machen kann“, sagt er. Seine politischen Schwerpunkte haben mit seinem Beruf zu tun: Sozialgerechtigkeit und Bürgerrechte. Zum Beispiel stört ihn die Residenzpflicht für Asylbewerber. „Damit sind diese Menschen ja wieder eingesperrt.“ Polizisten würde er gerne eine Kennzeichnung verpassen.

Um klar zu machen, dass sie nicht nur als Ordnungsmacht, sondern auch als Person auftreten. Außerdem: „Die Justizpolitik braucht mehr Personal, mehr Richter.“ Verhandlungen am Sozialgericht würden viel zu lange dauern, „selten unter zwei Jahre, das sind italienische Verhältnisse.“ Der 41-jährige gebürtige Rheinländer kann sich dieses Urteil erlauben. Er studierte Jura in Osnabrück, München und Padua und verbrachte Teile seines Referendariats in einer Anwaltskanzlei in Rom. Er habe einen „Italientick“, verrät Oostenryck. Darin enthalten: Italienische Krimis und die Empfänglichkeit für Nudelgerichte aller Art.

Vor dem Jurastudium hatte Oostenryck bei einer westdeutschen Wochenzeitung eine Ausbildung zum Redakteur abgeschlossen. So arbeitete er auch einige Jahre in der Pressestelle der Erzdiözese München. Derzeit ist er als Anwalt für italienisches Recht tätig. Seinen CSU-Konkurrenten Markus Blume kennt er aus dem Bezirksausschuss Ramersdorf- Perlach. „Dieses Mandat würde ich auch für den Landtag nicht aufgeben. Gut, um auf dem Boden zu bleiben.“

Carmen Ick-Dietl

FDP: Mahmut Türker

Die Liste seiner politischen Ämter ist lang. Doch nun, sagt Mahmut Türker (46), sei die Zeit reif: „Ich wäre der erste Landtagsabgeordnete mit Migrationshintergrund.“ Zwei Mal hat der Luft- und Raumfahrtingenieur bereits kandidiert, 2008 scheiterte er äußerst knapp. Dieses Mal steht er auf Listenplatz 14 und ist überzeugt: „Die FDP wird leicht und sicher die Fünf-Prozent- Hürde schaffen.“ Türker, 1969 in Malatya in der Türkei geboren, lebt seit seinem zweiten Lebensjahr in Deutschland. Sein Vater suchte damals als Bergmann im Ruhrgebiet sein Glück. Während des Studiums in Stuttgart begann Türker, sich für die Jungen Liberalen zu engagieren. 2000 zog er um nach München, inzwischen ist er Mitglied im bayerischen Landesvorstand der FDP. Türkers oberstes Ziel; „Brücken bauen“.

Er will bei anderen Migranten das Interesse für Politik wecken, erreichen, „dass sie sich mitgenommen fühlen“. Immerhin gibt es allein in seinem Stimmkreis rund 13 000 türkischstämmigeWahlberechtigte. Deshalb liegt ihm auch daran, die Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund zu verbessern. „Gerade an Schulen mit hohem Migrationsanteil müssen die Klassen kleiner werden“, fordert der Vater zweier Töchter (4 und 6). Neben der Integration setzt sich Türker, der im Vertrieb des Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzerns EADS arbeitet, für klassisch liberale wirtschafts- und finanzpolitische Belange ein: „Schulden abbauen und den Mittelstand stärken“ sei sein Anliegen, neben der Stärkung der Bürgerrechte. Im Stimmkreis Ramersdorf geht es ihm auch um Verkehrspolitik. „Wir wollen die Verlängerung der Tram 17 nach Ottobrunn“, sagt er. Die Gebiete im Südosten der Stadt müssten besser angebunden werden.

Caroline Wörmann

Freie Wähler: Johann Altmann

Unter der Woche kann man Johann Altmann (59) in Perlach begegnen – im Streifenwagen. Der ehrenamtliche Stadtrat ist seit 40 Jahren im Polizeidienst. Als Streifenbeamter, sagt er, kenne er das Viertel und seine Bewohner durch und durch. Zum zweiten Mal kandidiert Altmann nun für den Landtag. 2008 war er erst seit eineinhalb Jahren bei den Freien Wählern – denn er trat 2006 aus der CSU aus, wegen der Querelen um gekaufte Mitglieder im Münchner Osten. „Jetzt bin ich als Politiker der Freien Wähler etabliert“, sagt Altmann. „Jetzt will ich es nochmal wissen.“ Seine Themen sind Sicherheit und Verkehr. „Wir brauchen mehr Personal in den Sicherheitsbehörden“, fordert er. Polizeibeamte könnten gerade in Großstädten ihre Dienstzeiten kaum einhalten und häuften Überstunden an. In der Verkehrspolitik müssten entscheidende Weichen gestellt werden. „Schnellstmöglich“ müsse der Autobahnanschluss der A94 bis Mühldorf her, betont Altmann. Die Lösung der Nahverkehrsprobleme in München rücke wieder in weite Ferne, glaubt Altmann. „CSU und SPD lassen das Thema zweite S-Bahn-Stammstrecke einschlafen, um den Tunnel nach der Wahl zu beerdigen, weil er weit mehr als drei Milliarden kostet. Hier werde kostbare Zeit vergeudet. Im Stimmkreis Ramersdorf will Altmann vor allem mit dem Vorhaben der Freien Wähler punkten, auch die viel befahrene Chiemgaustraße zu untertunneln. Dass sein Listenplatz 21 „nicht berauschend“ ist, weiß Altmann. „Bei der CSU ist es einfach, die braucht man nur einen Besenstiel aufstellen, dann wird man gewählt.“ Er hoffe nun einfach, dass die Menschen sich die Persönlichkeiten der Kandidaten ansehen – und dann wählen, sagt er.

Caroline Wörmann

Wer noch antritt

Nicht nur die fünf in der aktuelles Legislaturperiode im Landtag bereits vertretenen Parteien schicken 2013 Kandidaten ins Rennen. Sechs weitere Bewerber stellen sich der Wahl 2013. Für die Linke geht Laura Schimmel ins Rennen. Die 27 Jahre alte Politikwissenschaftlerin rangiert auf Platz 3 der Oberbayernliste ihrer Partei. Für die ÖDP (Ökologisch-Demokratische Partei) tritt der Werbedesigner Günther Hartmann an, der bereits 2003 und 2008 für den Landtag und 2009 für den Bundestag kandidierte. Die Bayernpartei hat den Bürokaufmann Andreas Niedermeier nominiert, der 31-jährige Giesinger ist Kreisvorsitzender seiner Partei in München-Ost. Die weiteren Kandidaten im Stimmkreis sind: Florian Braig (Piraten), Norbert Kiehnast (Republikaner) und Michael Stürzenberger (Die Freiheit).

Landtagswahl Bayern in Zahlen und Fakten

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