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Bundestagswahl

SPD nach der Wahl: „Wir stehen an einem Wendepunkt“

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Sie haben es geahnt und befürchtet. Vielleicht trägt die SPD ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte auch deshalb mit Fassung. In die Trauer mischt sich fast etwas Erleichterung. Die Partei beendet das Bündnis mit der Union. Doch sie muss sich völlig neu aufstellen.

Berlin – Um 18.28 Uhr erlebt das Willy-Brandt-Haus eine Eruption. Nein, die SPD hat nicht die absolute Mehrheit erreicht. Eher im Gegenteil: Es ist ihr schlechtestes Ergebnis seit dem Bestehen der Bundesrepublik. Doch schon als Martin Schulz vor die Genossen tritt, liegt eine seltsame Trotzigkeit im Raum. Es gibt freundlichen, aufmunternden Beifall, sogar die obligatorischen „Martin, Martin“-Rufe. Und dann sagt Schulz diesen einen Satz: „Mit dem heutigen Abend endet zugleich unsere Zusammenarbeit mit der CDU und CSU.“ Das „CSU“ ist kaum noch zu hören, weil sich in diesem Moment der ganze Frust entlädt, der sich über Monate aufgestaut hat. Es ist so laut, dass Schulz den Umstehenden einen überraschten Blick zuwirft. Jeder merkt: Der Gang in die Opposition kommt aus dem tiefsten Herzen der ganzen Partei.

Die Wahlabende im Willy-Brandt-Haus sind ein guter Indikator, wie es um den Gemütszustand der Partei bestellt ist. Die Szenen wiederholen sich: 2009 stand hier der enttäuschte Kandidat Frank-Walter Steinmeier neben dem Parteichef Franz Müntefering, 2013 der griesgrämige Peer Steinbrück neben Sigmar Gabriel. Und immer wachte über all dem die Statue von Willy Brandt mit der ausgestreckten Hand – wobei man jedes Mal darauf wartete, dass er sie zum Kopf führt, um die Stirn mit all ihren Sorgenfalten hineinzulegen. Zum Vergleich: 1969 holte Brandt 42,7 Prozent.

Diesmal bekommt die SPD nicht mal die Hälfte. Doch die Genossen machen die Pleite nicht am Spitzenkandidaten fest. Schulz kommt nicht alleine, um die Verantwortung zu übernehmen. Das ganze Parteipräsidium steht bei der Rede hinter ihm auf dem Podium. „Die Partei ist geschlossen wie lange nicht“, heißt es überall.

Für den Kandidaten endet hier und jetzt eine weite Reise, na gut, eher eine Fahrt mit der „Wilden Maus“. Von Brüssel nach Berlin, einmal quer durchs Land und wieder zurück. Es ging jäh nach oben, dann steil bergab. So tief, dass schon in den Wochen vor der Wahl die Gründe für sein Scheitern analysiert wurden. Es folgten Aufrufe von Kommentatoren, dem tapfer kämpfenden Kandidaten Respekt zu zollen. Das war nett gemeint, aber eigentlich die Höchststrafe für einen, der Deutschland und Europa führen wollte. Und schließlich wurde es ein wenig lächerlich, als der abgeschlagene Schulz Angela Merkel die Vize-Kanzlerschaft anbot.

Am Wahlabend aber wirkt er entschlossener denn je. Wie seine Partei. Schon in den vergangenen Tagen, als sich die Blamage abzeichnete, hatten sich fast alle Landesvorsitzenden intern auf den Gang in die Opposition geeinigt. Im ein oder anderen Landesverband wehrten sich ein paar, die um ihre Pöstchen fürchteten. Doch als Schulz am Sonntag gegen 17 Uhr intern den Vorschlag unterbreitet, herrscht große Einigkeit.

Jetzt geht es an die Aufarbeitung. Erster Akt: Heute 11.30 Uhr, Sitzung des Bundesvorstands. „Wir stehen an einem Wendepunkt“, sagt Natascha Kohnen. Die bayerische Landesvorsitzende ist am Nachmittag aus München gelandet. Jetzt steht sie im Berliner Gedränge und versucht, Zahlen aus Bayern zu bekommen. Die sind noch etwas schlechter als im Bund – aber kein Negativrekord. Ein schwacher Trost. Auch die Bayern haben etliche Abgeordnete verloren. Bundesweit wird mit einem Minus von 50 bis 60 Mandaten gerechnet. Hunderte Mitarbeiter verlieren ihren Job. Im Willy-Brandt-Haus spielen sich an diesem Abend viele kleine Dramen ab. Kohnen warnt vor einer dramatischen Entwicklung: „Die anderen Sozialdemokratien in Europa müssen uns eine Warnung sein.“ Die Partei müsse sich nicht nur organisatorisch neu aufstellen, sondern auch inhaltlich.

„Wir haben es nicht rübergebracht, dass wir trotz der liberalen Flüchtlingspolitik die Sorgen und Nöte jener Menschen, die hier bereits leben, nicht vergessen“, sagt der bayerische Spitzenkandidat Florian Pronold. Auch er hat an seinen Wahlständen viel Unmut zu hören bekommen. In einer ersten Erhebung schätzt Infratest, dass eine halbe Million SPD-Wähler zur AfD übergelaufen sind. Auch Schulz gibt zu: „Es ist nicht gelungen, einen Teil unserer traditionellen Wählerschaft davon zu überzeugen, dass Deutschland stark genug ist, um niemanden zu vergessen.“

Es ist viel schiefgelaufen für den Mann, der anfangs so viel Hoffnung weckte. Schon als das noch von der ersten Euphorie überdeckt wurde. Der Wahlkampf war intern längst auf Sigmar Gabriel zugeschnitten, als der Vizekanzler Schulz den Vortritt ließ. Der hatte kein Programm und keine Mitarbeiter. Einen einzigen Vertrauensmann brachte er aus Brüssel mit, der sich erst mit Reiseskandälchen herumschlagen musste und dann auch noch krank wurde. Schulz aber kannte den Berliner Betrieb nicht und hatte die Innenpolitik nur aus der Ferne verfolgt. Deshalb reiste er durchs Land, um wirklich jedes Fleckchen Deutschland gesehen zu haben. Nur eine Kampagne entstand daraus nicht. Bis zuletzt fehlte ihm das Thema, das ihn von Angela Merkel unterschied. Und als am Schluss das Rennen um Platz drei immer spannender wurde, rückte die SPD völlig in den Hintergrund.

Jetzt soll sie wieder nach vorne. Man will die Rolle als Oppositionsführer nicht der AfD überlassen. Deshalb muss sich die SPD auch personell neu aufstellen. Als Schulz im Willy-Brandt-Haus erklärt, er wolle Parteichef bleiben, bekommt er lauten Beifall. Am Mittwoch will er einen Vorschlag machen, wen er als Fraktionschef will. Thomas Oppermann werden kaum noch Chancen eingeräumt. Am häufigsten ist der Name Andrea Nahles zu hören. Die 47-Jährige steht am Sonntagabend auf dem Podium demonstrativ neben Schulz. Intern wird ihr eine gute Arbeit als Ministerin bescheinigt, extern schlägt sie sich mit mäßigen Beliebtheitswerten herum. Den Ruf der eher nervigen Juso-Chefin hat sie bislang nicht ablegen können.

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Rubriklistenbild: © dpa

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