SPD-Parteichef Sigmar Gabriel.

Vor dem SPD-Parteitag

Sigmar Gabriel: Mutig oder Kamikaze?

Erst SPD, dann CDU: Die Bundespolitik wird in den nächsten Tagen von zwei Parteitreffen geprägt. Den Auftakt machen ab heute die Genossen, wo sich alle Augen auf Sigmar Gabriel richten. Der Parteichef braucht Rückendeckung.

Beim ersten gemeinsamen Auftritt benötigte Sigmar Gabriel ein wenig Nachhilfe. In ausschweifenden Worten pries der SPD-Chef Anfang November seine künftige Generalsekretärin Katarina Barley. Mit seiner Wahl der Nachfolgerin für Yasmin Fahimi hatte er das politische Berlin gehörig überrascht. Nun musste Gabriel die Entscheidung verkaufen. Dumm für ihn: Hartnäckig sprach er die tolle Frau Barley mit „ai“ am Ende aus. Bis seine designierte rechte Hand auf Nachfrage klar stellte, sie heiße „Barley wie Harley“.

Heute beginnt in Berlin der Parteitag, auf dem Katarina Barley gewählt werden soll. Und nicht nur sie: auch Sigmar Gabriel. Im auslaufenden Jahr hatten viele in der Partei die Augen verdreht, wenn die Sprache auf den Chef kam. „Sein Führungsstil ist ein noch größeres Problem als seine Sprunghaftigkeit“, sagt einer, der öfter darunter leidet. Ob Grexit oder TTIP – regelmäßig legte sich Gabriel mit der Basis an. Beim Juso-Treffen in Bremen kam es neulich zum Eklat: Der Chef ging lieber zum SV Werder ins Stadion als zum Treffen des Parteinachwuchses. Nicht nur deshalb benotet Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann Gabriel mit einer „Vier minus“.

Hat Gabriel mit den Flüchtlingen endlich sein Thema gefunden?

Doch es gibt auch die Gegenbewegung: jene, die sagen, mit den Flüchtlingen habe der Vorsitzende endlich „sein“ Thema gefunden. Von Anfang an betonte Gabriel die deutsche Verantwortung, doch viel früher als Angela Merkel wies er auf die Probleme hin. Während die Union sich zerfleischte, stand die SPD links und rechts der Kanzlerin.

Umso schmerzhafter dürfte am Wochenende eine Umfrage gewesen sein, nach der die SPD-Sympathisanten Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat favorisieren. 54 Prozent würden lieber den Außenminister nominieren, nur 23 Gabriel. „Steinmeier ist aber auch schon mal krachend gescheitert, das vergessen die Leute gerne“, erinnert die Tutzinger Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Am Ende dürfte der Kandidat Gabriel heißen. „Alles andere hielte ich für eine Überraschung.“

Morgen braucht der Vorsitzende erst einmal ein gutes Ergebnis. 83,6 Prozent waren es vor zwei Jahren, sein bis dato schlechtestes. Viel kommt auf seine Rede an. Der Vize-Kanzler ist – anders als Merkel – ein brillanter Rhetoriker. Er muss endlich aus der Defensive. Bislang konnte er von der schwächelnden Kanzlerin kaum profitieren. „Es sieht deutlich besser aus als vor einem halben Jahr“, findet der bayerische Fraktionschef Markus Rinderspacher. Diese Chance gelte es nun zu nutzen. Zugleich darf er die zarten Seelen unter den Genossen nicht verschrecken. Vor allem mit dem Thema TTIP. Der Befürworter Gabriel müsse sich an die Entschlüsse des Parteikonvents halten, heißt es. Ansonsten droht Ärger.

Es wird ein Parteitag großer Gesten

Gabriel aber liebt das Risiko. Auch die Wahl der neuen Generalsekretärin beweist das. „Mutig“ sagen die wohlmeinenden, „Kamikaze“ die anderen. Nicht weil man etwas gegen die 47-Jährige hätte. Die meisten, zumindest in Bayern, kennen sie schlicht nicht. Die Juristin hat zwar eine beeindruckende berufliche Karriere hingelegt – jetzt soll sie aber ohne jede Erfahrung einen Bundestagswahlkampf organisieren. „Außerdem gibt es Männer im Norden, die den Posten gerne gehabt hätten und die alles tun werden, um die Frau wieder nicht gut da stehen zu lassen“, gibt Ursula Münch zu bedenken. „Andererseits hat sie einen guten Stand in der Fraktion – was sie von ihrer Vorgängerin unterscheidet.“ Yasmin Fahimi, der viele ein höchst mäßige Bilanz ausstellen, wechselt als Staatssekretärin zu Andrea Nahles ins Arbeitsministerium.

600 Delegierte werden in Berlin erwartet – mit 79 stellt Bayern die zweitgrößte Delegation. Die Genossen im Freistaat hoffen auf wachsenden Einfluss in Berlin, weshalb sich neben Landeschef Florian Pronold mit Generalsekretärin Natascha Kohnen eine zweite Kandidatin für den Bundesvorstand bewirbt. „Die Sozialdemokratie der südlichen Länder Bayern oder Baden-Württemberg muss stärker vertreten sein“, sagt die 48-Jährige aus dem Landkreis München. Kohnen mahnt: „Die Wählerstimmen des Süden können 2017 für die SPD entscheidend sein.“

Sicher ist: Es wird ein Parteitag der großen Gesten. Heute mit der Erinnerung an Helmut Schmidt und Egon Bahr. Kein geringerer als Gerhard Schröder wird sie vornehmen, der Agenda-Kanzler, der auf Parteitagen lange als persona non grata galt. Das Signal: Der eine Altkanzler ist gegangen – der andere wird wieder aufgenommen.

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