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Gut behütet: Heiner Müller-Ermann(r.) hat sein Parteibuch bei Spezl Freundl im Küchenkastl deponiert, damit er nicht übereilt aus der SPD austreten kann.

Wenn die Sozialdemokratie verschwindet

SPD-Unterstützer in der Minderheit: Ewige Rebellen

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Die Sozialdemokratie hat es schwer in Bayern, die Umfragewerte sind schlecht. Wird mit Martin Schulz als Kanzlerkandidaten alles besser? Die Basis sagt: Beim Wahlkampf in Oberbayern geht’s um andere Dinge.

Dorfen/Lenggries – Manchmal hält Heiner Müller-Ermann, übermorgen genau seit 48 Jahren Mitglied der SPD, die Wut nicht mehr aus. Dann reißt er seine Haustür in Dorfen (Kreis Erding) auf und fährt voller Zorn vier Kilometer zu seinem Spezl. Denn dort liegt sein Parteibuch in der obersten Schublade im Küchenkastl. Müller-Ermann, 67, hat es dort vor 20 Jahren eingesperrt – damit er im Zorn nicht aus der Partei austritt.

Es war noch nie leicht, SPD-Mitglied in Bayern zu sein, außer vielleicht in der Nachkriegszeit, als Wilhelm Hoegner mal ein paar Jahre lang Ministerpräsident war. Gerade jetzt, zum Auftakt des Bundestagswahlkampfs, sind die Umfragewerte in Bayern besonders schlecht: 14 Prozent – das wären nochmal sechs Prozentpunkte weniger als bei der Landtagswahl. Die SPD, die große Volkspartei, verkommt im CSU-Land Bayern mehr und mehr zu einer Splittergruppe. Wie lebt es sich hier als Genosse? Und warum tut man sich das an?

SPD verliert in Bayern seit Jahren Mitglieder

Der Mitgliedspass von Heiner Müller-Ermann.

Man muss hartnäckig sein, sagt Heiner Müller-Ermann, Journalist in Rente, Halbglatze, Vollbart. „Sonst hält man’s in unserer stockschwarzen Ecke nicht aus.“ Seit 15 Jahren ist er Stadtrat in Dorfen und engagiert sich für die Umwelt, aber manchmal zweifelt er an der Politik im Allgemeinen und seinen Parteifreunden im Speziellen. Wenn es zum Beispiel um den Bau der Isentalautobahn geht, oder „wenn Sigmar Gabriel die Energiewende an die Wand fährt“. Alle paar Jahre wird er so narrisch, dass er sein Parteibuch zurückschicken will. „Aber wenn ich austrete, dann ist da noch einer weniger, der sich einbringt.“ Und deswegen gibt es den Trick mit dem Spezl und dem Küchenkastl.

Die SPD verliert in Bayern seit Jahren Mitglieder – genauso wie die anderen etablierten Parteien. 58 296 Genossen gibt es aktuell, im Jahr 1972 waren es 135 787. Zum Vergleich: Die CSU hat momentan knapp 144 000 Mitglieder – mehr als doppelt so viele als die SPD. Aber vor 26 Jahren waren es mal 180 000. Hauptgrund für den Rückgang: Die Sterbefälle überwiegen die Neueintritte.

Wenn die Sozialdemokratie verschwindet: Beispiel Lenggries

Aktiv für die SPD: Luise Gams aus Lenggries.

Was es bedeutet, wenn die Sozialdemokratie verschwindet, merkt man gerade in Lenggries (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen). Seit der Kommunalwahl sitzen nur noch Vertreter von CSU und Freien Wählern im Gemeinderat. „Da wird nicht mehr richtig diskutiert“, sagt Luise Gams, 61, ehemalige Bürgermeisterkandidatin und Chefin des SPD-Ortsvereins seit 18 Jahren. Sie war Gemeinderätin, hatte aber 2014 nicht mehr kandidiert. Und auch den Vorsitz des Ortsvereins gibt sie jetzt ab. Da es unter den 30 Mitgliedern keinen Nachfolger gibt, verliert die Lenggrieser SPD nach 71 Jahren wahrscheinlich ihre Eigenständigkeit. Im Dorf, sagt Gams, haben sowieso die wenigsten offen zur SPD gestanden und ihr Kreuzerl lieber im Geheimen gemacht.

Genossen müssen sich einiges anhören. „Was wir sagen, ist erstmal sowieso falsch“, sagt Gams. Ihre Erfolgsformel als Sozialdemokratin auf dem Land: Freundlich bleiben, in Vereinen aktiv sein und bloß nicht zu politisch werden. „Die Bundes-SPD können wir nicht verherrlichen. Da gewinnen wir keinen Blumentopf.“ Zur Diskussion zum Mindestlohn sei niemand gekommen. Beim Thema Landwirtschaft war der Saal dagegen voll.

Kritik von der Basis an Gabriel und Pronold

Die SPD hat offenbar zwei Probleme. Erstens: das Personal. „Man braucht Politiker, die gemütlich sind und mit denen man zamsitzen kann“, sagt Gams. Jetzt-doch-nicht-Kanzlerkandidat Sigmar Gabriel sei zu unnahbar für die Oberbayern. Ob mit Martin Schulz alles besser wird, sei auch nicht gesagt. Wenn man sich bei anderen Ortsvereinen umhört, hakt es bei den Sozialdemokraten auch auf Landesebene mit ihren Spitzenleuten. Bayerns SPD-Chef Florian Pronold sei nicht der richtige Mann, heißt es da oft.

Problem Nummer zwei: Die Einstellung der jungen Leute zu Parteien. Als Müller-Ermann 1968 in die SPD eintrat, war die linksgerichtete Bürgerbewegung auf dem Höhepunkt. Heute engagiere sich die Jugend zwar in Verbänden und Nichtregierungsorganisationen, mache aber einen Bogen um Parteien. Der Altersschnitt der SPD in Bayern liegt bei 61 Jahren. „Solange uns aber nichts Besseres einfällt, als unser Gemeinleben über Parteien zu organisieren, müssen wir zu ihnen hingehen“, sagt Müller-Ermann.

Die SPD in Dorfen versucht es mit einem Trick. Bei einer Diskussion am kommenden Montag zu Rechtspopulismus und Donald Trump werden nur die Gäste zu Wort kommen – die Genossen wollen zuhören und den Mund halten.

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