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Sportswashing im Fußball: Experten erklären, was hinter den Investitionen der Golf-Staaten steckt

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Von: Andreas Schmid

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Die Golfstaaten um Katar investieren Millionen in den Fußball - auch in den FC Bayern München.
Die Golfstaaten um Katar investieren Millionen in den Fußball - auch in den FC Bayern München. © Ulmer Pressebildagentur/Imago (Montage)

Die Golfstaaten pumpen seit Jahren viel Geld in den Fußball. Was sie sich davon erhoffen, liegt für Experten auf der Hand.

Doha -  Die Golfregion ist eine der reichsten der Erde. Das liegt an den Vorräten an Erdöl und Erdgas. Doch jene Bodenschätze sind endlich. Deshalb suchen Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und insbesondere Katar nach anderen Investitionsmöglichkeiten. Fündig werden sie im Sport und insbesondere im Fußball. Aus romantischen Motiven handeln die Golfstaaten dabei nicht. Der Vorwurf: Sportswashing.

Unter Sportswashing versteht man das Ziel, das eigene Ansehen durch das Ausrichten von Sportveranstaltungen zu verbessern. So soll der Fokus auf den Sport gelenkt werden, schildert Golfstaaten-Experte Sebastian Sons gegenüber Merkur.de. „Alle Golfstaaten wollen mit solchen Events von Missständen ablenken und ihre autoritäre Herrschaft stärken. Die Herrscher erhoffen sich positive Aufmerksamkeit im In- und Ausland.“ Das gelte zwar auch „für andere autokratische Regime wie Russland oder China“. Die Golfstaaten haben hierbei in den vergangenen Jahren allerdings besonders aufgerüstet und in die einst als unislamisch verpönte Sportbranche investiert. Ein Überblick.

Manchester City gegen Paris Saint-Germain: Abu Dhabi gegen Doha

In der aktuellen Champions-League-Saison kam es zum Duell Manchester City gegen Paris Saint-Germain. Die beiden nach Marktwert teuersten Fußballklubs des Planeten - und alles andere als ein normales Spiel zweier Spitzenteams. Es ist das Duell verfeindeter Emirate. Die Vereinigten Arabischen Emirate gegen Katar. Öl-Duell, Scheich-Derby, El Cashico.

Seit 2008 ist Manchester City im Besitz einer Investorengruppe aus Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Herrscherfamilie des Emirats hat weitgehend die Kontrolle über den einstigen Mittelklasseklub übernommen. Offi­ziell gehört Man­chester City Scheich Man­sour bin Zayed Al Nahyan. Gespielt wird im Etihad Stadium, benannt nach der nationalen Fluggesellschaft der VAE. Die neu gegründete City Football Group brachte neben Geld auch den sportlichen Erfolg. Auf die erste Meisterschaft nach 44 Jahren folgten vier weitere Meistertitel, zuletzt 2021.

Manchester City gegen Paris Saint Germain
Manchester City und Paris Saint-Germain haben die Gruppenphase der Champions League überstanden. Die Spiele endeten 2:1 für Manchester und 2:0 für PSG. © David Blunsden/Imago

Manchester City: Tricksereien mit dem Financial Fairplay

Den einst übermächtigen Lokalrivalen Manchester United hat man sportlich überholt. Die City Football Group investiert in ein globales Fußballnetzwerk und hat Anteile an insgesamt zehn Vereinen, unter anderem am französischen Erstligisten ES Troyes AC sowie dem New York City FC. Bei all diesen Projekten geht es auch um Imagewerbung. Negative Berichterstattung soll verhindert werden. Damit „der Ruf der Eigentümer“ nicht beschmutzt wird, wie der Aus­tra­lier Simon Pearce, Klubvorstand der City Football Group, in einer geleakten E-Mail an den Botschafter der VAE in den USA schreibt.

Weil die Zuwendungen der Investoren großzügig sind, schloss die Uefa Manchester City 2020 wegen Verstößen gegen das sogenannte Financial Fairplay von der Champions League aus. Das Financial Fairplay regelt vereinfacht gesagt, dass Klubs nicht wesentlich mehr Geld ausgeben dürfen als sie einnehmen. Ansonsten drohen Strafen. Im Fall von Manchester City ging es um Finanzbetrug durch die Verschleierung von Sponsoreneinkünften aus Abu Dhabi. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hob die Sperre jedoch auf. In der Urteilsbegründung, die Merkur.de vorliegt, heißt es: „Das Gremium ist nicht vollends davon überzeugt, dass Manchester City die Eigenkapitalfinanzierung (...) verschleiert hat.“ Ein klarer Freispruch scheint das nicht.

Katar-Investments im Sport: Das Emirat setzt auf Paris

Auch Paris Saint-Germain sicherte sich eine kräftige Finanzspritze von der Arabischen Halbinsel. 2011 übernahm die Investorengruppe Qatar Sports Investments, angeführt vom katarischen Geschäftsmann Nasser Al-Khelaifi. Seitdem: acht Meistertitel in zehn Jahren. Al-Khelaifi pflegt enge Beziehungen zu Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani, beide spielen zusammen Tennis. Al-Khelaifi ist PSG-Präsident, Chef der europäischen Fußball-Klubvereinigung ECA, führendes Mitglied im Organisationskomitee der WM 2022 und sogar Minister in Katar. Oder kurz: der mächtigste Mann im Fußballbusiness.

Sich selbst bezeichnet Al-Khelaifi als „Retter des europäischen Fußballs“, weil sich PSG nicht an den Plänen einer Super League der besten Teams Europas beteiligt hatte. Die Wahrheit scheint eher, dass Paris anders als Vereine wie der FC Barcelona oder Juventus Turin nicht so stark auf Mehreinnahmen angewiesen ist.

Nasser Al-Khelaifi (m.) und Tamim bin Hamad Al Thani (r.) zusammen mit dem einstigen Paris-Coach Carlo Ancelotti und Leonardo.
Paris bestreitet sein Trainingslager regelmäßig in Katar. Die Gelegenheit nutzen Nasser Al-Khelaifi (m.) und Tamim bin Hamad Al Thani (r.) für positive PR. Hier zusammen mit dem einstigen Paris-Coach Carlo Ancelotti. © PanoramiC/Imago

Die Qatar Sports Investments soll bereits mehr als eine Milliarde Euro in Paris investiert haben, davon ein Viertel in den Brasilianer Neymar. Der mit 222 Millionen Euro Ablöse teuerste Spieler der Fußballgeschichte wirbt im Gegenzug als Botschafter für die WM 2022. Das Emirat dachte vor einem Jahr sogar darüber nach den englischen Traditionsverein Leeds United zu übernehmen, doch die Bemühungen versandeten. Das Gegenpol 60 Kilometer von Manchester entfernt blieb aus. Der Wettbewerb zwischen Doha und Abu Dhabi geht dennoch weiter. Nächstes großes Ziel ist der Gewinn der Champions League. Das ist beiden Klubs nämlich trotz aller Investitionen noch nicht gelungen.

Die Beziehung der Golfstaaten zum Sport: „Investitionen sind immer politisch“

Katar ist längst ein großer Player im Internationalen Profisport. „Katar benutzt Sport als Soft Power Strategie“, sagt der Hamburger Universitätsprofessor und Experte für die Golfregion Eckard Woertz. „Durch die Organisation internationaler Veranstaltungen und Investitionen in internationale Spitzenklubs wie Paris Saint-Germain hofft man, dass sich dadurch der Status und der Ruf des Landes mehrt.“ Die Investitionen seien „immer politisch“, meint Sebastian Sons. „Denn in erster Linie wollen die Herrscher ihre eigene Macht konsolidieren. Sport gilt als wesentliches Instrument, um politisch mehr Einfluss zu erlangen.“

Durch die Fußball-WM gerate das kleine Katar, das nur halb so groß wie Hessen ist, in die Weltöffentlichkeit. Dieser verstärkte Blick auf das Emirat ließ die Kritik an den Missständen im Land einerseits lauter werden - hat Katar jedoch auch enorm geholfen, sagt Sons. „Katar hat sich seit der WM-Vergabe als unersetzlicher Partner vieler Regierungen etabliert, beherbergt die US-Flotte oder vermittelt zwischen den USA und den Taliban. Für das kleine Katar ist Sport also ein Instrument, sich in einer krisengeschüttelten Region einen Schutzpanzer zuzulegen, sich unangreifbar zu machen.“

Golfstaaten-Experte Sebastian Sons
Golfstaaten-Experte Sebastian Sons bereist die Arabische Halbinsel regelmäßig. Er arbeitete beim Deutschen Orient-Institut, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und der Deutschen Gesellschaft für Politik. © Tagesspiegel/Imago

WM 2022: „Sport schafft Sympathien – das hat Katar verstanden“

Katar investiert in internationale Spitzenklubs wie die AS Rom, den FC Barcelona - oder den FC Bayern. Der deutsche Rekordmeister trägt Sponsor Qatar Airways auf dem Trikotärmel und fährt regelmäßig ins Trainingslager nach Doha. Viele Fans stört das Engagement mit dem katarischen Staat, ihre Kritik wird von den Verantwortlichen jedoch kaum gehört. Die Münchner Klubbosse verteidigen den Deal.

Marketing-Experte Manfred Schwaiger kann in den Investitionen derweil kein Sportswashing erkennen. „Der Sport offeriert eine Plattform, die Golfstaaten nutzen diese“, sagt der Vorstand des Instituts für marktorientierte Unternehmensführung an der LMU München unserer Redaktion. „Das Angebot muss ja erst auf eine entsprechende Nachfrage treffen, damit ein Deal zustande kommt.“ Heißt: Vereine wie der FC Bayern ermöglichen die Reputation von Katar und anderen Golfstaaten. „Fußballklubs sind perfekte Werbeplattformen und sollen Touristen sowie ausländische Investitionen anziehen“, erklärt Sons.

Die Investitionen Katars bringen neben finanzieller Gewinne in Millionenhöhe auch politische Vorteile. Über den Sport entstehen Kontakte in die Politik, auch in die deutsche. „Partnerschaften wie mit dem FC Bayern dienen als exzellente Möglichkeit, sich auch stärker auf dem deutschen Markt zu positionieren und das Image als verlässlicher Partner zu pflegen“, sagt Sons. Zudem will Katar die Beziehung zu den USA verbessern, hat deshalb Partnerschaften mit renommierten US-Universitäten. Sons meint: „Sport schafft Sympathien – das hat Katar verstanden und eine ähnliche Strategie verfolgen auch die VAE oder Saudi-Arabien. Ihnen dient Katars Sportpolitik als Vorbild.“

Bayern-Fans kritisieren das Sponsoring durch Katar
Die Fans des FC Bayern kritisieren das Katar-Sponsoring regelmäßig, wie hier im November 2021. Im Fokus: Vorstandschef Oliver Kahn (l) und Präsident Herbert Hainer. Dazu: Bandenwerbung für Qatar Airways. © Eibner-Pressefoto/Imago

Investitionen in den Sport: Auch Saudi-Arabien rüstet auf

Tatsächlich haben auch andere Golfstaaten längst erkannt, wie sehr sie vom Sport profitieren können. Saudi-Arabien investiert in den englischen Erstligisten Newcastle United. Das Konsortium, das den abstiegsbedrohten Traditionsverein übernommen hat, besteht zu 80 Prozent aus dem Staatsfonds Saudi-Arabiens.

Der größte Golfstaat agiert dabei freilich aus wirtschaftlichen Motiven. „Saudi-Arabien will die günstige geographische Lage Newcastles nutzen, um in die dortige Logistik zu investieren und Immobilien zu kaufen“, sagt Sons, der mehrere Bücher über Saudi-Arabien geschrieben hat. Außerdem finden der italienische und der spanische Supercup in Saudi-Arabien statt.

Der Fokus der Wüsteninvestments liegt auf dem Fußball, dem lukrativsten Sport der Welt. Die Golfstaaten haben aber auch andere Bereiche im Blick. In der Formel 1 finden mittlerweile Rennen in Bahrain, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Saudi-Arabien sicherte sich die Rallye Dakar. Handball- und Leichtathletik-WM fanden bereits in Katar statt. In wenigen Monaten folgt mit der ersten Fußball-WM auf arabischem Boden das nächste Megaevent. Und damit Gelegenheit, sich zu profilieren. Klar ist laut Sons trotz kleinerer Reformen vor Ort: „Die Herrscher der Golfstaaten sehen Sportevents als Chance für wirtschaftlichen Fortschritt – nicht für demokratischen Wandel.“ (as)

Inside Katar

Dieser Text ist Teil der Reihe „Inside Katar“. Bis zur Fußball-WM im Winter wollen wir Ihnen regelmäßig Hintergrundberichte über die (sport)politische Lage in Katar geben - und dabei unterschiedliche Themenfelder betrachten. Falls Sie Anregungen, Themenvorschläge oder Kritik haben, melden Sie sich gerne unter andreas.schmid@zentralredaktion.news.

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