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Fan-Bündnis fordert strengere Regeln bei Sportwetten - und „neue Denkansätze“ durch Ampel-Koalition

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Von: Andreas Schmid

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Tipico-Bandenwerbung beim Bayern-Spiel.
Werbung für Anbieter von Sportwetten sind in der Fußball-Bundesliga allgegenwärtig. © MIS/Imago

Wann haben Sie zuletzt Werbung für Sportwetten gesehen? Es dürfte nicht allzu lange her sein. Die Anbieter sind omnipräsent - doch das soll sich ändern.

München - In der Halbzeitwerbung bei Sky zum 19. Spieltag der Fußball-Bundesliga wurde für folgende Produkte geworben: Sportwetten, HD plus, Sportwetten, Unternehmensfinanzierung, Sportwetten, Elektromarkt, TV-Programm, Sportwetten, Sportwetten. Es ist mittlerweile unmöglich, ein Fußballspiel ohne die Aufforderung zum Wetten zu verfolgen. Während der FC Bayern in Köln spielte, konnten Fans aufgrund des fast unendlichen Angebots im Internet auf das nächste Tor, die nächste Gelbe Karte oder den nächsten Einwurf tippen. Doch damit soll bald Schluss sein.

Sportwetten: Fanvereinigung fordert strengere Werberegeln

Der Verein „Unsere Kurve e. V.“ fordert umgehend eine strengere Regulierung von Sportwetten. Die Interessensvertretung von Fanorganisationen appelliert in einer Pressemitteilung an Bundesregierung und Landesinnenminister. „Wir fordern die Politik auf, Werbung für Sportwetten im öffentlichen Raum umgehend stärker zu reglementieren sowie intensive Aufklärung und Prävention zu betreiben.“

Außerdem brauche es einen „massiven Ausbau von Präventionsmaßnahmen und Anlaufstellen in den Bereichen Sucht und Glücksspiel“ sowie eine Ergänzung des Warnhinweises bei Sportwetten mit der Aussage: „Gewinne steigen nicht signifikant durch ausgereiftes Expert*innen-Wissen.“

Der Verein weist ausdrücklich auf die Suchtgefahren von Sportwetten hin. „Anders als es die Werbung suggeriert, ist eine Sportwette kein harmloses Spiel, mit dem in einfacher und schneller Weise Geld zu gewinnen ist.“ „Unsere Kurve“ stört dabei insbesondere eine Doppelmoral im Umgang mit Wettwerbung. „Im Unterschied zu Tabak, hochprozentigem Alkohol oder Pornografie darf für Sportwetten trotz des Jugendschutzes weitgehend uneingeschränkt geworben werden.“ Der Grünen-Politiker Philip Krämer erkennt in diesem Zusammenhang eine „viel höhere gesellschaftliche Akzeptanz von Sportwetten, weshalb ihr Gefahrenpotential oftmals unterschätzt wird“.

Krämer ist Mitglied im Sportausschuss des Deutschen Bundestags. Gegenüber Merkur.de spricht der gebürtige Darmstädter über eine Manipulation seitens der Sportwettenanbieter. „Die Werbungen sind oftmals sehr martialisch, sollen also den Wunsch nach einem Wettkampf wecken oder suggerieren, dass man durch umfangreiches Wissen viel Geld gewinnen kann. Beides ist in höchstem Maße manipulativ. Daher ist die Zunahme der Werbung für Sportwetten höchst problematisch und sollte von der Politik regulierend angegangen werden.“

Digitaler Parteitag der hessischen Grünen, Philip Krämer
Krämer ist 2021 erstmals in den Bundestag eingezogen. Der 29-Jährige zählt zu den jüngsten Abgeordneten. © Andreas Arnold/picture alliance

Sportwetten: Innenminister in der Pflicht - keine Mehrheit für Änderungen

Laut der CDU-Politikerin Katja Leikert gehört das Thema auf die Agenda der Innenministerkonferenz. „Die Länder sind aufgrund ihrer Zuständigkeit aufgefordert, den neuen Glücksspielstaatsvertrag nachzubessern“, sagt Leikert gegenüber Merkur.de. Die Bundestagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz ist Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Einhaltung der bisherigen Regeln werde derzeit nicht ausreichend kontrolliert, vor allem mit Blick auf den Jugendschutz. „Hier besteht Handlungsbedarf.“ Laut „Unsere Kurve“ weist die Mehrheit der Minderjährigen Glücksspielerfahrungen auf. „Etwa ein Drittel hat in den letzten zwölf Monaten gezockt.“ Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind in Deutschland 430.000 Menschen süchtig nach Glücksspielen.

Die Innenministerkonferenz beschäftigte sich erst im Dezember mit Sportwettenwerbung. Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) wollte gar ein Verbot erwirken - scheiterte aber an der Position seiner Amtskollegen. Eine einheitliche Zustimmung zur Änderung des Glückspielstaatsvertrags kam nicht zustande. Damit gibt es aktuell keine rechtliche Grundlage, die Unternehmen das Sponsoring im Sport verbietet. Im Gegenteil. Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag gelten seit Sommer 2021 sogar liberalere Regeln.

Gegenüber Merkur.de äußert sich Markus Sotirianos, Vorstandsmitglied von „Unsere Kurve e.V.“, positiv in Richtung Ulrich Mäurer. „Es ist uns wichtig, das Thema hierzulande ins Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politik zu bringen. Letztere ist dann in der Lage, neue gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Der Vorstoß des Bremer Innensenators zeigt ja, dass dies kein Luftschloss ist.“

Video: Das steckt hinter den Sportwetten-Imperien

Sportwetten: „Unsere Kurve“ gesprächsbereit - Leikert sieht nicht nur Politik am Zug

Inwiefern die Bundesregierung das Thema auf der Agenda hat, scheint allerdings fraglich. Die Begriffe „Sportwetten“ oder „Glücksspiel“ werden im Koalitionsvertrag mit keinem Wort erwähnt. „Das liegt daran, dass der Glücksspielstaatsvertrag im Verantwortungsbereich der Bundesländer liegt“, schildert der Grünen-Politiker Philip Krämer gegenüber unserer Redaktion. Der 29-Jährige versichert, die Thematik „in den kommenden Monaten in die öffentliche Debatte einbringen“ zu wollen. 

„Mit einer neuen Regierung gibt es zumindest potenziell neue Denkansätze“, meint „Unsere Kurve“ gegenüber unserer Redaktion. „Wenn zur Thematik nichts fixiert im Koalitionsvertrag steht, bietet das ja weiterhin Möglichkeiten, in einen inhaltlichen Austausch zu gehen.“ Der Verein zeigt sich dialogbereit und verweist auch auf den neuen Drogen- und Suchtbeauftragten. Die SPD hat zuletzt Burkhard Blienert für das Amt ernannt. „Auch mit ihm würden wir gerne ins Gespräch kommen.“

Leikert sieht derweil nicht nur die Politik in der Verantwortung. „Vereine, Funktionäre und Medien sehe ich ebenfalls in der Pflicht, sich kritisch zu hinterfragen.“ Leikert meint: „Gerade der Fußball hat eine Vorbild-Funktion. Die Aktion von ‚Unsere Kurve‘ stößt hier eine wichtige Debatte an.“  

Katja Leikert sitzt seit 2013 im Bundestag.
Katja Leikert sitzt seit 2013 im Bundestag. © Christoph Hard/Imago

In diese Richtung argumentiert auch Krämer: „Vereine oder Verbände könnten eine Selbstverpflichtung auf den Verzicht von Werbung für Sportwetten eingehen. Das wäre eine gute Lösung, weil die Vereine und Verbände ihrer gesellschaftlichen Verantwortung dadurch gerecht würden.“

Fußballklubs und Sportwetten - eine innige Beziehung

Für die Vereine der Fußball-Bundesliga sind Wettanbieter ein wichtiger, weil lukrativer, Werbepartner. Die meisten Klubs haben einen „offiziellen Sportwettenpartner“, wie Hertha BSC sein Engagement mit Betway beschreibt. Auch die deutsche Nationalmannschaft hat einen Werbedeal mit einem Wettanbieter abgeschlossen. DFB-Pokal und 3. Liga werden von bwin gesponsert, Tipico ist offizieller Partner der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und damit von der 1. und 2. Bundesliga. Der „Tipico-Countdown“ stimmt die Sky-Zuschauer auf die Spiele um 15.30 Uhr ein, ehe es um 18.30 Uhr zum „Tipico-Topspiel“ kommt.

Zudem werben Sportikonen wie Oliver Kahn oder Lothar Matthäus für „Ihre Wette in sicheren Händen“ und „den sicheren Tipp für euch“. Das schafft Authentizität - und soll laut „Unsere Kurve“ künftig verboten werden. Der Verein fordert: „Ein Verbot für Sportwettenanbieter, mit ehemaligen oder aktiven Sportlern, Funktionsträgern oder sonstigen Personen des öffentlichen Lebens für ihr Produkt zu werben, egal ob als Einzelperson oder als Gruppe.“

Sportwetten sind nicht nur im deutschen Sport allgegenwärtig. In der englischen Premier League, der umsatzstärksten Fußballliga der Welt, werben Wettanbieter auf den Trikots von Brentford, Burnley, Crystal Palace, Leeds, Newcastle, Southampton, Watford, West Ham und Wolverhampton. Heißt: Fast jedes zweite Team läuft mit einem Wettanbieter auf dem Trikot auf. Dass es auch anders gehen kann, zeigen Italien und Spanien. Dort gelten Werbeverbote in Fernsehen und Radio (Italien). Deutschland steht künftig vor der Entscheidung, an welchen Ländern man sich orientieren will. (as)

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