+
Ein Absprung ins Ungewisse: Christian Schmidt, erfahrener Verteidigungspolitiker der CSU, wechselt eilig ins Bundesagrarministerium.

Der neue Agrarminister Christian Schmidt

Auf dem Sprung in ein unbekanntes Feld

Berlin/München – Kuhstall statt Kundus: Christian Schmidt, der letzte Außen- und Verteidigungspolitiker der CSU im Kabinett, übernimmt in der Not das Agrarressort. Der Franke, bisher immer Reihe zwei, gilt als loyal und etwas langweilig.

Er stand im Fackelschein und wurde wehmütig. Auf dem Paradeplatz im Bendlerblock des Ministeriums traten das Wachbataillon und die obersten Generale an. Das Stabsmusikkorps spielte „Des Großen Kurfürsten Reitermarsch“. Da setzte Christian Schmidt an zu einer ungewöhnlichen Abschiedsrede. Er könne „Dinge und Zeiten nicht leicht nehmen“, sagte der scheidende Staatssekretär in die Dunkelheit. In anderen Ressorts gehe es um Steuersätze und Gesetzesdetails, „im Verteidigungsministerium geht es in letzter Konsequenz um Leben oder Tod“. Mit anderen Worten: Ich will hier nicht weg, muss aber. Die Rede schließt militärisch knapp: „Ich melde mich ab.“

Sechs Wochen ist das her, als sich Schmidt ab- und ummeldete. Nach acht Jahren als Verteidigungs-Staatssekretär – deutscher Rekord – wurde er auf den gleichen Posten ins Ministerium für Entwicklungshilfe geschoben. Es gibt wahrlich schlimmere Schicksale, ungefähr 600 Bundestagsabgeordnete nähmen jedes Regierungsamt mit Handkuss. Schmidt aber leistete sich Wehmut, weil er an der Verteidigungspolitik hängt. Weil er in der CSU der letzte Regierende ist, der sich um Sicherheit und transatlantische Beziehungen kümmerte.

Dabei hat er an jenem Abend nicht mal geahnt, wohin es ihn wirklich verschlagen wird. Über Nacht ist der 56-Jährige soeben zum Agrarminister befördert worden, Folge der Edathy-Affäre. Kein Ministerium ist ferner von seinem Fachgebiet Verteidigung – Rüben statt Rekruten.

Es ist ein riesiger Schritt aus dem Fackelschatten im Bendlerblock. Am Montagnachmittag stupst sich Schmidt seine breite Brille auf der Nase zurecht, als ihm der Bundespräsident die Ernennungsurkunde überreicht. Er wirkt, als empfinde er gerade als surreal, was da um ihn herum abläuft. Die Familie, Frau und zwei Kinder, ist aus aller Welt herbeigerast, sogar die Tochter, die in Frankreich studiert. „Ich habe eine Kuh schon kalben sehen“, erklärt er dann tapfer bei seinem ersten Presseauftritt. Er komme aus dem ländlichen Raum.

Na ja – seine Welt ist das nicht, auch wenn die Parteifreunde eilig Gründe herankarren, was er mit Agrarpolitik zu tun haben könnte. Dass er Bäckersohn ist. Dass er im Knoblauchsland wohnt, einem fränkischen Gemüseanbaugebiet. Dass er mal bei einer Erntefahrt dabei war (welcher CSU-Politiker war das nicht?). Vielleicht hat er auch schon eine Kuh gemolken, sagt eine Fürther Kollegin, zumindest die Holz-Attrappe vom Bauernverband.

Für Schmidt wird die komplizierte Materie Agrarpolitik so neu sein wie für sämtliche seiner Vorgänger, hießen sie auch Horst Seehofer, Ilse Aigner oder Hans-Peter Friedrich. Er, der jedes militärische Gerät und Rangabzeichen aller Nationen im Schlaf benennen kann, wird drei Anläufe brauchen, bis er unfallfrei „Raufutterfresserprämie“ aussprechen kann. Vielleicht wird er wie Friedrich mit verklärtem Blick auf die Weiden schauen und über die meditative Wirkung wiederkäuender Kühe orakeln. Was man halt so sagt, bis man sattelfest ist.

Als wichtiger gilt in der Berliner Politik eh, Apparate führen zu können. Schmidt kann das ohne Gebrüll, manchmal nur ist er ein bisschen grummelig. „Er schaut sich Leute sehr lange an. Vertraut nicht leicht. Steht dann aber voll hinter seinen Mitarbeitern“, sagt ein langer Bekannter. Schmidt gilt als belastbar und loyal. „Ich arbeite informell, aber nicht kumpelhaft“, sagt er. Wenn ihn Journalisten aufs Glatteis führen wollen, und sei es im Live-Interview, lächelt er sanft, fast mitleidig. Schmidt kennt extremere Situationen. Er stand mehrfach in Afghanistan am Sarg gefallener Bundeswehr-Soldaten und fand passende Worte.

Fachlich hätte es trotzdem eine logischere Lösung gegeben: Entwicklungshilfeminister Gerd Müller, den erfahrenen Agrarpolitiker. Dann hätte Schmidt im internationalen Bereich Entwicklungshilfe zum Minister aufrücken können. Beide wären auf ihren Kompetenzfeldern eingesetzt. Müller müsste außerdem weniger Englisch sprechen – neulich soll er eine internationale Delegation stammelnd mit dem Satz „Welcome to uns“ begrüßt haben, ehe eine Dolmetscherin einsprang.

Müller aber wollte unbedingt in seinem Ministerium bleiben, heißt es in der CSU. Per Telefon, von einer Jordanien-Dienstreise aus, sträubte er sich. Jetzt muss sich Schmidt eben ins neue Ressort einarbeiten. Vertraute sagen, ihm werde das gelingen, er sei fleißig und uneitel. So uneitel, dass ihm Parteifreunde ab und zu eine modernere Krawatte wünschen.

„Er ist ein ganz ruhiger, zuverlässiger Mensch“, sagt Günther Beckstein. Beide kennen sich seit 25 Jahren, sitzen im Evangelischen Arbeitskreis der CSU, die Ehefrauen sind befreundet. „Knallerbsen zünden, an denen er sich erfreut“, das mache Schmidt nicht, sagt Beckstein spontan. „Er arbeitet sachlich vor sich hin.“

Das trifft den Kern. In der Berliner Medienwelt genügt das aber nicht für Prominenz. Schon gar nicht in der Verteidigungspolitik, die viele erst beachten, wenn es um Skandale geht oder um Sparwut. „Ich bin kein Talkshowfuzzi“, sagt Schmidt über sich.

Er wäre deshalb fast ewiger Zweiter geblieben. Acht Jahre Staatssekretär, aber bei jedem freiwerdenden Ministerposten übergangen. In der CSU Parteivize mit soliden Wahlergebnissen, aber kein Schwergewicht. 2011 einer der Kandidaten für den Landesgruppenvorsitz, aber nicht durchgesetzt. Stellvertretendes Mitglied in der Evangelischen Landessynode, aber reingewählt wurde Markus Söder. Enttäuscht war er, aber gemault hat er nicht in seinen 24 Bundestags-Jahren.

Den Landwirten verspricht er, für sie zu streiten. „Ich bin dickköpfig und stur, wenn es um die Sache geht.“ Er will seine internationalen Kontakte nutzen, auch wenn der Reiseradius nun kürzer wird. Morgen geht die erste Dienstreise nach Paris. Zwischendurch werden sie dem Juristen im Agrarministerium in Windeseile die wichtigsten Themen beibringen. Darin haben die Mitarbeiter Übung. Er wird die Hilfe nutzen.

An jenem Abend im Bendlerblock hat der Staatssekretär passend dazu einen ungewöhnlichen Wunsch an das Musikkorps. Zum Abschied sollen sie ihm auch einen Beatles-Song spielen: „All you need is love“. Weil dieses Lied, so erklärt er den Generalen, „vor allem auch sagt, was man nicht schafft, wenn man nicht mitgetragen wird“.

Christian Deutschländer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kipping zweifelt Wagenknechts Souveränität an
"Bernd, das ist die Pressekonferenz der Fraktion" - nach ihrer Wiederwahl an die Fraktionsspitze weist Wagenknecht den Linke-Chef öffentlich in die Schranken.
Kipping zweifelt Wagenknechts Souveränität an
So will Seehofer Söder verhindern
Die CSU-Basis ist für einen „geordneten Übergang“ - aber mit welchem Chef? Wir beleuchten die Stimmung in der Partei und rücken Bewerber und mögliche Favoriten ins …
So will Seehofer Söder verhindern
Von der Leyen verteidigt Waffenlieferungen an Peschmerga
Die Bundeswehr bildet seit 2014 kurdische Peschmerga-Kämpfer für den Kampf gegen die Terrormiliz IS aus. Angesichts der militärischen Eskalation im Nordirak hat die …
Von der Leyen verteidigt Waffenlieferungen an Peschmerga
Steinmeier: Radikalisierung rechtzeitig verhindern
Zum 40. Jahrestag der Ermordung von Hanns Martin Schleyer hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dazu aufgerufen, alle Formen des Terrorismus rechtzeitig zu …
Steinmeier: Radikalisierung rechtzeitig verhindern

Kommentare