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Höchste Sicherheitsstufe: Vor dem Bayerischen Hof ist bereits die Polizei im Einsatz.

Es wird geredet in München

20 Staatschefs, 60 Minister: Sicherheitskonferenz beginnt

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München - Die Ordnung der Welt scheint auseinanderzufallen. Hier Gräueltaten islamischer Terroristen, dort der Krieg um die Ukraine. Diese Krisen dominieren ab Freitag die Münchner Sicherheitskonferenz. Lösungen wird es kaum geben. Immerhin: Es wird geredet.

Es ist wohl einer der stärksten Momente, die diese Konferenz in den vergangenen Jahren erlebt hat: Vitali Klitschko – einst Boxer mit Sixpack, jetzt Politiker mit Krawatte – sitzt im schicken Ledersessel auf dem Podium, neben sich den russlandtreuen ukrainischen Außenminister Leonid Koschara. Klitschko hat Bilder von den Protesten auf dem Maidan mitgebracht: von Toten, Verletzten, Verzweifelten. Der Oppositionsführer klagt an, während Koschara, die Brille auf die Stirn geschoben, mit versteinerter Miene die Fotos betrachtet. Hier, in München, sitzen die Konfliktparteien nebeneinander. Hier treffen sich die großen Krisen der Welt.

Die Szene stammt aus dem vergangenen Jahr. Klitschko und Kaschara wird man diesmal vergeblich im Hotel Bayerischer Hof suchen. Klitschko hat es nur zum Bürgermeister von Kiew gebracht und ist damit zu klein für diese Konferenz mit ihren 400 Teilnehmern – statt ihm wurde ein paar Wochen später sein blasser Begleiter Premierminister, den damals kaum einer beachtete: Arsenij Jazenjuk. Und Koschara wurde mit der ganzen Regierung von Viktor Janukowitsch nur zwei Wochen nach der Konferenz von der politischen Bühne gestürzt.

Nur die Ukraine-Krise kehrt nach München zurück. In einem Ausmaß, das vor einem Jahr wohl nicht mal die beiden Herren auf der Bühne erahnt haben. „Wir haben Krieg in Europa“, sagt Konferenz-Chef Wolfgang Ischinger, der mit seinem Plädoyer für amerikanische Waffenlieferungen an Kiew kurz vor Beginn einigen Wirbel ausgelöst hat. Auf der Konferenz will er den großen Showdown allerdings vermeiden. Zwar kommen sowohl der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko als auch der russische Außenminister Sergei Lawrow, doch Ischinger berichtet, man habe sich nach intensiver Diskussion entschieden, beide in verschiedenen Diskussionen auftreten zu lassen. Es gehe nicht um Effekte, sondern um Inhalte. Die Konferenz findet ohnehin auf zwei Ebenen statt. Hier die in der Regel gesitteten Diskussionen auf den Podien, die man auch auf Phoenix oder im Internet live verfolgen kann. Dort die vielen Hinterzimmer, in denen binnen weniger Stunden hunderte Vier- oder Sechsaugengespräche stattfinden – es kommt sonst ja eher selten vor, dass führende Vertreter von Kriegsparteien im selben Hotel nächtigen. Was dort besprochen wird, findet – wenn überhaupt – erst viel später den Weg in die Öffentlichkeit, macht dafür aber den Wert dieser Konferenz aus.

Das Münchner Treffen liegt plötzlich inmitten der großen Diplomatieoffensive von Angela Merkel, die ebenfalls nach München kommt, und François Hollande. Merkel reist direkt aus Moskau an – und fliegt nächste Woche gleich weiter nach Washington zu Barack Obama.

Dessen Stellvertreter Joe Biden und Außenminister John Kerry trifft die Kanzlerin bereits am Samstag in München. Kerry sollte gestern Abend am Flughafen im Erdinger Moos eintreffen. Biden kommt am Freitagabend – empfangen wird der US-Vizepräsident übrigens von Ministerin Ilse Aigner, weil bei Horst Seehofer statt Weltpolitik der Fasching in Franken im Terminbuch steht.

Für die Amerikaner ist vor allem das Treffen mit den Iranern interessant: Außenminister Kerry will mit seinem Kollegen Mohammed Dschawad Sarif hinter verschlossenen Türen über das iranische Atomprogramm sprechen. Ziel ist ein dauerhaftes Abkommen, das dem Iran die friedliche Nutzung der Atomtechnologie ermöglichen soll, zugleich die Entwicklung von Atomwaffen verhindert.

Insgesamt werden 20 Staats- und Regierungschefs in München erwartet und knapp 60 Außen- und Verteidigungsminister. Vor der Tür wird es wie immer Proteste geben, obwohl inzwischen auch viele Skeptiker wie Greenpeace oder Human Rights Watch am Treffen teilnehmen. Für den Glamour-Faktor ist übrigens auch ohne Ex-Boxer Klitschko gesorgt: Mit Arnold Schwarzenegger kommt ein Ex-Schauspieler und Ex-Gouverneur. Und auch ein Ex-Verteidigungsminister kehrt nach München zurück: Karl-Theodor zu Guttenberg. Inmitten all der Mächtigen kann er sich wenigstens in Ruhe bewegen.

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