Einfach und verständlich erklärt

Psychologische Wählerprofile und Social Bots: Was ist das eigentlich?

Berlin - Eine Reihe von Politikern und Experten warnt vor der neuen Art des Wahlkampfes: Social Bots, Fake News und psychologische Wählerprofile. Doch wie funktioniert das alles überhaupt?

Ein Gespenst geht um in Deutschland - die Angst vor internetgestützten Propaganda- und Desinformationskampagnen zur Bundestagswahl 2017. Politiker und Geheimdienste warnen, ihr Augenmerk gilt russischen Attacken. Hinzu kommt der Schock des durch neue Social-Media-Strategien beförderten Wahlsieg des designierten US-Präsidenten Donald Trump. Das Internet scheint zu einer Bedrohung für demokratische Prozesse zu werden. Ein Überblick:

Welche Beeinflussungsmethoden stehen zur Verfügung? 

Das Internet ist aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Plattformen wie WhatsApp oder Facebook sind für viele Menschen ein zentraler Umschlagplatz für Informationen. Das schafft neue Möglichkeiten, um manipulativ in politische Prozesse einzugreifen.

Eine Variante besteht darin, Meinungsbilder durch Social Bots zu verzerren und falsche Nachrichten zu streuen. Komplexere Möglichkeiten bieten neue Methoden zur gezielten Wähleransprache in sozialen Netzwerken. Außerdem erweitert das Internet das Arsenal der Informationskriegsführung, etwa durch Datendiebstahl und kompromittierende Hacks.

Wie arbeiten Social Bots?

Social Bots sind kleine Hilfsprogramme, die automatisch Nachrichten bei Twitter oder in sozialen Netzwerken absetzen. Sie eignen sich unter anderem dazu, jede Wortmeldung sofort mit Gegen-Tweets zu beantworten oder massenhaft Propaganda ins Netz zu speisen.

Dadurch können sie irreführende Informationen verbreiten oder einen falschen Eindruck der Stimmung zu erzeugen. "Sie verzerren Trends", erläutert Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Technischen Hochschule München. Generell aber hält er sie für überschätzt. Meist seien es Spam-Schleudern. "Die beeinflussen niemanden."

Es gebe aber auch subtile und gefährliche Bot-Strategien, sagt Politikberater Martin Fuchs aus Hamburg. Sie zielten darauf ab, Onlinedebatten zu bestimmten Themen zu kapern oder durch Spam abzuwürgen. Dadurch werde Demokratie "nicht mehr erfahrbar".

Was ist mit den Persönlichkeitsprofilen?

Weltweit für Schlagzeilen sorgtderzeit das Unternehmen Cambridge Analytica, das durch Wählerdatenanalysen und individuelle psychologische Kategorisierung Profile von Millionen US-Bürgern erstellt, diese per Internet gezielt mit Wahlwerbung versorgt und so die Kampagne von Donald Trump unterstützt haben soll. Experten warnen vor den Folgen solcher Methoden.

Sie ermöglichen es, Wähler nach Persönlichkeitsmerkmalen zu sortieren und gezielt mit politischen und emotionalen Botschaften zu mobilisieren - oder nur zu verunsichern. So lassen sich Gräben in einer Gesellschaft viel zielgerichteter ausnutzen. "Auch eine Wahl ist heute käuflich", meint Hegelich. Extremere gesellschaftliche Frontstellungen wie in den USA ließen sich aber nicht aus dem Nichts schaffen, sie entstünden aufgrund realer politischer oder ökonomischer Faktoren. "Das haben wir in Deutschland so nicht."

Wie groß ist die Gefahr durch Hacker?

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen warnt vor möglichen russischen Attacken. Im politischen Bereich gebe es "eine zunehmend aggressive Cyberspionage", betont er. Aber auch andere Akteure verfügen über die nötigen Mittel. Wie schon im US-Wahlkampf, wo Hacker E-Mails von Trumps Rivalin Hillary Clinton veröffentlichten, könnten Geheimdienste oder Aktivisten eine Seite mit erbeutetem Material schwächen.

Was ist mit Fake News?

Das geänderte Informationsverhalten der Nutzer in sozialen Netzwerken ist ein ideales Einfallstor für gezielte Desinformation", sagt Maaßen. Für dubiose Nachrichtenportale, bezahlte Propagandatrolle oder radikale "Wutbürger" ist es leicht, gefälschte Studien oder erfundene Zitate zu verbreiten, wo sie in sozialen Netzwerken einen "Nährboden" finden und ihre Wirkung unter Gleichgesinnten "wie in einer Echokammer" verstärken, erklärt der Hamburger Medienforscher Jan-Hinrik Schmidt.

Dem Experten des Hans-Bredow-Instituts zufolge weicht heute ein "substanzieller Teil der Bevölkerung" aufgrund eines Vertrauensverlusts in etablierte Institutionen auf Informationskanäle aus, in denen es um "Empörungsdiskurse" statt faktenbasierte Diskussionen geht. Fake-News könnten diese Vertrauenserosion verstärken - auch dadurch, dass sie generell Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit von Informationen säten. Soziale Netzwerke drückten sich vor der Verantwortung. "Das ist gefährlich."

AFP

Rubriklistenbild: © dpa

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