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Ein Sterbezimmer der Schweizer Organisation Dignitas in Zürich, die seit 1998 Todkranken Sterbehilfe anbietet –Vergleichbares soll es in Deutschland nicht geben.

Ärztekammer: „Sterbebegleitung statt Sterbehilfe“

München - Der Gesetzentwurf zur Sterbehilfe hat zu heftigen Diskussionen geführt. Kritik kommt von vielen Seiten. Wir sprachen mit dem Präsidenten der Bayerischen Landesärztekammer, Dr. Max Kaplan.

Gewerbliche Sterbehilfe soll künftig mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Ungeahndet bleiben soll hingegen Beihilfe durch Angehörige und andere nahestehende Personen – auch wenn diese Ärzte oder Pflegekräfte sind.

Was stört Sie an dem Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums?

Zunächst: Wir halten den Entwurf in gewisser Hinsicht für sinnvoll. Es geht darum, gewerbliche Sterbehilfe zu verbieten, auch eine Vereinslösung, wie sie der ehemalige Innensenator Roger Kusch aus Hamburg betreibt, wo das Geld dann über Beiträge kommt. Das gehört verboten – und mehr sollte der Gesetzentwurf eigentlich nicht tun.

Jetzt geht es aber um ein neues Verbot, von dem einzelne ausdrücklich ausgenommen werden sollen...

Richtig. Bislang verbietet der Gesetzgeber Töten auf Verlangen und stellt es unter Strafe. Beihilfe zum Suizid hingegen ist zwar auch nicht erlaubt, aber kein Straftatbestand. Jetzt kommt die Einschränkung, dass eine gewerblich betriebene Beihilfe zum Suizid bestraft wird, und zwar mit zu drei Jahren Haft. Allerdings differenziert der Gesetzgeber noch weiter und erklärt, wenn eine Beziehung zu dem Patienten besteht, dann sei die Beihilfe keine Straftat. Dazu gehören zunächst die Angehörigen, aber auch pflegende Personen und der Arzt, in dem Fall natürlich der Hausarzt, zu dem eine Beziehung aufgebaut werden kann. Im Rückschluss bedeutet das aber, wenn ein Arzt auf der Intensivstation das machen würde, wäre das jetzt strafbewehrt. Der Gesetzgeber verschärft hier die Situation. Und da besteht meiner Meinung nach kein Handlungsbedarf.

Wie wird es denn derzeit in der Praxis gehandhabt, wenn ein schwerkranker Mensch sterben möchte?

Aus meiner Erfahrung als Hausarzt kann ich nur sagen: So wurde das noch nie an mich herangetragen. Wenn ich einen Patienten am Ende seiner letzten Lebensphase begleite, dann will er die Sicherheit, dass ich immer da bin, wenn er mich braucht, dass ich Leiden lindere und Schmerzen beseitige, sodass es für ihn erträglich wird. Aber es hat mir noch keiner gesagt: „Geben Sie mir bitte eine Pille, damit ich tot bin.“ Darum sagen wir auch: Sterbebegleitung, aber nicht Sterbehilfe.

Wer als Angehöriger einen Sterbewilligen in die Schweiz, wo Sterbehilfe erlaubt ist, fährt, wird juristisch nicht belangt. Wie ist das, wenn man ihm in Deutschland ein zum Tode führendes Medikament beschafft?

Ein Angehöriger wird dafür nicht bestraft. Ein Arzt würde hier allerdings gegen das Berufsrecht verstoßen.

Wie bewerten Sie die Forderung nach einem selbstbestimmten Tod? Und was ist, wenn die physische Möglichkeit dazu nicht mehr gegeben ist?

Als Arzt kann ich nur Sterbebegleitung anbieten, aber keine Beihilfe zur Selbsttötung. Ich kann daher auch kein entsprechendes Medikament verschaffen. Die Frage geht aber noch weiter: Wenn jemand physisch nicht mehr in der Lage ist, sich zu töten, dann liefe es auf eine Tötung auf Verlangen hinaus – und das ist eine Straftat.

Also wenn jemand nicht mehr selbst trinken kann, geht nichts mehr?

So ist es. Aber natürlich werden wir ihm mit allen Möglichkeiten von Medikation und Palliativmedizin helfen, seinen Zustand erträglich zu gestalten.

Wie kann denn ein Laie Sterbehilfe leisten, außer den Sterbewilligen in die Schweiz zu fahren?

Auch bei einem Angehörigen geht es in erster Linie um Sterbebegleitung. Mit Sterbehilfe befindet er sich schnell in der Illegalität. Denn er wird auf legale Weise nicht an ein entsprechendes Medikament kommen. Allenfalls könnte er Medikamente wie Schlafmittel ansammeln und dann einen entsprechenden Cocktail verabreichen – allerdings mit absolut ungewissem Ausgang. Das kann also keine Lösung sein.

Interview: Monika Reuter

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