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Stiko im Kreuzfeuer: Ärzte erklären, wo sie von Empfehlungen abweichen - und kritisieren die Politik

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Von: Andreas Schmid

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Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO).
Stiko-Chef Thomas Mertens. Zuletzt nahm die Kritik an seiner Person zu. Die Ärzteschaft nimmt jedoch auch die Politik in die Verantwortung. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Späte Entscheidungen, Stress mit der Politik: Ist die Kritik an der Stiko berechtigt? Münchner Ärzte und die bayerische Ärztekammer bewerten für Merkur.de die Lage.

München - Die Ständige Impfkommission (Stiko) steht in der Kritik. Der - insbesondere aus der Politik geäußerte - Vorwurf: Die Stiko handle zu langsam, es dauere zu lang, bis sie eine offizielle Impfempfehlung erteilt. Diejenigen, die maßgeblich für Deutschlands Impfkampagne verantwortlich sind, bewerten die Situation differenzierter: Ärzte sehen zwar durchaus Verbesserungsbedarf beim Impfexpertengremium, nehmen allerdings auch die Politik in die Verantwortung.

Ärzte kritisieren die Politik: „Deren sachfremden Verlautbarungen haben für mich keine Relevanz“

Gegenüber Merkur.de erklärt die Bayerische Landesärztekammer, sich grundsätzlich an den Impfempfehlungen der Stiko zu orientieren. „Die Stiko bewertet die Sicherheit und Wirksamkeit der einzelnen Impfstoffe und führt eine Nutzen-Risiko-Bewertung für die breite Anwendung der Impfung in der Bevölkerung durch. Auf dieser Basis entscheiden die Ärztinnen und Ärzte im Freistaat, zu welchen Impfungen sie ihren Patientinnen und Patienten raten.“

Auch der Münchner Arzt Florian Vogel sagt, dass die Einschätzungen der Stiko eine entscheidende Rolle bei seiner Impfstrategie spielen. Die Impfkommission sei „als wissenschaftliche Orientierungshilfe die grundsätzliche Richtschnur für mich als impfenden Arzt“. Deswegen halte er als Allgemeinmediziner sich generell an die Empfehlungen der Stiko. „Die Verlautbarungen der Politik zum Thema Impfen haben für mich hingegen keine Relevanz, weil sie häufig von sachfremden und tagespolitischen Erwägungen geleitet sind.“

Als aktuelles Beispiel nennt Vogel den „politischen Überbietungswettbewerb zur Verkürzung der Impfabstände zwischen Grundimmunisierung und Boosterung“. Besonders ärgerlich für Vogel: „Gleichzeitig bekommen die Praxen nicht genügend Impfstoff geliefert und es wurden Impfzentren geschlossen. Damit fehlen die nötigen Voraussetzungen, um den geweckten Erwartungen in der Bevölkerung gerecht zu werden.“

Münchner Arzt Florian Vogel
Der Münchner Arzt Florian Vogel bewertet die Arbeit der Stiko grundsätzlich positiv. © fkn

Stiko: „Wohltuender Gegenpol zur Politik“ oder „bremsend in der Pandemie“?

Vogel bewertet die Stiko als einen „wohltuenden - weil unabhängigen - Gegenpol zur Politik mit ihrer derzeitigen Kakophonie der Vorschläge und Entscheidungen.“ Den Vorwurf, die Stiko entscheide zu langsam, will der Münchner Arzt nicht gelten lassen. „Bei seriöser Auswertung aller relevanten Studien und Einzelaspekte verbieten sich Schnellschüsse, wie wir sie derzeit oft bei politischen Entscheidungsträgern erleben.“ Vogel verweist zum Beispiel auf gesundheitliche und psychosoziale Langzeitfolgen sowie der Abwägung von Individual- gegen gesamtgesellschaftliches Risiko. 

Sein Münchner Allgemeinmedizinerkollege Markus von Specht sieht die Stiko derweil kritischer. Er orientiere sich an verschiedenen medizinischen Quellen wie Fachzeitschriften der Europäischen Arzneimittelagentur sowie dem Gesundheitsministerium. „Die Stiko ist prinzipiell eine Orientierungshilfe, in der Zeit von drängenden Entscheidungen aber nicht immer hilfreich.“ Aktuell spiele die Stiko „eine untergeordnete Rolle“, wenn es darum geht, wann und mit welchem Impfstoff seine Patienten geimpft werden, meint von Specht. „Leider hat diese Institution bei meiner Arbeit an Bedeutung verloren. Manchmal habe ich die Empfehlungen eher als bremsend in der Pandemiebekämpfung empfunden.“

Dr. Markus von Specht
Dr. Markus von Specht sieht die Stiko kritischer. © fkn

Kritik am Tempo: „Die Empfehlungen der Stiko sind mir zu defensiv“

Vogel findet indes richtig, dass sich die Stiko mit der Empfehlung von zum Beispiel Kinderimpfungen Zeit lässt. „Es gibt gute Gründe, sich die Entscheidung der Kinderimpfung nicht zu einfach zu machen: Da Kinder nur sehr selten schwere Covid-Verläufe entwickeln, ist bei Ihnen das Individualrisiko einer Covid-Erkrankung gegen das einer Covid-Impfung besonders sorgfältig abzuwägen.“ Aus organisatorischen Gründen werden Kinder in seiner Praxis nicht geimpft. „Das sollte primär den Kinderärzten vorbehalten bleiben.“

Von Specht impft in seiner Praxis Kinder ab fünf Jahren. „Die Empfehlungen der Stiko sind mir zu defensiv“, sagt der Arzt aus dem Münchner Westen, der auch als Lehrbeauftragter am LMU-Klinikum München arbeitet. Am 9. Dezember hatte die Stiko die eingeschränkte Impfempfehlung für Fünf- bis Elfjährige abgegeben. Für eine allumfassende Einschätzung fehlten laut Stiko-Chef Thomas Mertens erforderliche Daten. „Die Datengrundlage für eine generelle Empfehlung ist im Augenblick aus Sicht der Stiko nicht gegeben.“ Es gebe wissenschaftlich fundierte Gründe, warum die Stiko keine allgemeine Impfempfehlung für Kinder von fünf bis elf Jahren herausgegeben habe, sondern nur für vorerkrankte Kinder. Es gebe nicht genug Daten über die Sicherheit der Impfstoffe für Kinder, so Mertens. 

Stiko und die Politik: Ein Problem mit der Kommunikation?

Ein generelles Problem in Deutschlands Impfkampagne waren die unterschiedlichen Äußerungen von Stiko als wissenschaftliche Expertengruppe auf der einen und dem Gesundheitsministerium als ausführendem Politikträger auf der anderen Seite. Immer wieder gab es Abweichungen in der Kommunikation. Dabei ist die Stiko dem Robert-Koch-Institut untergestellt, das wiederum eine Behörde des Bundesgesundheitsministeriums ist. Der reibungslose Austausch sollte also eigentlich gegeben sein.

Zuletzt gab es bei den Boosterimpfungen Diskrepanzen zwischen den Haltungen von Stiko und Gesundheitsministerium. Die Stiko sprach noch Mitte Dezember von sechs Monaten Abstand zwischen Zweit- und Drittimpung, Ex-Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erachtete schon einen Monat zuvor fünf Monate als ausreichend. Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) positionierte sich ebenfalls schon vor der Stiko klar in diese Richtung. Spahns und Holetscheks Aussagen deckten sich zwar mit den Einschätzungen der EMA, aber: Stiko und die handelnde Politik gaben einmal mehr unterschiedliche Einschätzungen ab. Seit 22. Dezember empfiehlt die Ständige Impfkommission nun die Auffrischimpfungen schon nach drei Monaten.

Bayerische Ärztekammer: Stiko-Expertise vertrauen und keinen politischen Druck ausüben

In der Zeit um Weihnachten ist es schwierig, mit Ärzten in Kontakt zu treten. Sie arbeiten an der Belastungsgrenze und sind selten erreichbar. Der Alltagsstress in der Praxis wird nicht weniger, wenn klare Kommunikation abhanden geht. Denn das sorgt für Uneinigkeit, von der auch die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) spricht.

„Uneinigkeit entsteht dann, wenn, wie bei der Corona-Pandemie, raschere Entscheidungen erforderlich erscheinen, um das Infektionsgeschehen schneller eindämmen zu können“, heißt es von der Ärztekammer auf Anfrage. „Dies erfordert dann unter Umständen auch einmal einen Kompromiss, wie in Bayern durch eine Boosterimpfung nach fünf Monaten für bestimmte Personengruppen schon vor der Impfempfehlung durch die Stiko.“ Man dürfe dabei jedoch nicht übersehen, „dass die Patientensicherheit im Vordergrund steht“.

Die Ärztekammer bewertet „die wichtige Arbeit“ der Stiko „grundsätzlich positiv“. Die Ständige Impfkommission stehe auch regelmäßig mit bayerischen Ärzten im Austausch. Mitte Dezember habe es einen Vortrag eines Stiko-Mitglieds über die aktualisierten Impfempfehlungen gegeben. Gerald Quitterer, Präsident der BLÄK, hat die Politik während der Pandemie mehrfach öffentlich dazu aufgerufen, die Unab­hän­gig­keit der Stiko nicht infrage zu stellen und ihren Empfehlungen zu folgen. Denn in dem 18-köpfigen Gremium säßen die Experten, die Nutzen und Risiken von Impfungen objektiv aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse beschreiben könnten, sagt der Präsident. Man müsse der fachlichen Expertise der Stiko vertrauen und dürfe keinen politischen Druck auf sie ausüben.

Im Video: Stiko empfiehlt Booster-Impfung nach drei Monaten

Ärzte kritisieren die Politik: „Den schwarzen Peter haben dann wir“

Viele Ärzte orientierten sich auch beim Boostern an der Stiko-Empfehlung. Vogel, der sich grundsätzlich auf die Stiko beruft, erklärt, er weiche „gelegentlich“ auch von Empfehlungen ab: „Als sich beispielsweise abgezeichnet hatte, dass bei allen für einen optimalen Impfschutz eine dritte Impfung nötig ist, habe ich bereits vor der offiziellen Stiko-Empfehlung mit dem Boostern auch bei den unter 70-Jährigen begonnen.“ Kurz nach dem Gespräch gibt Florian Vogels Praxis aber das Impfen auf. „Die Impfungen stellen wir ein, weil eine geregelte Abwicklung immer schwerer wird: Es wird aktuell nur ein Bruchteil des bestellten Impfstoffes geliefert und Patienten nehmen Termine immer öfter nicht wahr - teilweise ohne vorherige Absage.“

Dass nun eine Praxis in München ihr Impfangebot einstellt, liegt gewiss weniger an der Stiko als an politischen Entscheidungen wie der Impfstoffbeschaffung. Die Impfstoffbeschaffung liegt bei der Politik - doch „den schwarzen Peter haben dann wir niedergelassenen Ärzte“, sagt Vogel.

Angesichts der Corona-Lage werden derweil klare Regelungen im Hinblick auf eine drohende Triage gefordert. Muss Impfskeptikern bange werden? Experten fällen in der kontroversen Debatte ein klares Urteil. (as)

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