Schwächsten zuerst schützen

Stiko-Chef: Länder verstoßen „schon lange“ gegen Corona-Prioritäts-Liste - weitere Aufweichung bei Hausärzten

In Deutschland gibt es Vorgaben, wer wann gegen Corona geimpft werden soll. Die aber werden in den Bundesländern nicht immer eingehalten, sagt ein Experte.

Ulm - Solange noch nicht ausreichend Corona-Impfstoff für alle da ist, muss priorisiert werden. Das stellte die Bundesregierung von Beginn an klar. Die Ständige Impfkommission (Stiko) entwickelte eine Empfehlung über mehrere Stufen, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) machte sich ein Bild und erließ die Impf-Verordnung mit drei Prioritätsgruppen.

Seit der ersten Fassung hat sich daran immer mal wieder etwas verändert. Beispielsweise stiegen Lehrkräfte und Erzieher in die zweite Gruppe auf. Doch das Vorgehen der Bundesländer bei den Corona-Impfungen sorgt weiter für Diskussionen. Nach Angaben des Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, setzen sich die Länder eigenmächtig über die Impfverordnung des Bundes hinweg. „De facto wird in den Ländern schon lange gegen die Priorisierung verstoßen“ sagte der Ulmer Virologe Thomas Mertens der Deutschen Presse-Agentur

Corona-Impfung: Stiko-Chef weist auf Abweichung von Prioritätsliste hin

Es seien schon jetzt viele geimpft worden, die nach wissenschaftlichen Kriterien der Priorisierung noch nicht an der Reihe wären. Wenn nun bereits Erzieher, Lehrkräfte oder Polizisten geimpft werden, rücken die Regierungen aus Sicht Mertens vom Ziel ab, die Schwächsten und Gefährdetsten vor schweren Corona-Verläufen zuerst zu schützen. Ein Lockern der Priorisierung dürfe aber nicht dazu führen, dass diese benachteiligt werden.

Zugleich betonte er, dass die Impfreihenfolge bislang ihre gewünschte Wirkung zeige. „Die Priorisierung mit Blick auf den Individualschutz funktioniert“, sagte Mertens. Die Daten etwa aus Mecklenburg-Vorpommern zeigten, dass es bereits deutlich weniger schwere Erkrankungen und Todesfälle in der Gruppe der über 80-Jährigen gebe. Sollte in Deutschland bald genügend Impfstoff zur Verfügung stehen, sollte es deshalb heißen: „Das eine tun, ohne das andere zu lassen“, findet Mertens.

Chef Mertens traut Hausärzten zu, sich an Empfehlungen der Ständigen Impfkommission zu halten

Um das Impftempo deutlich zu erhöhen, sollen ab April auch die niedergelassenen Ärzte in Deutschland flächendeckend mit Corona-Impfungen beginnen. Darauf einigten sich die Fachminister von Bund und Ländern am Montag in der Gesundheitsministerkonferenz. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) stehen fürs Impfen 75.000 Haus- und Facharztpraxen in Deutschland bereit.

Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko) (Archiv)

Wenn sie beginnen, erwartet Virologe Mertens eine weitere Aufweichung der Impfreihenfolge. Die Hausarzt-Impfungen würden „eine Priorisierung möglicherweise schwieriger machen“. Aber er traue den Hausärzten zu, sich möglichst bei ihren Patienten an die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu halten.

Der Deutsche Hausärzteverband selbst begrüßt die Entscheidung, Hausärzte bei den Corona-Impfungen einzubinden. „Wir sind die ersten Ansprechpartner als Hausärzte für unsere Patienten“, sagte Bundesvorstandsmitglied Anke Richter-Scheer im Deutschlandfunk. Das Impfen sei in den Hausarztpraxen gut aufgehoben. „Es heißt ja immer noch, dass wir zu Beginn dieser Aktion auch mit etwas weniger Impfstoff rechnen müssen“, betonte sie. Hausärzte könnten gut einschätzen, wer innerhalb eines Kontingents wann einen Termin brauche - ohne die vorgegebene Impfreihenfolge zu verändern.

Corona in Deutschland: „Priorisierung ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Mangel an Impfstoff“

Die Politik denkt auch schon ein bisschen weiter: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) etwa sprach sich dafür aus, schon bald auch jungen Menschen Zugang zu Impfstoff zu ermöglichen, etwa Studierenden an Universitäten.

Zur zum Teil lautstarken Kritik am schleppenden Fortgang bei den Corona-Impfungen sagte Mertens, er könne beide Seiten verstehen. Die Länder müssten den Mangel an Impfstoff verwalten, zugleich möchten viele Menschen, die laut Priorisierung noch nicht an der Reihe sind, geimpft werden. „Die Priorisierung war und ist nicht das eigentliche Problem, sondern der Mangel an Impfstoff“, sagte Mertens. Auch die fehlenden Möglichkeiten zur Umsetzung der Impfreihenfolge seien ein Problem.

Mit Blick auf den weiteren Verlauf der Pandemie hält der Stiko-Vorsitzende es für möglich, dass künftig jedes Jahr, wie gegen die Grippe, eine Impfung gegen das Coronavirus nötig sein wird. Angesichts der steigenden Impfstofflieferungen sagte Mertens, er hoffe nicht, dass wir demnächst über eine zu geringe Impfbereitschaft diskutieren müssten. Aber auch deshalb bleibe der Schutz der Schwächsten so wichtig. (dpa/cibo)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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