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Kämpfer des Islamischen Staates (Archivbild).

Analyse

Strategie des Islamischen Staates: Misstrauen als Waffe

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München - Militärisch geraten die IS-Terroristen in Syrien und im Irak weiter unter Druck. Nun exportieren sie ihr mächtigstes Mittel verstärkt nach Europa – die Angst.

Angst ist kein guter Begleiter, aber sie spielt gerade eine große Rolle im Leben vieler Menschen. Paris, Nizza, Würzburg, Ansbach – was vor nicht allzu langer Zeit eine Aufzählung mehr oder weniger bedeutender Städte gewesen wäre, ist nun eine Kaskade schlimmer Anschläge. Und aus diesen speist sich die Angst. Die Terroristen des „Islamischen Staats“ sind meisterhafte Verbreiter dieses bedrohlichen Gefühls, das empfänglich macht für leichte Wahrheiten. Warum, fragt man sich vielleicht in der U-Bahn oder im Supermarkt, sollte der junge bärtige Mann neben mir nicht auch einer von denen sein? Warum, fragt sich vielleicht der Vermieter, soll ich meine Wohnung einer afghanischen Familie geben?

„Genau diese Spaltung der Gesellschaft forciert der IS“, sagt Patrick Franke, Professor für Islamwissenschaft an der Universität Bamberg. „Die IS-Leute wollen alle Muslime auf ihre Seite bringen. Und weil viele hier lebende Muslime den westlichen Staaten gegenüber loyal sind, sollen die Anschläge der Verstärkung von Islamfeindlichkeit dienen. Um den Muslimen in Europa das Leben immer schwerer zu machen.“

Islamischer Staat: Strategie basiert auf Buch aus dem Jahr 2005

Franke, gefragt nach der Strategie des Islamischen Staats, verweist auf das Jahr 2005. Damals veröffentlicht der jordanische Journalist Fuad Hussein ein Buch über die Pläne der islamistischen Terrororganisation El Kaida. Darin beschreibt er sieben Phasen auf dem Weg zu einem fundamental-islamischen Kalifat. Dessen Errichtung haben inzwischen die aus einer irakischen Zelle von El Kaida hervorgegangenen IS-Terroristen übernommen. Die im übrigen mit der heutigen El Kaida-Führung verfeindet sind.

Den Recherchen von Hussein zufolge stand am Anfang eine Phase des Aufwachens. Durch die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sollten die USA und andere westliche Staaten zu Kriegen gegen islamische Länder angestachelt werden. Mit dem Fall Bagdads im zweiten Irakkrieg 2003 sei diese Phase abgeschlossen worden. Für die Zeit danach rechneten die islamistischen Ideologen damit, dass sich viele junge Männer der Bewegung anschließen würden. Aus einer Gruppe sollte eine Organisation, eine mächtige Bewegung werden. Schließlich wollte man in Syrien und im Irak langsam die Kontrolle über verschiedene Gebiete gewinnen – und mit gezielten Anschlägen weltweit für Aufsehen sorgen. Dann sollte zwischen 2010 und 2013 ein islamischer Staat ausgerufen werden, ein Kalifat.

Dieses Modell, darauf weist auch Islamwissenschaftler Franke hin, darf nicht als Masterplan verstanden werden, den die Islamisten nach und nach abarbeiten. Aber die Parallelen zu den tatsächlichen Ereignissen des vergangenen Jahrzehnts sind erstaunlich – im Juni 2014 rief der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi das IS-Kalifat aus.

Islamischer Staat: 2016 soll die volle Konfrontation beginnen

Auch die jüngsten Ereignisse passen teilweise in das Phasenmodell. „Im Jahr 2016 soll die völlige Konfrontation beginnen. Die Destabilisierung sowohl muslimischer als auch nicht-muslimischer Staaten ist ein wichtiges Ziel. Deshalb erleben wir gerade diese enorme Frequenzsteigerung von Attentaten weltweit“, sagt Franke. Für die nächsten Monate rechnet der Islamwissenschaftler, genau wie viele Sicherheitsexperten, mit weiteren Anschlägen. Auch in Deutschland. Dabei greifen die Terroristen verstärkt auf nach Europa gekommene Muslime zurück. Das zeigen die Attentäter von Würzburg und Ansbach, die offenbar aus der Dschihadisten-Szene gesteuert wurden.

Es ist eine paradoxe Situation entstanden: Auf der einen Seite liest man seit Monaten von Gebietsverlusten der Dschihadisten in Syrien und im Irak. In absehbarer Zeit wird mit einer Offensive der vom Westen unterstützten irakischen Armee auf die strategisch wichtige IS-Hochburg Mossul gerechnet. Die Vorbereitungen dafür sollen längst laufen. Auf der anderen Seite aber – hier kommt wieder die Angst ins Spiel – rückt die Bedrohung näher an die Menschen in Europa heran.

Der amerikanische Terror-Experte Will McCants sagt: „Die Attacken anderswo sind ein Indiz dafür, in welch großer Sorge der IS zu Hause ist.“ Nur: Was hilft dieses Wissen, wenn sich auf dem Oktoberfest oder in der Kneipe doch wieder dieses mulmige Gefühl einstellt?

Medien spielen für Islamischen Staat wichtige Rolle

Eine immer wichtigere Rolle kommt in diesen Zeiten den Medien zu – gerade weil die Menschen im Netz zunehmend orientierungslos durch die Flut an Informationen rauschen. Die französische Tageszeitung „Le Monde“ hat Anfang der Woche mitgeteilt, Fotos von Attentätern und Propagandamaterial des IS-Magazins „Dabiq“ und anderer Kanäle nicht länger zu veröffentlichen. Vielleicht kann das ein Ansatz sein, um die Debatten zu versachlichen. Vielleicht ist die Entscheidung auch pure Verzweiflung. Aber klar ist: Die Angst lebt von Bildern, auch von solchen, die im Unterbewusstsein wahrgenommen werden.

In Deutschland diskutieren viele Politiker nun darüber, die Sicherheitskräfte aufzustocken, die Vorratsdatenspeicherung zu erweitern, Abschiebungen von straffälligen Asylbewerbern konsequenter umzusetzen. Aber die eigentliche Entscheidung darüber, ob die vom IS angestrebte Destabilisierung der westlichen Gesellschaften aufgeht, wird langfristig laut Islamwissenschaftler Franke eben dort entschieden: in den Gesellschaften. „Je besser die Menschen in Europa zusammenhalten und den Muslimen zeigen, dass man prima zusammenleben kann, desto weniger empfänglich werden diese für die Propaganda der Islamisten. Die Herzen der Muslime müssen gewonnen werden.“

Auch auf die Muslime in Deutschland wächst der Druck. Nicht nur Politiker wie FDP-Chef Christian Lindner fordern von ihnen ein stärkeres Zeichen gegen die Gewalt, die im Namen ihrer Religion verübt wird. Im zurecht kritisierten Netzwerk Facebook hat der junge Muslim Tarek Mohamad vor gut einer Woche einen zehntausendfach geteilten Beitrag verfasst. „Ich will in Frieden mit meinen türkischen, deutschen, kurdischen und jüdischen Brüdern und Schwestern leben“, schreibt er. Und fordert von den Muslimen im Land: „Wir müssen aufwachen!“ Der Tenor der Nutzer ist deutlich: Mehr davon.

Terroristen des IS setzen auf misstrauische und gespaltene Gesellschaften

Die IS-Terroristen setzen dagegen auf misstrauische und gespaltene Gesellschaften. Dann bliebe die finale Phase des Modells, das der Journalist Fuad Hussein einst aus vielen Gesprächen mit Strategen der Terrorgruppe El Kaida entwickelt hat. Der allumfassende Sieg des Kalifats. „Ich denke nicht, dass es gelingen wird, den Großteil der Muslime hinter sich zu vereinen“, sagt Islamwissenschaftler Franke. „Der IS wird uns vielleicht noch vier oder fünf Jahre beschäftigen. Aber er hat sich zu viele Feinde gemacht: Saudi-Arabien, die Schiiten, die gemäßigten Muslime, sogar andere islamistische Bewegungen. Und nicht zuletzt alle westlichen Staaten.“

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