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Schneller, schneller, schneller: Immer mehr Menschen können im Alltag kaum noch abschalten.

Burnout, Erschöpfung, Gedankenstrudel

Stress im Job: So will die Politik helfen

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München - Höher, schneller, weiter: Der Druck in der Arbeitswelt nimmt zu. In ihrer Freizeit machen ihn sich viele Menschen auch selbst. Immer mehr aber haben Probleme, Schritt zu halten. Nun sucht die Politik nach Lösungen.

Es hätte so ein schöner, ausgelassener Abend werden können. Angelika Drabert ist in ihrer Freizeit eine leidenschaftliche Tänzerin. Bei einem Tanzabend lernte sie unlängst einen jungen Mann kennen. Gut gelaunt und motiviert war der. Nach zwei Tänzen aber zückte er sein Smartphone, postete ein Erinnerungsfoto – und stieg aus. Keine Zeit mehr. Hauptsache aber ein Foto auf der Facebook-Pinnwand.

Angelika Drabert hat die Nase voll von Erlebnissen wie diesem. „Das ist aber das gesellschaftliche Phänomen unserer Zeit“, sagt sie nüchtern. „Immer mehr, immer schneller.“ Drabert hat der Beschleunigung den Kampf angesagt. Die Therapeutin ist Mitglied im Verein zur Verzögerung der Zeit, der die Beschleunigung stoppen will. Ein fast aussichtsloses Ziel: Beschleunigung bestimmt unser Leben. Zu Hause, am Arbeitsplatz, beim Arzt und im Urlaub.

Die Folgen lassen sich inzwischen statistisch ablesen: Eine kleine Anfrage der Linken förderte nun im Bundestag zutage, dass 2012 in Deutschland 61,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage anfielen, die auf psychische Probleme und Verhaltensstörungen zurückzuführen waren. Zum Vergleich: 2001 lag die Zahl nur etwa halb so hoch. Dem Arbeitsministerium zufolge gehören Gesundheitsberufe, Ingenieure sowie Fertigungs- und Bauberufe zu den besonders betroffenen Gruppen.

Doch sogar die Kleinen leiden schon. Angelika Drabert beobachtet seit 33 Jahren Kinder in ihrer Praxis. „Ich sehe, welchen Stress Eltern sich und ihren Kindern machen.“ Die Erwartungen an den Nachwuchs sind riesig. Lesen, Schreiben, Rechnen soll das Kind können – natürlich schon vor der Einschulung. Klappt das nicht, schrillen bei Mama und Papa die Alarmglocken. Nachhilfestunden müssen her. Das Kind rotiert. Bei der Erziehung ihres Sohnes versucht die Therapeutin, diese Fehler zu vermeiden. Natürlich hat er trotzdem längst erste Gehversuche in sozialen Netzwerken hinter sich. Facebook, Twitter und Instagram stehen sinnbildlich für Beschleunigung. „Wir haben uns von diesen neuen Reizen abhängig gemacht“, sagt Drabert.

Aber was steckt genau hinter dem Modewort „Beschleunigung“? Hartmut Rosa (48) sucht seit Jahrzehnten eine Antwort auf diese Frage. Rosa ist auf diesem Gebiet der Fachmann schlechthin. Sein Wort hat Gewicht. 2005 ging der Soziologe der Universität Jena erstmals dem scheinbar neuen Phänomen Beschleunigung auf den Grund. Für ihn gibt es drei Arten der Beschleunigung: die technische, die Beschleunigung des sozialen Wandels sowie die Beschleunigung des Lebenstempos.

Begonnen hat alles mit der technische Beschleunigung während der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert. Sie ist also kein neues Phänomen, sondern begann schon mit der Umstellung auf maschinelle Produktion vor knapp 200 Jahren. In Deutschland steht die Eisenbahn sinnbildlich für die industrielle Revolution. Mit dem „Adler“ von Nürnberg nach Fürth in neun Minuten. Das glich einer Sensation. Dennoch hatten Menschen Angst, wahnsinnig zu werden – bei 30 Kilometern pro Stunde. Eine atemraubende Geschwindigkeit 1835.

Mittlerweile hat die technische Entwicklung Platz gemacht für die digitale. Erfindungen wie das Internet und Smartphones oder Computer sollten die Dinge leichter machen und Arbeitszeit sparen. Wir wollten mehr Freizeit. Erreicht wurde das Gegenteil: Jede neue Technik raubt uns mehr Zeit. Unser Leben läuft davon. Soziologe Rosa sagte in einem Interview mit der „Wirtschaftswoche“: „Der Ausgangspunkt meiner Überlegungen war: Wo bleibt unsere gewonnene Zeit?“ Seine Antwort: Wir verlieren Zeit und arbeiten noch mehr und vor allem noch schneller.

Rosas Lieblingsbeispiel von Brief und E-Mail stützt die These: Angenommen, eine Sekretärin musste früher auf zehn Briefe antworten. Am PC schafft sie es heute ohne Weiteres, in der halben Zeit zehn Mails zu tippen. „Das Problem besteht nun darin, dass ich statt zehn Briefen heute 20 Mails schreibe“, sagt Rosa „und über 20 unterschiedliche Vorgänge nachdenke“. Wer da nicht mitmachen will, bleibt auf der Strecke. Und wer nicht mehr mitmachen kann, landet beim Psychologen – mit Depressionen oder Burnout.

Die technische Beschleunigung löste auch noch die dritte Ebene der Beschleunigung aus: die des sozialen Wandels. Denn nach der stressigen Arbeit ist längst nicht Schluss. Zu Hause wartet die nicht weniger fordernde Familie. Für ein Tennismatch mit dem besten Freund bleibt nur am Wochenende Zeit. Für die Bergwanderung in den Alpen bestenfalls ein paar Stunden am Abend. Selbst in der Freizeit und im Urlaub stehen wir also unter Druck, jede Minute sinnvoll zu nutzen. Einmal nichts tun und ausruhen? Das ist verpönt. Zeit ist kostbar, Freizeit schon lange keine „freie Zeit“ mehr.

„Auch wenn ich mich 20 mal klonen würde, könnte ich nicht das gesamte Kulturprogramm in München an einem freien Abend wahrnehmen“, sagt Drabert das Problem. Das Freizeit-Angebot ist riesig. Die gesellschaftliche Erwartung, alles ausprobieren zu müssen, noch größer. Früher war das anders. Deshalb geht Rosa davon aus, dass wir die Beschleunigung schon verinnerlicht haben. „Unser Verständnis für Muße hat sich geändert.“ Der klassische Feierabend als Sinnbild für Muße hat ausgedient. Wir sind gefangen in der Spirale der Beschleunigung – ohne es zu merken.

Dagegen wehrt sich Drabert. Nicht gegen den technischen Fortschritt. Nicht gegen den sozialen Wandel. Beides ist nicht aufzuhalten. Ihr geht es ums Innehalten, ums Nachdenken und darum, das ohnehin schon stressige Leben nicht noch stressiger zu machen. Die kleinen Dinge sind entscheidend: „Muss ich mich wirklich über die verpasste Tram ärgern? Warum zücke ich in jeder freien Minute mein Smartphone? Wieso nehme ich mir im Büro nicht eine kurze Pause?“ Mit Vorträgen, Workshops, Zeitschriften will der Verein zur Verzögerung der Zeit jedem helfen, die Beschleunigung zu stoppen. „Wir werden sonst immer mehr zu Maschinen. Denn das ist die Idee der Unternehmen: Mit Maschinen kann man alles machen“, sagt Drabert.

Eine Umfrage der Initiative Gesundheit und Arbeit ergab unlängst, dass zwei Drittel der befragten 2000 Erwerbstätigen regelmäßig mehr als das vereinbarte Pensum arbeiten. Von diesen 65 Prozent fühlt sich jeder Fünfte durch die Erwartung des Arbeitgebers belastet, Mehrarbeit leisten zu müssen. Die Politik diskutiert das Thema deshalb immer lauter. Die bayerische SPD will dem Faktor Zeit im November gleich einen ganzen Parteitag widmen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lässt derzeit in ihrem Hause eine Anti-Stress-Verordnung auf Bundesebene prüfen. Man versuche, alle vorliegenden Erkenntnisse gemeinsam mit der Bundesanstalt für Arbeitsschutz systematisch aufzuarbeiten, um zu konkreten Handlungsempfehlungen zu kommen. Keine dienstlichen Emails mehr nach Feierabend, lautet eine der Ideen. Aus der Union kommen kritische Stimmen. „Solche realitätsfernen Ideen können sich nur dekadente Gesellschaften leisten“, schimpfte Fraktionsvize Michael Fuchs im „Spiegel“.

Tatsächlich versuchen inzwischen auch erste Unternehmen, der Entwicklung gegenzusteuern. VW gehörte zu den ersten. Eine halbe Stunde nach Arbeitsende leitet der Server keine E-Mails mehr auf die Blackberry-Handys der Beschäftigten weiter – erst eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn am nächsten Tag schaltet er sich wieder ein. Gestern kündigte auch Daimler einen Schritt zur „emotionale Entlastung“ seiner Mitarbeiter an. Diese, so erklärte Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth in Stuttgart, sollten sich künftig im Urlaub erholen und keine geschäftlichen E-Mails lesen. Deshalb können sie künftig alle während der Abwesenheit eingehenden Mails löschen lassen. Beschäftigte des Autobauers sollen so bei ihrer Rückkehr „mit einem sauberen Schreibtisch“ starten – vorausgesetzt sie wollen das auch.

Acht Tipps zur Entschleunigung

1. Natürliche Heilquelle Schlaf Nirgends lässt sich so viel Energie tanken wie im Schlaf. Manchen Menschen reichen fünf Stunden, um ihre Reserven aufzufüllen, andere brauchen sogar neun oder mehr. Achten sollte man auf die richtige Temperatur im Schlafzimmer: Die liegt im Optimalfall zwischen 14 und 18 Grad.

2. Ankerpunkte setzen Wer in der Spirale der Beschleunigung gefangen ist, braucht etwas, um sich festzuhalten: einen Ankerpunkt im Leben. Beispiele dafür sind Familie, Freunde, ein Hobby, aber auch Rituale wie zum Beispiel Morgengymnastik. Solche Konstanten verdeutlichen einem, was im Leben wirklich wichtig ist.

3. Heißes Bad zu ruhiger Musik Gönnen Sie sich doch ab und zu ein heißes Schaumbad – aufbereitet mit Badeöl oder Badesalz. Kombiniert mit entspannten Klängen (Musikstücke mit 60 bis 70 Beats pro Minute) oder einem Hörbuch wirkt das Bad erholend und beruhigend.

4. Wochenende im voraus planen Zeit zum Erholen und Entspannen gibt’s am Wochenende genug. Möchte man meinen. Oft sind Samstag und Sonntag aber vollgepackt mit Terminen. Die Lösung: Arbeitnehmer sollten schon im voraus ihr Wochenende planen und nur die wichtigsten Termine berücksichtigen. Wichtig: Zeit fürs „Nichtstun“ und seinen Ankerpunkt einplanen.

5. Smartphone zur Seite legen Nach Dienstschluss einfach abschalten – das gilt nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für ihre Smartphones, Handys und Tablets. Nachrichten vom Chef oder den Kollegen müssen nicht in der Freizeit beantwortet werden. Das reicht auch noch am nächsten Tag.

6. Zeit für„Nichtstun“ reservieren In unseren Terminkalender tragen wir alles ein: Den Besuch beim Friseur, Geburtstage, um pünktlich bei Freunden anzurufen oder den Stammtisch. Warum nicht ein paar Stunden fürs „Nichtstun“ reservieren? Sollte es tatsächlich zu einer Terminkollision kommen, ist man eben beschäftigt: mit „Nichtstun.“

7. Spieleabend mit Freunden Auch wenn Spieleabende ein bisschen aus der Mode gekommen sind: Zur Erholung taugen sie noch immer und fordern auf spielerische Art den Geist. Die Alternative zum Spieleabend: ein gemeinsamer Kochabend mit Freunden.

8. Urlaub ausklingen lassen Vom Ballermann direkt ins Büro – das ist falsche Weg. Optimal nach dem Urlaub sind ein oder zwei weitere (stress-)freie Tage zuhause. Erinnerungen und Eindrücke lassen sich so schnell verankern und konservieren. Souvenirs und Bilder helfen dabei.

Mike Schier/ Andreas Mayr

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