+
Nach der tödlichen Messerattacke herrschen unruhige Zeiten in Chemnitz.

Faktencheck

„Hetzjagd“-Video aus Chemnitz echt - Ermittler widersprechen Maaßen

Ein Video über eine mutmaßliche „Hetzjagd“ auf einen Migranten in Chemnitz hat hohe Wellen geschlagen. Die Staatsanwaltschaft stuft die im Internet verbreitete Sequenz als echt ein.

Update vom 7. September: Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden hält das Video von einem Übergriff auf Ausländer in Chemnitz für echt. „Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass das Video ein Fake sein könnte“, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein „Zeit online“. Es werde deswegen für die Ermittlungen genutzt. Er wisse nicht, aufgrund welcher Informationen Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zu anderen Schlussfolgerungen gekommen sei. Maaßen hatte die Echtheit des Videos angezweifelt und war deswegen heftig kritisiert worden.

Laut „Zeit Online“ und Zeit zeigt ein bisher unveröffentlichtes weiteres Video teilweise die gleichen Männer, wie sie auf dem von Maaßen angezweifelten Aufnahmen zu sehen sind. Das Video sei tatsächlich auf der Bahnhofstraße in Chemnitz am vergangenen Sonntag aufgenommen worden. Das zeigten die Standortdaten des Handys. Aufgenommen sei es von einem Afghanen, der kurz danach mutmaßlich zum Opfer eines ausländerfeindlichen Übergriffs wurde. Das Video liege der Zeit vor.

Maaßen zweifelt Berichte über „Hetzjagden“ in Chemnitz an

Berlin - Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen hat Zweifel an Berichten über „Hetzjagden“ rechter Demonstranten gegen Migranten in Chemnitz geäußert. Der Bild sagte er: „Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.“ Auf welches Video er sich konkret bezieht, sagte der 55-Jährige nicht.

Um welches Video geht es?

Mutmaßlich bezieht sich Maaßen auf ein Video, das der Twitter-Nutzer „Antifa Zeckenbiss“ am 26. August um 20.56 Uhr veröffentlicht hat. Bis Freitag wurde es mehr als 370.000 Mal aufgerufen. „Antifa Zeckenbiss“ beschreibt die Szene im Text als „Menschenjagd“: Zu sehen ist eine Gruppe, die so aggressiv auf einen jungen Mann in Jeans zugeht, dass dieser wegrennt, dazu sind Parolen wie „Haut ab“, „Kanaken“ und „nicht willkommen“ zu hören.

Welchen Ort zeigt das Video?

Die Aufnahme lässt sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der Chemnitzer Bahnhofsstraße an der Johanniskirche verorten. Details aus dem Video, wie ein Kirchturm, Straßenschilder, eine Werbetafel und die Bebauung, sind in Satellitenaufnahmen wiederzuerkennen.

Wann wurde das Video aufgenommen?

Das Wetter und die Kleidung der Menschen im Video passen zu den äußeren Bedingungen am 26. August in Chemnitz. Die Schatten stimmen mit dem Sonnenstand am späten Nachmittag dieses Tages überein. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von „Antifa Zeckenbiss“ um 20.56 Uhr war es in Chemnitz allerdings schon dunkel - es ist also einige Zeit zwischen Vorfall und Upload vergangen.

Hier lesen Sie den News-Ticker aus Chemnitz

Wer hat das Video aufgenommen?

Das ist unklar. Das Hochkant-Format, die ruckartigen Bewegungen und die Bildqualität sprechen für die Handyaufnahme eines Amateurs. Es ist denkbar, dass „Antifa Zeckenbiss“ nicht selbst der Urheber des Videos ist: Der Account veröffentlicht regelmäßig Videos von verschiedenen Orten, die geografisch weit gestreut sind. Zudem hatte bereits knapp vier Stunden vor dem Tweet der freie Journalist Johannes Grunert, der für „Zeit Online“ aus Chemnitz berichtete, von Übergriffen auf Migranten exakt an dem Ort geschrieben. Die dpa hat „Antifa Zeckenbiss“ auf Twitter für Nachfragen kontaktiert.

Was sagen die Behörden zu dem Vorfall?

Einem Bericht des „Zeit“-Ablegers „Zett“ zufolge ist der verfolgte Mann im Video ein 22-jähriger Afghane. Er habe am 29. August wegen des Vorfalls bei der Polizei Anzeige erstattet. Die Polizei Chemnitz wollte sich dazu auf dpa-Nachfrage nicht äußern. Der Sprecher der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Wolfgang Klein, bestätigte der dpa am Freitag aber eine Anzeige in Zusammenhang mit diesem Video. Ein Mann habe eine Strafanzeige wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung gestellt. Klein wollte sich nicht festlegen, ob der Mann, der die Anzeige stellte, der Verfolgte ist. Die Ermittlungen liefen, weitere Angaben machte Klein aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht.

„Wohlüberlegt“: Seehofer verteidigt Asyl-Aussage - und sieht keinen Widerspruch zu Merkel

Dunja Hayali diskutiert über Chemnitz-Ausschreitungen: Meuthen attackiert Merkel

Experte findet Chemnitz-Konzert „den falschen Weg“

AfD-Funktionär soll Programm erklären - da wird Lanz persönlich

Geheimer Deal mit der AfD? Söllner äußert schweren Verdacht über Seehofer*

dpa

*merkur.de gehört zum deutschlandweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

SPD-Chefin will "Bürgergeld" ohne Gängelung statt Hartz IV
Die auf 14 Prozent abgestürzte SPD sucht händeringend nach einem neuen Profilierungsthema. Viele sehen in Hartz IV die Wurzel allen Vertrauensverlustes. Das Problem: Die …
SPD-Chefin will "Bürgergeld" ohne Gängelung statt Hartz IV
Frau stirbt bei Protest gegen hohe Spritpreise in Frankreich
Blockierte Straßen, Kreisverkehre und Mautstellen: In Frankreich demonstrieren Zehntausende gegen geplante Steuererhöhungen auf Diesel und Benzin. Bereits zu Beginn des …
Frau stirbt bei Protest gegen hohe Spritpreise in Frankreich
Neues Brexit-Chaos: Fünf Minister sollen May erpressen
Die britische Premierministerin setzt sich mit ihren Brexit-Plänen im eigenen Kabinett durch. Doch nicht nur im Parlament steht Theresa May noch ein schwerer Kampf …
Neues Brexit-Chaos: Fünf Minister sollen May erpressen
„Abscheu und Empörung“: ARD-„Tagesthemen“-Kommentatorin rechnet mit Mays Brexit-Kurs ab
Welchen Kurs wird Premierministern Theresa May in Zukunft im Brexit fahren? Wenn es nach einer „Tagesthemen“-Kommentatorin geht, darf es auf jeden Fall nicht so weiter …
„Abscheu und Empörung“: ARD-„Tagesthemen“-Kommentatorin rechnet mit Mays Brexit-Kurs ab

Kommentare

Hubertus StadlerAntwort
(0)(0)

Schwach. Ganz schwach. Mehr haben Sie nicht zu bieten? :-)

Marcus AntoniusAntwort
(0)(0)

Wenn er ehrlich ist müßte er das tun denn es ist die Wahrheit

PietAntwort
(1)(0)

Sagt Ihnen der Begriff latent etwas? Latenter R...ismus muss nicht zwangsläufig eindeutig geäußert werden, der ist manchmal einfach nur vorhanden. In Form von kleinen Handlungen oder Äußerungen dann manchmal doch zu erahnen. Beispielsweise indem jemand Verständnis zeigt für das Begehen von Straftaten seitens bestimmter Gruppen. Oder indem anderen Gruppen pauschal Straftaten unterstellt werden. (Ihr Hinweis, ich möge doch mal eine Gruppe "Schutzsuchender" fotografieren).
Die Paragrafen für Körperverletzung und Sachbeschädigung dürfen Sie sich selber raussuchen. Und selbst das reine Androhen von Gewalt durch schwenken der Fäuste kann schon eine Straftat sein...
Und ja, dass die Medien vorverurteilend den Begriff "Mord" verwendet haben, finde ich genauso verwerflich und unverständlich.