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Ein Chanukka-Leuchter zum jüdischen Lichterfest (Symbolbild).

„Das darf Europa nicht hinnehmen“

Studie: Antisemitismus nimmt aus Sicht der jüdischen Bevölkerung zu

Viele Juden in Europa haben Angst vor tätlichen Angriffen. Schikanierungen melden sie der Polizei oft nicht. Ist Antisemitismus der Normalfall?

Wien - Ein Großteil der jüdischen Bevölkerung in der EU hat laut einer Studie das Gefühl, dass der Antisemitismus in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen hat. 63 Prozent der Befragten aus zwölf Ländern gaben in der Erhebung der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) an, dass sich der Antisemitismus deutlich verstärkt habe. 23 Prozent sprachen von einer leichten Verstärkung. 45 Prozent bezeichneten Antisemitismus als ein „sehr großes Problem“. Die Befragten aus Deutschland antworteten bei diesen Fragen ähnlich wie der Durchschnitt aller Befragten.

Der erste Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, zeigte sich angesichts der Zahlen tief besorgt. Die jüdische Gemeinschaft müsse sich in Europa sicher und zuhause fühlen. „Es gibt kein Europa, falls Juden sich in Europa nicht sicher fühlen“, sagte Timmermans. Dies sei eine Verantwortung aller staatlichen Stellen - egal ob auf europäischer, nationaler, regionaler oder lokaler Ebene.

Heiko Maas fordert: „Wir müssen aufstehen gegen Antisemitismus“

Er wünsche sich nicht nur als Mitglied der EU-Kommission, sondern auch als Vater, dass jeder junge Europäer die Geschichte Europas kenne, besonders die des Holocausts. In der vergangenen Woche hatten die Innenminister der EU-Staaten eine Erklärung zum Kampf gegen Antisemitismus verabschiedet und zum besseren Schutz jüdischer Gemeinden und Einrichtungen aufgefordert.

Bundesaußenminister Heiko Maas schrieb auf Twitter, es sei beschämend für Deutschland, wenn die Juden hierzulande über die letzten fünf Jahre sagten, dass 52 Prozent von ihnen belästigt worden seien, sich 75 Prozent nicht trauten, die Kippa zu tragen und 46 Prozent bestimmte Orte mieden. „Wir müssen aufstehen gegen #Antisemitismus!“, forderte Maas.

Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte zu der Studie: „Die Nachricht ist erschütternd.“ Das Innenministerium habe mit der Einsetzung eines Beauftragten für jüdisches Leben in Deutschland unter Beweis gestellt, dass es eine solche Entwicklung nicht tatenlos hinnehme.

Antisemitismus ist keine exklusive Einstellung des rechten Randes

Die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer ergänzte: „Es ist der Bundesregierung natürlich ein besonderes Anliegen, dass sich jüdisches Leben in Deutschland frei und sicher entfalten kann und weiter gestärkt wird.“ Die Erinnerung an den Holocaust mahne zur Verteidigung der Werte der Demokratie. „Dazu gehört, dass Jüdinnen und Juden in unserem Land sicher leben können.“

Auffällig ist - wie schon andere Studien gezeigt haben - dass Antisemitismus keine Einstellung allein des rechten Rands ist. Zu den häufigen Täter-Gruppen zählten Menschen mit extremen muslimischen Einstellungen (30 Prozent), gefolgt von Menschen aus der eher linken Szene (21 Prozent), Arbeits- oder Schulkollegen (16 Prozent), Menschen aus dem Bekanntenkreis (15 Prozent) und Personen mit eher rechtsextremen Ansichten (13 Prozent).

40 Prozent der mehr als 16 000 Befragten machen sich laut Studie Sorgen, dass sie in den nächsten Monaten Opfer eines gewalttätigen Angriffs aufgrund ihrer Religion werden könnten. Tatsächlich passiert ist das in den vergangenen zwölf Monaten laut der Studie nur zwei Prozent der Befragten. Fast jeder Dritte wurde aber Opfer einer Belästigung oder Beleidigung. Aus der Erhebung geht hervor, dass Schauplätze für Antisemitismus vor allem das Internet und die Sozialen Medien sind.

„Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent ist“

Zu den im Internet verbreiteten antisemitischen Vorurteilen zählen laut der FRA-Studie Aussagen wie „Israelis benehmen sich wie Nazis gegenüber den Palästinensern“, „Juden haben zu viel Macht“ und „Juden nutzen die Opferrolle im Holocaust für ihre eigenen Zwecke aus“. „Die Ergebnisse zeigen, dass Antisemitismus in der Öffentlichkeit präsent ist, dabei werden negative Klischees wiederholt und eingeprägt“, heißt es in der Studie.

Viele Juden melden Schikanierungen demnach gar nicht der Polizei. 80 Prozent seien weder zur Polizei noch zu sonstigen Organisationen gegangen, schrieb die Agentur. Grund dafür sei oft der fehlende Glaube, dass sich durch eine Anzeige etwas ändern würde. Viele fanden die Bedrohung oder Belästigung demnach auch nicht ernsthaft genug, um sie zu melden. Diese Erkenntnisse ähneln stark denen aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Agentur über Schwarze in Europa. Auch in dieser Gruppe melden demnach die wenigsten Opfer von Diskriminierungen die Vorfälle - unter anderem, weil sie der Polizei nicht vertrauen oder Angst vor ihr haben.

„Das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen“

Insgesamt legt die Studie über die jüdische Bevölkerung nahe, dass für viele der Antisemitismus schon so verbreitet ist, dass einzelne Vorkommnisse unbedeutend seien. „Aber jeder antisemitische Vorfall ist in seinem Kern eine Attacke auf die Würde eines Menschen und kann nicht als lästig abgetan werden“, mahnen die Autoren.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warnte: „Antisemitismus als Normalfall - das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen.“ Die EU-Staaten müssten sich viel stärker dagegen engagieren.

Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongress', nannte die Ergebnisse der Umfrage zwar schockierend, betonte aber auch, sie seien nicht überraschend. „Was die ungezügelte Ausbreitung des Antisemitismus in Europa aufhalten kann, ist nicht nur die Verbesserung der körperlichen Sicherheit, sondern auch Bildung.“ Nun liege es mehr denn je an den politischen Führern, den Ton dessen zu setzen, was in Europa ein akzeptabler Diskurs sei.

Lesen Sie auch: Tausende Gegendemonstranten stoppen Rechte in Berlin: „Nie wieder Antisemitismus“

In Berlin wurde ein 21-Jähriger von einem Unbekannten ins Gesicht geschlagen, weil er sich auf Hebräisch unterhielt.

dpa

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