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Wer drin ist, hat das längste Warten hinter sich: Termine beim Facharzt sind rar.

Studie zu Arzt-Terminen belegt

Kassenpatienten müssen sich hinten anstellen

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München - Kassenpatienten bitte hinten anstellen. Ganz hinten. Eine Studie der Grünen belegt, wie gesetzlich Versicherte bei Arztterminen im Nachteil sind. Ein Fehler im System – oder einfach freie Marktwirtschaft?

Die Sprechstundenhilfe griff zur Lüge. Den Kassenpatienten mit Rückenproblemen könne man leider nicht behandeln, die Praxis sei „nur im Bereich der Fußgelenke aktiv“. Kein Termin. Als wenig später ein Privatpatient mit Rückenproblemen anrief – herzlich willkommen, Termine immer frei.

Der Fall aus der Orthopädiepraxis ist der unschöne Gipfel in einer Erhebung der Landtagsfraktion der Grünen. Mit einem simplen Trick testete ein Telefoncenter im Auftrag der Fraktion, wo in Bayern Kassenpatienten beim Facharzt benachteiligt werden. Zwei Anrufe pro Praxis mit dem gleichen, vorgetäuschten Problem: Einmal wurde zu Gesprächsbeginn jeweils die gesetzliche, einmal eine private Versicherung genannt. Die Ergebnisse sind für Kassenpatienten nicht überraschend, bringen die Zunft aber in Erklärungsnot.

Bayernweit warten Kassenpatienten im Schnitt 17 Tage länger auf einen Facharzttermin: Nach 28 Tagen sind sie dran, nach elf Tagen bereits private Patienten. Auffällig sind regionale Unterschiede zulasten Nordbayerns: In Aschaffenburg liegt die Differenz bei 30 Tagen, in Würzburg sind es 28, in Bayreuth, Bamberg und Hof 20. Kleiner ist die Spreizung in Rosenheim (9), Landshut/Straubing (10) und München (12).

Theresa Schopper kennt das aus ihrem Alltag. Sie ist gesetzlich versichert, hat ein chronisch krankes Kind – und wartet oft. „Mir geht’s nicht darum, dass man die einzelnen Ärzte hinhängt und sagt, die hätten kein Berufsethos“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion: „Es ist ein Fehler im System.“ Der Arzt folge eben den wirtschaftlichen Anreizen. Für Privatpatienten, das sind gut zehn Prozent der Bevölkerung, kann der Arzt den mindestens 2,3-fachen Satz abrechnen.

Der Rest ist eine Argumentationsschlacht. Schopper klagt über „Zwei-Klassen-Medizin“. Sie streitet für eine Bürgerversicherung: Alle müssen einkommensabhängige Beiträge zahlen, mit Solidarausgleich, ohne Unterschied beim Ärztehonorar. Natürlich präsentiert Schopper die Studie auf Fraktionskosten deshalb mitten im Wahlkampf. Sie legt sich auch nicht offensiv mit den Ärzten an, betont, dass in 30 Prozent der Praxen Kassen- und Privatpatienten gleich behandelt würden bei Terminvergaben.

Freunde der privaten Versicherungen kontern, dass die höheren Honorare auch Kassenpatienten zugute kommen: Ohne Einnahmen von Privatpatienten sei manche Praxis kaum zu halten. Die zehn Prozent Privatversicherten sorgten für 25 Prozent der Einnahmen in den Praxen. Die Gelder dieser Patienten machten zudem manche medizinische Innovation erst möglich.

„Ohne Privatversicherte wären 5,4 Milliarden Euro weniger im System“, warnt die FDP-Politikerin Julika Sandt. Das würde die Versorgung für alle verschlechtern. Zudem hänge in Bayern jeder achte Arbeitsplatz am Gesundheitswesen. Sandt rief diese Woche im Wahlkampf ein „Bündnis gegen die Bürgerversicherung“ ins Leben, unter anderem mit Spitzenverbänden der bayerischen Wirtschaft. Die Studie hält sie im Übrigen für methodisch „fragwürdig“.

Ein Interview mit Gesundheitsminister Marcel Huber lesen Sie hier!

Die Ärzte rechtfertigen sich, jeder medizinische Notfall werde sofort behandelt. Nicht mal jeder siebte bayerische Patient sei mit den Wartezeiten auf einen Termin unzufrieden. Mitnichten gebe es eine Zwei-Klassen-Medizin, beteuert die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns. Es wolle ja kein Arzt Kassen- und Privatpatienten unterschiedlich behandeln. Leider aber steige die Belastung wegen der Budgetierung der Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung. Da gebe es „gewisse Unterschiede bei den Wartezeiten“.

Gewisse große Unterschiede sogar: Schopper erzählt gern vom Augenarzt in Kaufbeuren: Der bot den Trick-Anrufern für Private nach 26 Tagen einen Termin an – den Kassenpatienten nach 280.

Christian Deutschländer

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