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Politisches Defizit: Nur 44 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund haben das vollständige Wahlrecht.

Studie zur Integration in Bayern

Migranten sind zufrieden

Die meisten Zuwanderer fühlen sich in Bayern wohl und gut integriert. Für Politik interessiert sich laut einer Studie aber nur jeder Dritte. Für die Parteien ist das ein Alarmsignal – aber auch eine Chance.

München – Fangen wir mit den guten Nachrichten an. Die meisten Menschen mit Migrationshintergrund sind mit ihrem Leben und ihrer beruflichen Situation in Bayern zufrieden. Mit ihren deutschen Nachbarn und Kollegen kommen sie gut zurecht. Drei von vier fühlen sich sicher und können ihr Leben unbeschwert genießen. Und sieben von zehn Zuwanderern halten das demokratische System in Deutschland für vorbildhaft.

Es ist deshalb zunächst nachvollziehbar, wenn der Auftraggeber der repräsentativen Studie, die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung, den Freistaat Bayern via Pressemitteilung zum „Modelland gelebter Integration“ erklärt. Zumal die Studie die neun größten Migrantengruppen in Bayern zusammenfasst – von 415 000 Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion bis zu Zuwanderern aus der Türkei (336 000), Rumänien (248 000) oder dem früheren Jugoslawien (210 000).

Allerdings fördern die gestern in München vorgestellten Ergebnisse auch Verbesserungspotenzial zutage. Denn mit Politik und politischen Parteien können viele der Befragten wenig anfangen. Dem Satz „Ich habe wenig Interesse an der deutschen Politik und Gesellschaft“ stimmen 46 Prozent teilweise oder ganz zu. Offenbar wissen mehr als 40 Prozent so wenig über CSU oder SPD, dass sie sich über die Parteien gar nicht äußern können. Menschen mit einem türkischen Hintergrund haben ein besonders distanziertes Verhältnis zur hiesigen Parteienlandschaft.

Inwiefern dafür auch die Mediennutzung eine Rolle spielt, haben die Wissenschaftler zwar nur am Rande untersucht. Allerdings fällt auf, dass rund ein Drittel der Befragten fast ausschließlich heimatsprachliches Fernsehen nutzt. Vergleichswerte für Menschen ohne Migrationshintergrund liefert die Studie dabei nicht – ein deutliches Manko.

Es gibt einen weiteren Grund für die unter Migranten verbreitete Distanz gegenüber den politischen Parteien. Der Studie zufolge haben lediglich 44 Prozent der 2,7 Millionen in Bayern lebenden Menschen mit Migrationshintergrund das vollständige Wahlrecht – als deutsche Staatsbürger. Jeder Dritte darf dagegen überhaupt nicht wählen, was das politische Interesse nicht unbedingt fördern dürfte.

Was die politische Ausrichtung der befragten und im Durchschnitt seit 20 Jahren hier lebenden Zuwanderer angeht, notieren die Wissenschaftler dagegen Erfreuliches. Von einer Radikalisierung bestimmter Gruppen kann demnach nicht die Rede sein. 38 Prozent der Befragten ordnen sich selbst ziemlich genau in der politischen Mitte ein. Extreme Ansichten (ob links oder rechts) vertritt lediglich ein Bruchteil. Während bei Migranten aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion der linke Flügel etwas stärker ausgeprägt ist, sind bei den Türkeistämmigen beide Flügel zulasten der politischen Mitte stärker ausgeprägt. Allerdings weist Studienleiter Joachim Schulte auch darauf hin, dass das Verständnis von „rechts“ oder „links“ bei den verschiedenen Migrantengruppen wohl unterschiedlich gelagert sei. Zudem seien die seit 2015 angekommenen Menschen in der Studie noch nicht erfasst.

Für Glücksgefühle bei den Vertretern der Hanns-Seidel-Stiftung dürfte das Ergebnis der Sonntagsfrage sorgen. Demnach käme die CSU unter den Zuwanderern bei der nächsten Landtagswahl auf 46 Prozent. Die SPD läge bei 26 Prozent, die Grünen bei 8 Prozent, die Linke bei 9 Prozent – und die AfD bei 6 Prozent. Als Joachim Schulte erklärt, die SPD würde damit in etwa so abschneiden wie bei der vergangenen Landtagswahl, schaltet sich Stiftungschefin Ursula Männle ein. Das SPD-Ergebnis sei dann doch ein wenig schlechter gewesen, wirft sie milde lächelnd ein.

Aber für alle demokratischen Parteien sind die Ergebnisse ein Weckruf. Denn die größte Gruppe machen auch unter den Menschen mit Migrationshintergrund Nichtwähler und Unentschlossene aus. Und ein weiteres Ergebnis stimmt nachdenklich: Selbst im „Modelland gelebter Integration“ berichtet jeder Zehnte von fremdenfeindlichen Beschimpfungen oder Übergriffen.

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