Die Geschichte eines Landes

Syrien: Das Land, aus dem so viele Menschen fliehen

Damaskus - Das Todesurteil ist gesprochen. Und die Bürgerkriegs-Parteien sind dabei, es zu vollstrecken. Egal, wie die Kämpfe enden und wer am Ende siegen wird: Auf der Strecke bleibt in Syrien eine der ältesten Kulturregionen der Welt – und mit ihr die Wiege des Abendlandes. Ein Blick zurück.

Sich in den verwinkelten Gassen im Umfeld der mächtigen Omayyaden-Moschee im Herzen der Altstadt von Damaskus als Fremder zurechtzufinden, ist nicht leicht. Aber die Hilfsbereitschaft ist groß. Man fühlt sich sicher. Überall. An einer Ecke ein Kaffeehaus. Alte, bärtige Männer dominieren das Bild, das von Dutzenden Wasserpfeifen abgerundet wird, aus denen würziger Rauch aufsteigt. Die Männer, zu denen sich auch immer mehr junge Leute gesellen, lauschen einem Geschichtenerzähler. Er ist einer von nur noch wenigen, die diese uralte Tradition pflegen. Er erzählt von einer großen Vergangenheit, von Jahrtausenden, über die hinweg in Syrien Geschichte geschrieben und der Lauf der Dinge beeinflusst wurde. Er hat viel, sehr viel zu erzählen. Er tut es mit Charme und einen Augenzwinkern, aus dem die Liebe zu seinem Land spricht. Zu einer strahlenden Perle der Orients.

Aber das war 2010, vor dem großen Morden. Das war zu einer Zeit, als Muslime und Christen, Alawiten und Drusen, Jesiden und Juden noch friedlich zusammenlebten und aus der gegenseitigen Kultur schöpften. Gemeinsam haben sie – vielen Streitigkeiten zum Trotz – Syrien geprägt. Damals war Syrien das einzige Land in der gesamten arabisch-islamischen Welt, in dem der Islam in der Verfassung nicht als Staatsreligion festgeschrieben war. Es erklärt das tolerante Klima, das Syrien und seine Einwohner prägte. Dafür musste das Land aber die Diktatoren Hafis al-Assad und nach ihm seinen Sohn Baschar al-Assad und deren Regime ertragen.

Die Syrer haben das Leiden gelernt, lernen müssen. Eine Massenflucht wie derzeit aber hat es nie gegeben. Den größten Teil seiner Geschichte verbrachte das Land unter fremder Herrschaft. Im 3. Jahrtausend vor Christus breitete sich das akkadische Großreich aus – und mit ihm die erste Hochkultur auf syrischem Boden. Aus dieser Zeit stammt ein kleines Fundstück von großer Bedeutung: Es trägt eine alphabetische Keilschrift und ist der älteste Nachweis des Alphabets.

Nach den aus Mesopotamien stammenden Akkadiern brachte Alexander der Große im 4. Jahrhundert das Land unter griechische Herrschaft, ehe es 64 vor Christus zur römischen Provinz wurde.

Trotz gnadenloser Verfolgung durch die Römer breitete sich auch in Syrien das Christentum schnell aus. Das ist mit einem Mann zu verdanken, der Saulus hieß, sich vor den Toren von Damaskus in Paulus wandelte und als erster Missionar des Christentums gilt. Die Briefe, die der Apostel später an die von ihm gegründeten Christengemeinden schrieb, bilden die Grundlage des Neuen Testaments.

Bis heute haben sich im Norden des Landes, bei Aleppo und nahe der türkischen Grenze, zahlreiche frühchristliche Bauten erhalten. Entstanden sind sie ab dem Jahr 380, als das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion wurde. Sie gehören zu den ältesten baulichen Zeugnissen des Christentums.

Im 4. Jahrhundert zerbrach das römische Weltreich. Syrien kam zu Ost-Rom (dem heutigen Istanbul) und wurde byzantinisch. Auch diese Epoche währte nicht lange: 636, vier Jahre nach dem Tod des Propheten, unterwarfen islamische Krieger Syrien und machten bereits 25 Jahre später Damaskus zum Zentrum ihres Kalifats. Dass die Hauptstadt 750 nach Bagdad verlegt wurde, schadete Damaskus nicht. Es blieb, was es immer war, und das bis in die heutige Zeit: Ein Handelszentrum von enormer Bedeutung. Die Bewohner von Damaskus und von Aleppo wurden durch den Handel im Orient, aber auch mit Asien und Europa reich. Prachtvolle Paläste entstanden, Moscheen von erlesener Schönheit wurden gebaut, Damaskus erlangte Weltruhm.

Ab dem 11. Jahrhundert überzogen die Kreuzritter, unter ihnen viele Deutsche, das Land mit Krieg und Tod. Aber sie hinterließen auch beeindruckende Festungen wie den „Krak des Chevaliers“, der Jahrhunderte später ein Touristenmagnet wurde. 1268 wurden die Kreuzfahrer endgültig vertrieben. Zur den Geschichtenerzählern Stoff liefernden Legende wurde dabei ein kurdischer Fürst: Saladin.

Und dann kamen die Osmanen, die vierhundert Jahre lang bis zum Ende des 1. Weltkriegs Syrien gewaltsam ihren Stempel aufdrückten. Das Volk schöpfte Hoffnung, als 1920 Feisal I. zum König gekrönt wurde. An seiner Seite hatte dafür der berühmte „Lawrence von Arabien“ gekämpft.

Der Traum von einem unabhängigen Syrien währte nicht lange. Noch im selben Jahr besetzte Frankreich das Land. Neue Unterdrückung, aber auch eine Zeit des Aufbruchs. Abenteurer und Reisende kamen. Viele mit dem Orient-Express. Unter ihnen die britische Autorin Agatha Christie. Auf der Terrasse und im Hotel „Baron“ in Aleppo hat sie den Großteil eines ihrer erfolgreichsten Romane verfasst: „Mord im Orientexpress“.

Die Franzosen blieben bis 1946 – und haben in dieser Zeit Syrien mitgeprägt. Dann, endlich, durfte das Land unabhängig werden. Zur Ruhe kam es nicht: Staatsstreiche, Militärputsche und Machtkämpfe lösten einander ab, bis 1970 Hafis al-Assad die Macht an sich riss, das Land seinem Clan unterwarf und es in Ketten legte. Die grauenvollen Zustände, die heute in Syrien herrschen, die Hunderttausende das Leben gekostet und vier Millionen der 23 Millionen Bürger ins Ausland getrieben haben, sind die Folge des Rufs nach Freiheit, den die Familie Assad wie stets mit Gewalt bekämpfte.

Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs hat das Selbstverständnis Syriens als eine arabische Führungsmacht die Kulturpolitik bestimmt, die – wie in Diktaturen üblich – einer strengen Zensur unterliegt. Dank einer allgemeinen Schulpflicht konnte die Analphabetenrate deutlich gesenkt werden. In der Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen liegt sie bei 5,5 Prozent (Frauen 7 Prozent, Männer 4 Prozent), wobei ein klares West-Ost-Gefälle von den wirtschaftlich gut gestellten Regionen am Mittelmeer zu den armen Wüstengebieten besteht. In Syrien gibt (gab) es in Damaskus, Aleppo, Homs und Latakia vier staatliche Universitäten mit insgesamt 200 000 Studenten. Etwa die Hälfte waren Frauen, was für ein islamisch geprägtes Land bemerkenswert ist. Die Fächer Englisch (ab Grundschulklasse 1) und Französisch (ab Klasse 7) waren Pflicht.

Deutsche Schulen gab und gibt es in Syrien nicht. Wohl aber wird an der französischen Privatschule in Damaskus Deutsch unterrichtet. Auch den Universitäten werden Deutschkurse angeboten. Die Uni Damaskus verfügt sogar über eine eigene Deutsch-Abteilung. Und dann waren da auch noch die Goethe-Institute in Damaskus und Aleppo, die sich großer Nachfrage erfreuten, bis sie aus Sicherheitsgründen geschlossen werden mussten. Diesen Institutionen ist es zu verdanken, dass viele syrische Flüchtlinge – nicht wenige hochgebildet – bei der Ankunft in Deutschland mit ihren Sprachkenntnissen überraschen.

Die seit 2011 im Land tobenden Kämpfe und der Vormarsch der IS-Terrormiliz haben die Menschen aller Hoffnungen und Perspektiven im eigenen Land beraubt. Also fliehen sie, müssen sie fliehen. 1,1 Millionen Syrer allein in die Türkei, von wo aus Tausende versuchen, Deutschland zu erreichen. Hier haben nicht wenige Verwandte oder Bekannte, die – so hoffen viele – mithelfen werden, den Überlebenskampf zu gewinnen. 150 000 Syrer, 100 000 Iraker und 85 000 Afghanen leben bereits in Deutschland.

Der weltberühmte Basar und die große Omayyaden-Moschee von Damaskus, in der auch das Haupt Johannes des Täufers (den die Muslime als Propheten und Vorläufer Mohammeds verehren) in einem Schrein aufbewahrt wird, sind noch unzerstört. Ihnen blieb bisher das Schicksal der Weltkulturerbe-Stätten in Aleppo und Palmyra erspart. Aber der Geschichtenerzähler ist verstummt. Der furchtbare Krieg lässt keinen Raum für Poesie und die Schönheit arabischer Lyrik.

Von Werner Menner

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