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Die AKP unter Recep Tayyip Erdoğan verändert das säkulare System der Türkei - auch im Bereich des Bildungswesens. 

Auszug aus seinem Buch

Tagesschau-Sprecher schreibt über „Kinder des Koran“: Was in der Türkei gelehrt wird

Constantin Schreiber analysierte für sein Buch „Kinder des Koran - Was muslimische Schüler lernen“ Schulbücher aus verschiedenen Ländern - mit bedenklichen Ergebnissen. 

Er ist bekannt als TV-Nachrichtensprecher: Constantin Schreiber (“Tagesschau“ und „Nachtmagazin“ in der ARD). Doch auch als Experte hinsichtlich der islamischen Kultur machte er sich einen Namen. Vor zwei Jahren veröffentlichte Schreiber das Buch „Inside Islam. Was in Deutschlands Moscheen gepredigt wird“. Viel Aufmerksamkeit erreichte Schreiber, der fließend Arabisch spricht, mit der deutsch-arabischen Talkshow „Marhaba - Ankommen in Deutschland“, in der er Flüchtlingen das Leben in Deutschland erklärte. Dafür wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

In seinem neuen Buch „Kinder des Koran - Was muslimische Schüler lernen“, analysiert Schreiber Schulbücher in Afghanistan, Iran, Ägypten, Palästina und der Türkei. Er hinterfragt, welche Werte den jungen Muslimen in den Ländern vermittelt werden und welche Rolle hierbei auch der Islam spielt. Der Econ-Verlag stellte der Ippen-Digital-Zentralredaktion einen exklusiven Auszug aus dem Buch zur Verfügung. 

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Textauszug aus dem Buch „Kinder des Koran“ - Kapitel „Kinder der Türkei“

Das Erbe Atatürks prägte und prägt die Türkei. Aber heute verändert sich etwas. Denn auch, wenn Atatürks Porträt noch immer jedem Schulbuch vorangestellt ist, zusammen mit einem Zitat von ihm, ist offensichtlich, dass der jetzige Präsident, Recep Tayyip Erdoğan, eine andere Vorstellung davon hat, wie sich Staat und Religion zueinander verhalten sollen. Erdoğan hat das Kopftuchverbot an öffentlichen Einrichtungen abgeschafft und investiert massiv in die Errichtung neuer Moscheen. Europa ist für ihn, anders als für Atatürk, kein Vorbild für die türkische Gesellschaft. Erdoğan verändert das Bildungssystem, rückt die Religion mehr und mehr in den Vordergrund. Jede neugebaute Schule soll inzwischen eine Moschee oder einen Gebetsraum haben. Immer wieder gibt es Diskussionen über die an türkischen Schulen vermittelten Inhalte, Diskussionen, die auch bis zu uns dringen.

In türkischen Schulbüchern erscheint Europa als Gegner

„Kinder des Koran. Was muslimische Schüler lernen“ von Constantin Schreiber erschien am 2. Mai im Econ-Verlag. Es umfasst 304 Seiten und kostet 18 Euro. 

Bereits 2005 wurde kritisiert, dass Europa in türkischen Schulbüchern als Feind dargestellt werde: „Einige Staaten, die es auf unser Land abgesehen haben, wollen uns von innen her zerstören und teilen“, zitierte eine österreichische Zeitung damals aus einem Sozialkunde-Band für die siebte Klasse. Europa erscheine als Gebilde ohne Verbindungen zur osmanischen Geschichte, kritisierte eine regierungsunabhängige Geschichtsstiftung daraufhin in einer Analyse der Schulbücher. Den unmittelbaren Nachbarstaaten der Türkei – und besonders dem langjährigen Erzrivalen und EU-Staat Griechenland – wurde in den Büchern offenbar vorgeworfen, an der Zerstörung der Türkischen Republik zu arbeiten. Athens Ziel sei die Gründung eines Groß-Griechenlands, das unter anderem Istanbul und große Teile Anatoliens umfasse, heißt es demnach in einem Buch, aus dem die Zeitung zitiert. Die Schulbücher geben eine klare Antwort auf diese angeblichen Bedrohungen: Die türkische Nation muss zusammenhalten – und sie braucht eine schlagkräftige Armee. „Staaten ohne starke Streitkräfte verlieren eines Tages ihre Unabhängigkeit“, lehrt eines der Bücher. Viel mehr als über Europa erfahren türkische Schüler demnach über die für die Außenpolitik ihres Landes weitgehend bedeutungslosen Turk-Republiken Zentralasiens. Was die EU ist, wie sie entstanden ist und wie sie funktioniert, werde in den Büchern von 2005 auf einer halben Seite abgehandelt, schreibt die Zeitung. (...)

Die AKP-Regierung baut das türkische Schulsystem grundlegend um

Gleichzeitig baut die AKP-Regierung das Schulsystem grundlegend um. Bisher waren die meisten Schulen in der Türkei staatliche Schulen. Die Regierung fördert nun die Gründung sogenannter Imam-Hatip-Schulen. Diese Schulform erfährt seit der AKP-Zeit eine Aufwertung. Davor waren sie Berufsschulen, deren Abschlüsse nicht oder kaum zum Studium außerhalb von Theologie-Hochschulen berechtigten. Wer früher sein Abitur an einem Imam-Hatip-Gymnasium machte, fand eine Anstellung als Imam oder Muezzin. Während damals die Schülerinnen an den regulären staatlichen Schulen kein Kopftuch tragen durften, war das an diesen Schulen erlaubt, weshalb fromme Familien ihre Töchter lieber auf diese Schulen schickten. Auch Erdoğan selbst besuchte eine dieser Schulen.

Erdogans Regierung stärkt die Imam-Hatip-Schulen in der Türkei

In den 15 Jahren unter AKP-Regierungen wurden mehrere Bildungsreformen durchgesetzt. Eine davon war die sogenannte „4+4+4-Reform“ 2012. Damit wurde die Schulpflicht auf zwölf Jahre (statt bisher acht) angehoben: vier Jahre Grundschule, vier Jahre Mittelschule, vier Jahre Oberschule. Diese Reform habe allerdings in erster Linie dazu beigetragen, die Stellung der Imam-Hatip-Schulen im Schulsystem zu stärken beziehungsweise sie den anderen Schulen gleichzustellen, kritisieren Experten. Durch die Reform dürfen Schüler eine solche Schule bereits nach der 4. Klasse – statt bisher nach der 8. Klasse – besuchen. Wurden 2003 noch 85.000 Schüler an Imam-Hatip-Schulen unterrichtet, waren es 2017 bereits 1,3 Millionen. Darüber hinaus wurden zahlreiche reguläre Schulen in Imam-Hatip-Gymnasien umgewandelt. 

Türkei: Fünf zusätzliche Stunden Islam-Unterricht an Imam-Hatip-Schulen

Ein türkischer Kollege übersetzt mir den Lehrplan einer sechsten Klasse an einer staatlichen Schule: sechs Stunden Türkisch, fünf Stunden Mathematik, vier Stunden Naturwissenschaften, drei Stunden Sozialkunde, drei Stunden Fremdsprache, zwei Stunden Religionskultur und Ethik, eine Stunde Kunst, eine Stunde Musik, zwei Stunden Sport, zwei Stunden IT und Programmieren. Die genannten Pflichtfächer an den regulären Schulen gelten weitestgehend auch für die Imam-Hatip-Schulen. Hinzu kommen sieben Stunden für zusätzliche Pflichtfächer: jeweils 2 Stunden "Der Koran", "Das Leben des Propheten Mohammed", Arabisch und eine Stunde "Grundkenntnisse der Religion". Die Bücher sind teilweise die gleichen wie auf den anderen staatlichen Schulen.

Lesen Sie auch: Karfreitag ist ein christlicher Feiertag - und stellt deshalb für Schüler einen freien Tag dar. Eine deutsche Schule in Istanbul hat das geändert - etwa wegen Erdogan?

mag

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