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SWR-Journalist Werner Eckert kritisiert die Ärzte-Initiative, weil keine neue Studie vorgelegt wurde. 

Streit um Luftgrenzwerte

„Tagesthemen“-Kommentator kontert nach Vorstoß der Lungen-Ärzte

„Da müssten wir fast alles zulassen, was uns ganz langsam umbringt“: Über die Luftgrenzwerte in Deutschland wird heftig gestritten - nun hat ein „Tagesthemen“-Kommentator eine Ärzte-Initiative kritisiert.

Berlin - Monatelang hat Deutschland über Diesel-Fahrverbote und -Nachrüstungen gestritten - spätestens seit Dienstag steht die rechtliche Basis der ganzen Debatte im Fokus: Die Grenzwerte für Stickoxide. Der Lungen-Experte Dieter Köhler hatte erst im TV-Talk „Hart aber fair“ Zweifel am Sinngehalt der Grenzen angemeldet - und dann 106 weitere Lungenfachärzte präsentiert, die eine Aussetzung der Grenzwerte fordern.

Aber auch dieser Vorstoß ist schwer umstritten. In den ARD-“Tagesthemen“ hat der SWR-Journalist Werner Eckert den Ärzten um Köhler indirekt vorgeworfen, ohne die nötige „Basis“ Zweifel zu säen: „Eine Sache nicht einfach hinzunehmen, ist gut. Aber Zweifel einfach mal so säen, das ist es nicht“, betonte er. Wer eine acht Jahre alte und wissenschaftlich überprüfte Empfehlung der WHO in Frage stelle, der solle „neue Studien und Versuche vorlegen“, erklärte Eckert.

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„Tagesthemen“-Kommentar zu Stickoxid-Grenzwerten: „Müssten fast alles zulassen, was uns ganz langsam umbringt“

Dass ein Lungenfacharzt noch keinen Menschen gesehen habe, der an Stickoxid gestorben wäre - wie Köhler seinen Standpunkt unter anderem untermauerte - sei kein Argument, sagte der Kommentator weiter: „Mit diesem Argument müssten wir fast alles zulassen, was uns ganz langsam umbringt.“ Entsprechende Effekte seien mitunter nur statistisch zu erfassen.

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Bei möglichen gesundheitlichen Gefahren gelte das Vorsorgeprinzip, erklärte Eckert - auch dann, „wenn es Zweifel gibt“. Ähnlich werde es auch beim umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat oder Ammoniak und Nitrat aus der Gülle gehandhabt.  

Luftgrenzwerte ändern? „Das wird dauern“

Ein geeigneter Hebel, um Grenzwerte zu verändern sei weniger unbelegter wissenschaftlicher Zweifel, denn die politische Ebene, folgert der Journalist. Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation müssten nicht eins zu eins umgesetzt werden, der Vergleich der EU mit den USA etwa zeige auf beiden Seiten strengere und laxere Regelungen auf unterschiedlichen Feldern. 

Eckerts Fazit: „Wer eine politische Mehrheit in Europa für niedrigere Grenzwerte kriegt, der kann das angehen. Das wird aber dauern. Und das ist gut so, denn Grenzwerte nach Stimmungslage wären das Ende des Verbraucherschutzes“.

Lungenarzt Dieter Köhler startet Initiative gegen Grenzwerte - so reagiert die Politik

Köhler hatte in der TV-Sendung betont, bei einer Zigarette werde ein halbes Kilo Stickstoffdioxid pro Kubikmeter freigesetzt, und damit ein Millionenfaches von einem Dieselauto. „Wenn man das umrechnet, müssten Raucher in wenigen Wochen tot umfallen“, lautete die Schlussfolgerung des Arztes.

Die Debatte ist mittlerweile auch bei der Bundesregierung angekommen. Das Umweltministerium verteidigte die Regelung am Mittwoch. Die Gesetzgebung sei darauf ausgerichtet, dass alle Menschen überall und jederzeit die Außenluft problemlos einatmen könnten, sagte ein Sprecher. 

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) freute sich hingegen demonstrativ über die Initiative der mehr als hundert Lungenfachärzte. „Wir brauchen eine ganzheitliche Sichtweise“, sagte er am Donnerstagmorgen im ARD-Morgenmagazin. „Wenn über 100 Wissenschaftler sich zusammenschließen, ist das schon einmal ein Signal.“ Die bisherige Debatte nannte er „schon sehr skurril“.

In der EU gilt für Stickstoffdioxid (NO2) ein Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, für Feinstaub sind es Werte je nach Partikelgröße.

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fn (mit dpa)

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