Hart aber Fair: Aus Rammstein-Debatte wird Diskussion über Frauenquote der CDU

Bei „hart aber fair“ wird Till Lindemann von Thomas Stein verteidigt. Politikerin Lisa Schäfer spricht über eigene Erfahrungen mit Belästigungen.
Köln - Eine Politikerin wie Lisa Schäfer (CDU) benötigt keine Frauenquote, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Dabei bekleidet die 22-Jährige nicht mal ein Amt auf Landes- oder Bundesebene. Sie ist Stadtverordnete der Stadt Solms bei Wetzlar, Kreistagsabgeordnete im Lahn-Dill-Kreis und zu Gast bei „Hart aber Fair“ in der ARD. Bundesweite Reichweite erzielte die Verwaltungsangestellte in der hessischen Staatskanzlei, als sie sich vehement gegen die von Parteichef Friedrich Merz geforderte Frauenquote wehrte.
Auf dem 33. CDU-Parteitag am 16. Januar 2021 warb Merz für sein Frauenbild: „Wenn ich ein altes Frauenbild hätte, dann hätten mir meine Töchter schon längst die Gelbe Karte gezeigt und meine Frau mich vor 40 Jahren nicht geheiratet.“ Beim 35. CDU-Parteitag am 9. September 2022 forderte er die inzwischen beschlossene Frauenquote innerhalb der Union: „Über 50 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Deutschland sind Frauen, wir haben keine einzige Landtagsfraktion und auch keine Bundestagsfraktion, die diesem Anteil der Bevölkerung entspricht.“
Die Gäste diskutieren mit am 19. Juni:
- Lisa Schäfer (CDU) – Kommunalpolitikerin aus Solms (Hessen)
- Stefanie Lohaus – Journalistin
- Tobias Haberl – Autor
- Thomas M. Stein – ehemaliger Musikproduzent
- Rita Süssmuth (CDU) – ehemalige Bundestagspräsidentin
Lisa Schäfer ging bei „Hart aber Fair“ dagegen auf die Barrikaden: „Merz macht die Union frauen- und familienfreundlicher, das ist gut so. Aber die Quote ist nicht das richtige Mittel, eine Quote diskriminiert und grenzt aus. Ich bin Anhänger und Fan des Leistungsprinzips. Die CDU begibt sich mit dem Beschluss (für die Frauenquote, Anm.d.Red.) auf einen identitären Weg der Gleichstellung.“ Kurze Pause, dann der staatsmännische Appell: „Lasst uns jetzt um die wichtigen Dinge kümmern.“
Studie: 87 Prozent der Frauen berichten über ungewollten Körperkontakt
Die „wichtigen Dinge“ platziert Schäfer durchgängig in ihren Statements. Nach einem Einspieler, der eine Studie des sächsischen Justizministeriums aus dem April 2023 zitiert, wonach 87 Prozent der befragten Frauen mindestens einmal in ihrem Leben ungewollten Körperkontakt – fast immer durch Männer – erfahren haben, fragt Moderator Louis Klamroth die CDU-Politikerin: „Ihre Eltern haben einen landwirtschaftlichen Betrieb, Sie sind so erzogen worden, dass Frauen stark sind, sich nicht einschüchtern lassen. Trotzdem: Gibt es Situationen, denen Sie als junge Frau bewusst aus dem Weg gehen?“
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Schäfer fragt sich: Wie integrieren wir Männer mit anderem Frauenbild?
„Ich wurde zum Glück noch nie körperlich belästigt“, sagt sie bei „Hart aber Fair“. „Ich empfinde dennoch als unangenehm, dass beim Gang durch Brennpunktstraßen in größeren Städten junge Männer, deren Sprache ich nicht mal verstehe, Sprüche hinterherrufen.“ Dies sei ein „gewisses Klientel“. Dann ihre Forderung bei „Hart aber Fair“: „Wir müssen darüber reden, wie wir Männer integrieren wollen, die mit einem komplett anderen Frauenbild herkommen.“
Stein: Das gab es auch schon bei Heino und Roberto Blanco
Weiter geht es bei „Hart aber Fair“ um die Konzertbesucherinnen bei Rammstein. Jene, die nun Vorwürfe gegen Frontmann Till Lindemann erheben, er habe nach den Konzerten Frauen aus der sogenannten „row zero“, dem Bereich zwischen Bühne und Publikum, zu sexuellen Handlungen gezwungen. Der ehemalige Musikproduzent Thomas Stein schüttelt darüber den Kopf. Thomas Stein? Richtig, das Jury-Mitglied aus der ersten Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“. Er kann sich allein wegen der Kondition Lindemanns nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist. „Habt ihr mal gesehen, was der mit 60 Jahren für eine Show abzieht? Und dann soll er hinterher noch runter und eine Frau beglücken? Wenn er das schafft, gehört er ins Museum, denn das ist eine Kraft, die kannst du eigentlich gar nicht aufbringen.“
Diese nun in Verruf geratene „row zero“ sei völlig gewöhnlich. „Das gab’s immer schon, das gibt’s bei Heino, das gibt’s bei Roberto Blanco und das gibt’s bei Rammstein“, sagt Stein. Ihn störe gewaltig, dass die Unschuldsvermutung zwar jedes Mal hervorgehoben werde, Lindemann allerdings schon jetzt durch die mediale Berichterstattung schwer beschädigt sei, auch wenn sich der Vorwurf nicht erhärten sollte.
Schäfer bei „Hart aber Fair“: Das Maximum an Pathos
Und was hält Lisa Schäfer von den Vorwürfen? „Wenn dort Straftaten begangen worden sind, sind diese absolut zu verurteilen und dann muss die volle Härte des Rechtsstaates greifen. In Deutschland gilt die Unschuldsvermutung und es ist eine Sache der Strafverfolgungsbehörden, zu ermitteln und dann ein Urteil zu fällen.“ Mit Pathos erklärt sie: „Ich bin in solchen Situationen immer wieder dankbar, in einem Land zu leben, wo die Polizei eine hervorragende Arbeit macht und wir eine starke Justiz haben, denen wir in diesem Moment vertrauen sollten.“
Fürs Protokoll: In Hessen wird am 8. Oktober 2023 der Landtag gewählt. Schäfer arbeitet in der Staatskanzlei unter Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). Mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) steht eine prominente Herausforderin parat. Da Polizei und Justiz grundsätzlich Ländersache sind, kann es nicht schaden zu betonen, dass der Laden in Hessen läuft. Rhein wird sich freuen, Merz auch. Prognose: Von Lisa Schäfer wird zu hören sein. Ob mit oder ohne Frauenquote. (Christoph Heuser)