Krise in der Krise

Tausende Asylbewerber sitzen in Griechenland fest

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Der EU-Deal mit der Türkei und die Schließung der Balkanroute haben Griechenlands Rolle in der Flüchtlingskrise geändert. Statt direkt weiterzureisen, beantragen die Menschen nun hier Asyl. Die Behörden sind überfordert, die Migranten sitzen fest. Und über allem schwebt die griechische Wirtschaftskrise.

Athen– Die Wahrheit liegt ein paar Schritte entfernt. Nur gut 30 Meter von der in Gold gehaltenen Pforte des noblen Hotels „Intercontinental Athenaeum“ sieht man das ganz andere Athen. Hier bröckelt der Putz von den Wänden, die Häuserfassaden sind verdreckt und verschmiert, die Fenster verrammelt. Anders, als man auf den ersten Blick vermuten könnte, stehen diese Häuser nicht leer. Hier wohnen Athener.

Vielen Griechen geht es seit sieben Jahren immer schlechter. Die Bürger haben seit 2010 im Durchschnitt 27 Prozent ihres Einkommens verloren. Ein Sparprogramm jagt das nächste. Fast jeder Vierte ist ohne Arbeit. Die Renten sollen ab 2019 um bis zu 18 Prozent gekürzt werden. Das ist die Krise, die schon länger da ist.

Im Inneren des Hotels erzählt die Gouverneurin der Nord-Ost-Ägäis gerade von der anderen Krise. Die, die noch nicht so lange da ist. Die Hanns-Seidel-Stiftung und die Südosteuropa-Gesellschaft haben hier zu einer Konferenz geladen: Es geht um Europas Grenzen, es geht um Migration. Die Gouverneurin schildert, wie es ist, „wenn man jeden Tag Menschen retten muss – und Tote bergen“. Sie erzählt, wie vor einiger Zeit noch täglich fast 8000 Flüchtlinge auf den Inseln ankamen und dass es zuletzt nur noch 50 waren – und manchmal gar keine. „Das EU-Türkei-Abkommen war erfolgreich“, sagt Christiana Kalogirou. Dennoch werde das Problem in der Region immer größer. Denn 62 000 Migranten sitzen den Behörden zufolge auf den Inseln und dem Festland fest.

Das Abkommen, das die EU und die Türkei im März 2015 geschlossen haben, hat – zusammen mit der Schließung der Balkanroute – Griechenlands Rolle in der Flüchtlingskrise dramatisch verändert. Es besagt vereinfacht, dass Asylbewerber, die illegal übers Meer nach Griechenland kommen, zurück in die Türkei geschickt werden. Bevor sie aber zurückmüssen, haben auch die illegalen Migranten das Recht auf ein Asylverfahren. Die Folge: Während 2015 nur ein verschwindend geringer Teil derer, die die griechische Küste erreichten, im Land Asyl beantragten, weil die meisten weiterwollten, waren es 2016 schon knapp 50 000. 2017 rechnen die Behörden mit 60 000 Asylanträgen. In Europa liegt das Land damit hinter Deutschland, Italien und Frankreich auf Platzvier bei den Anträgen.

60 000 Anträge, das klingt zunächst immer noch nicht viel, verglichen mit den fast 900 000, die 2015 in Deutschland Asyl suchten. Allerdings hat Griechenland nur knapp elf Millionen Einwohner – und die Behörden waren nicht annähernd darauf vorbereitet, dass sie nun nicht mehr nur den Verkehrspolizisten geben mussten, der die Migranten auf ihrem Weg nach Deutschland oder Skandinavien durchs Land lotst. Die Verfahren dauern deshalb scheinbar endlos, oft warten Flüchtlinge allein Monate auf einen Termin bei der Asylbehörde. Die Behörden sind zu langsam, die Migranten stauen sich in den Lagern.

So wie Mussa. Der 17-Jährige ist aus Kundus in Afghanistan nach Griechenland gekommen. Über den Landweg ins türkische Izmir, von dort über das Meer bis nach Samos. Nach einiger Zeit brachten die Behörden ihn von der Insel ins Lager Eleonas in Athen. Dort wartet er – seit sieben Monaten. Mussa steht zwischen den Wohncontainern, die sich im Lager Wand an Wand reihen. 2000 Migranten sind hier untergebracht. Die meisten Araber, nur wenige Schwarzafrikaner leben im Camp. Mussa trägt ein T-Shirt in Tarnfarben und eine hochgekrempelte Jogginghose. An den Füßen hat er Sandalen, im Mundwinkel klemmt eine selbst gedrehte Zigarette – sie ist erloschen. „Ich dachte, es würde gut sein“, sagt Mussa. Geht es ihm denn schlecht? Mussa zuckt mit den Schultern. „Wir wollen hier raus“, sagt er. Immerhin, sein Asylantrag laufe. Wenn er endlich angenommen sei, wolle er studieren oder zumindest einen Job finden. Wie er jetzt seine Tage verbringt? Englischunterricht, sagt Mussa. „Und früh schlafen.“

Man kann sagen, Mussa hat Glück: Eleonas gilt als eine der besseren Unterkünfte. In dem provisorischen Lager Hellinikon im alten Flughafen von Athen leben die Bewohner laut Amnesty International mit „mangelhaften sanitären Verhältnissen, eingeschränkter Privatsphäre und einer unsicheren Situation“. Auch in den Camps auf den Inseln herrschen oft schlechte Zustände. Und andere Flüchtlinge leben sogar auf den Straßen Athens, während sie darauf warten, dass ihre Anträge bearbeitet werden. Viele prostituieren sich, um an Geld zu kommen.

Maria Stavropoulou leitet die Asylbehörde in Athen. Sie kennt die Probleme. Stavropoulou sagt: „Innerhalb weniger Wochen kamen plötzlich viel mehr Asylanträge, wir hatten dafür aber überhaupt keine Infrastruktur.“ Auch heute verfügen die Behörden auf den fünf Inseln, auf denen Flüchtlinge ankommen, nur über 200 Mitarbeiter. „Wir werden oft angeklagt, weil viele auf den Inseln festsitzen“, sagt Stavropoulou. Es heiße dann, ihre Behörde habe doch Geld von der EU bekommen, warum werde sie jetzt nicht endlich ausgebaut? „Aber Behörden schießen nicht wie Pilze aus dem Boden“, sagt Stavropoulou. „Man muss erst mal die Mitarbeiter finden.“ Das alles brauche Zeit. Die Asylamtsleiterin stellt klar, dass sie die Schuld jedenfalls nicht bei ihrer Behörde sieht. „Schneller können wir nicht. Im Verhältnis zu unseren Möglichkeiten machen wir das sehr gut.“

Der Satz beschreibt, was viele Griechen fühlen. Gerade hat das Parlament des Dauer-Krisenlandes ein neues hartes Sparprogramm gebilligt. Das war die Voraussetzung für weitere Finanzhilfen der Geldgeber. Es gab Demonstrationen, Ausschreitungen und einen Generalstreik – mal wieder. Die griechische Wirtschaft steckt in einem Teufelskreis. Der Konsum geht zurück, die Unternehmen entlassen Menschen, die Nachfrage sinkt weiter – und dann entlassen die Unternehmen noch mehr Menschen. Dass sie nun auch noch die Flüchtlingskrise für die EU aushalten sollen, empfinden viele Griechen als unfair.

Tatsächlich ließ die Unterstützung der EU-Staaten für Griechenland im ersten Jahr des EU-Türkei-Deals teils zu wünschen übrig. Die versprochene Amtshilfe der anderen Europäer brachte nicht die erhoffte Entlastung. Viele der Fallbearbeiter aus EU-Staaten, die die griechischen Kollegen unterstützen sollten, trafen nie ein. Die versprochenen Umsiedlungen von Flüchtlingen in andere EU-Länder liefen äußerst schleppend. Dennoch haben Europas Innenstaaten erreicht, was sie wollten. Die große Zahl der Flüchtlinge bleibt dort seither fern.

Seit 2014 ist Manolis Vournous der Bürgermeister von Chios. Die Flüchtlingskrise lag noch in weiter Ferne, als er antrat. Vournous sagt: „Das Türkei-Abkommen funktioniert für ganz Europa, selbst für die Türkei.“ Aber nicht für seine Insel. Zwei Flüchtlingscamps gibt es heute auf Chios. 2000 Migranten kommen auf 50 000 Inselbewohner. „So geht es nicht weiter“, sagt der Bürgermeister. Der Tourismus leide, die lokale Wirtschaft leide. „Die Bevölkerung fühlt sich alleine gelassen.“ Und für all diese Probleme müsse die lokale Regierung alleine Lösungen finden, klagt der Bürgermeister – „als ginge das alles nur uns etwas an“.

Auch die Gouverneurin der Nord-Ost-Ägäis sieht die Grenze der Belastbarkeit ihrer Region erreicht. Besonders bei der Bearbeitung der Asylanträge müsse aus Europa endlich mehr Unterstützung kommen, sagt Christiana Kalogirou. „Weil wir in diesem Land auch noch unsere eigene Krise haben.“

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