Nach dem Blutbad

Kommentar zum Terror in Brüssel: Erosionsprozess

Es gibt zu denken, wenn Terroristen so kurz nach blutigen Anschlägen quasi unter den Augen eines aufs Höchste sensibilisierten Sicherheitsapparates offensichtlich ungehindert erneut zuschlagen können. Ein Kommentar. 

Am Flughafen von Brüssel noch dazu, was dem blutigen Geschehen düstere Symbolkraft verleiht: Wir sind noch da, wir können euch überall treffen, selbst im Herzen der EU, lautet die beunruhigende Botschaft der Attentäter. Es steht zu befürchten, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen wird.

Angesichts einer ganzen Serie wahnwitziger Blutbäder in immer kürzeren Abständen – Paris, Ankara, Istanbul, Brüssel – klingen die stereotypen Appelle aus der Politik, dem Terror zu trotzen und keinen Millimeter westlich-freiheitlicher Kultur preiszugeben, ziemlich dünn. Ein schleichender Erosionsprozess hat längst begonnen, sichtbar etwa an den Touristen, die viele einst beliebte Ziele mittlerweile meiden. Soll man sie dafür schelten? Mit welchen Argumenten wollte man ängstliche Bürger dazu ermutigen, sich nach diesen jederzeit und überall wiederholbaren Attacken von Fanatikern auf Konzerthallen, Restaurants, belebte Plätze oder Verkehrsmittel im öffentlichen Raum zu bewegen, als wäre nichts geschehen?

Es ist die Wahl zwischen zwei Übeln, die unseren freiheitlichen Demokratien vom (islamistischen) Terrorismus aufgezwungen wird: In aller Verletzlichkeit ihren Todfeinden die Stirn zu bieten, fatalistisch hoffend, dass das überlegene Konzept am Ende siegen wird. Oder aber immer größere Teile der Freiheiten zu opfern, um den Kern zu retten.

Für einen wehrhaften Staat und seine Bürger kann das vernünftigerweise nur heißen, jenes Instrumentarium endlich kühl, nüchtern und ideologiefrei zu diskutieren, das Politik und Öffentlichkeit schon so oft emotional gespalten hat: Bewaffnete Polizisten, Sicherheitsschleusen auf Flughäfen, Kontrollen an Bahn- und Busstationen, die ganze Bandbreite der Datenüberwachung – und nicht zuletzt die Tatsache, dass Nachrichtendienste keine Bürgerfeinde sind, sondern zur Terrorbekämpfung unverzichtbar. Auf einer solchen Basis kann dann jeder für sich entscheiden, welchem individuellen Restrisiko er sich aussetzen will.

Bleiben Sie am Tag nach den Terroranschlägen von Brüssel in unserem Live-Ticker auf dem Laufenden.

Rubriklistenbild: © Haag Klaus

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