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Bruno Schirra, Journalist und Terror-Experte, zu Gast in der ARD-Talkshow "Hart aber Fair"

"Hart aber Fair" zu Brüssel

Terror-Experte: IS-Mann wünschte mir "frohe Ostern"

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Köln - Ein düsteres Bild von den islamistischen Strukturen in Europa zeichnete der Journalist und Terror-Experte Bruno Schirra am Dienstag in der ARD-Talkshow "Hart aber Fair".

Die verheerenden Anschläge von Brüssel erklärte Schirra nicht zum Werk von "sozial depressiven, irgendwie gescheiterten" Existenzen, die in den Dschihad abdriften. "Die finden Sie als Kanonenfutter wieder. Es gibt aber auch die klugen, die eloquenten Leute. Das sind die Leute, die Brüssel planen können, die Paris planen können." Diese seien bisher in der öffentlichen Diskussion nicht wahrgenommen worden.

Der Kenner der islamistischen Szene, der in diese nach eigenen Angaben regelmäßigen Kontakt hat, berichtete bei Talkshow-Gastgeber Frank Plasberg von einem im Nachhinein besonders beunruhigenden Internet-Telefonat mit einem "schwäbischen IS-Mann", einem Chemiker, der ihm gleich zu Beginn des Gesprächs "Frohe Ostern" gewünscht habe. Das Gespräch hatte vier Tage vor den Anschlägen in Belgien stattgefunden. "Ich habe mich danach gefragt, was hat das bedeutet, nach dem, was heute in Brüssel passiert ist?", rätselte Schirra am Montag.

"Der Terror wird in Europa zum Alltag gehören"

"Der Terror wird in Europa zum Alltag gehören – wie in Israel und Palästina", wagt Schirra eine verstörende Prognose. "Europa wird lernen müssen, damit weiterzuleben." Die Anschläge von Brüssel hätten dem europäischen Lebensgefühl, der europäischen Liberalität gegolten.

Dieses Lebensgefühl verteidigte die Grünen-Politikerin Terry Reintke. Die EU-Parlamentsabgeordnete warnte davor, die Bevölkerung des Brüsseler Stadteils Molenbeek unter Generalverdacht zu stellen. Das Quartier, in dem viele Einwanderer aus Nordafrika leben, war bereits nach den Anschlägen von Paris im November 2015 wegen seiner aktiven islamistischen Szene ins Visier der Sicherheitskräfte geraten. "Jetzt Angst und Hass zu verbreiten, kann auf jeden Fall nicht die Reaktion sein", mahnte Reintke zu durchdachtem Handeln. Auch wenn manche, wie Schirra klagte, "nicht mehr argumentativ rückholbar" seien, gelte es langfristig über Sozialarbeit und andere Mechanismen, gesellschaftliche Teilhabe an Stelle von Parallelgesellschaften zu erreichen.

Plasberg provoziert mit "Scheiß auf Datenschutz"

Einig war sich die Talkrunde in ihrer Forderung nach einer engeren Kooperation der europäischen Behörden bei der Terrorismusbekämpfung. Frank Plasbergs provokanter Forderung nach mehr Vorratsdatenspeicherung und Überwachung – "Scheiß auf Datenschutz!" – erteilte CDU-Politiker Armin Laschet hingegen eine Absage. Das Problem sei vielmehr die mangelnde Kooperation der europäischen Behörden untereinander: "Mehr Sicherheit bekommen wir nur, wenn die Sicherheitsbehörden ihre Daten austauschen."  

Wirkungslos sei dagegen nationales Abschotten "im Kampf gegen Terroristen, die längst europäisch arbeiten. Grenzen schließen verhindert es nicht." Dem stimmte die Grünen-Abgeordnete Reintke zu. Sechs der zehn Paris-Attentäter seien bereits polizeibekannt gewesen, nur die Daten zwischen den Behörden nicht ausgetauscht worden. Dies müsse unter Ausschöpfung des bestehenden Rechtsrahmens verbessert werden, nicht durch ungebremste Überwachung unter Aufgabe von Grundrechten.

Eine restriktive Grenzpolitik und das vorauseilende Wegsperren von Syrien-Rückkehrern hatte der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders kurz nach den Anschlägen via Twitter gefordert. Dies bezeichnete Laschet als sinnlos und zynisch, Wilders wolle "nur wieder auf andere Menschen hetzen". Polizei über die Grenzen hinweg arbeiten zu lassen, das sei die Lösung.

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