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In Folge von islamistischen Terroranschlägen und der Besetzung der nordirakischen Stadt Mossul sind mehr als eine halbe Million Menschen auf der Flucht.

Irak in Aufruhr

Terrorgruppe Isis kurz vor Bagdad

Bagdad - Ein Land versinkt im Chaos: Die Terrorgruppe Isis ist bis auf 100 Kilometer an Bagdad herangerückt. Ministerpräsident Al-Maliki zieht nun Truppen zusammen - und sucht Hilfe beim kurdischen Partner.

Die Terrorgruppe Isis hat weite Teile des Iraks unter ihre Kontrolle gebracht und das Land in eine schwere innenpolitische Krise gestürzt. Innerhalb weniger Stunden bewegten sich Kämpfer der islamistischen Organisation von Nordwesten aus durch das Land Richtung Bagdad. Der Vormarsch der Islamisten löste international Entsetzen und Besorgnis aus.

Am Dienstag hatten Kämpfer zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul nahezu kampflos eingenommen. Im Verlauf des Mittwochs drangen die Isis-Truppen bis Samara, rund 130 Kilometer nördlich von Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert, mit den strategisch wichtigen Städten Baidschi und Tikrit.

In Mossul flohen rund 500.000 Menschen vor den Extremisten. Sie hätten ihre Wohnhäuser aus Angst vor gewalttätigen Übergriffen verlassen, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Mittwoch in Genf. Durch Kämpfe habe es unter der Zivilbevölkerung „eine hohe Zahl von Opfern“ gegeben.

Die Isis ist eine der radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Als „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ kämpft die Gruppe für einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat. Laut Human Rights Watch (HRW) erbeuteten die Kämpfer auf ihrem Feldzug große Waffenarsenale der irakischen Armee. Die Waffen könne Isis nun in das Bürgerkriegsland Syrien einschleusen - und den Konflikt dort noch verschärfen, warnte Peter Bouckaert von HRW.

Das ist die Terrorgruppe ISIS

Terrorgruppe in Syrien: Das will der Islamische Staat

In Baidschi, rund 200 Kilometer nördlich von Bagdad, brachte Isis die Ölraffinerie und das Elektrizitätswerk unter ihre Kontrolle, wie Medien berichteten. Vom Werk wird auch die Hauptstadt Bagdad mit Strom versorgt. Nach örtlichen Berichten hat Isis zudem Straßensperren vor Kirkuk im Nordirak errichtet und bewegt sich weiter Richtung Bagdad vor.

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki nannte Berichte über das Vordringen von Isis „Verschwörungen und Falschmeldungen“. Die Armee sorge für eine Stabilisierung der Region. Al-Maliki regte zudem die Bildung einer neuen Brigade aus Soldaten und Zivilisten an, die die Terroristen zurückschlagen soll, zitierte die Nachrichtenseite „Al-Sumaria News“ den Ministerpräsidenten.

Unbestätigten Berichten zufolge wurden am Mittwochabend die verbliebenen irakischen Truppen in Bagdad zusammengezogen. Auch die unabhängigen kurdischen Truppen im Norden des Landes, die „Peschmerga“, forderte Al-Maliki auf, bei der Gegenwehr zu helfen.

Die kurdische Nachrichtenseite „Rudaw“ meldete, Peschmerga-Truppen hätten sich zur Kooperation bereiterklärt. Man müsse mit einem „Guerillakrieg“ gegen Isis vorgehen, wurde ein Offizier zitiert. In Syrien haben unabhängige kurdische Milizen bereits erfolgreich gegen Isis-Truppen gekämpft.

Auch der einflussreiche Schiitenprediger Muktada al-Sadr rief seine Anhänger dazu auf, „Friedensbrigaden“ im Land zu bilden, um Schreine, Moscheen und Kirchen in Abstimmung mit der irakischen Regierung gegen Isis-Kämpfer zu verteidigen. Auf Twitter erklärten sich Sympathisanten bereit, die „Suraya al-Islam“ getaufte Brigade zu unterstützen.

Nach dem Sturm auf Mossul wurde dort der türkische Konsul als Geisel genommen. Insgesamt seien 48 Menschen in der Gewalt von Terroristen, berichteten türkische Medien. Unter den Geiseln seien auch Kinder und Konsulatsmitarbeiter. Der türkische Außenminister Ahmed Davutoglu brach seine USA-Reise ab und kehrte zurück in die Heimat.

Die Islamisten befreiten allein in Mossul rund 2400 Häftlinge aus Gefängnissen und besetzten Regierungsgebäude und zwei TV-Stationen, wie Al-Dschasira meldete.

Am Donnerstag soll das irakische Parlament über die Forderung Al-Malikis beraten, den Notstand zu verhängen. Damit hätte der umstrittene schiitische Regierungschef mehr Befugnisse, um in den Konflikt mit den sunnitischen Aufständischen einzugreifen. Viele Sunniten fühlen sich benachteiligt durch die schiitisch dominierte Regierung. Schon nach dem Abzug der Amerikaner im Dezember 2011 hatte eine Welle der Gewalt zwischen Schiiten und Sunniten den Irak erschüttert.

Die Terrorgruppe Isis macht sich diesen Machtkampf zunutze. In einem im Internet kursierenden Propagandamagazin verbreitete die Isis Bilder von exekutierten irakischen Soldaten und ihren Eroberungszügen. „Al-Malikis tyrannische Stärke ist unserer Frömmigkeit nicht gewachsen“, steht in dem Magazin.

US-Außenamtssprecherin Jen Psaki appellierte an die irakischen Politiker, als Einheit gegen die „regionale Gefahr“ Isis vorzugehen. Es müsse mehr für die Sicherheit des irakischen Volkes getan werden. „Und wenn ich sage, dass die Politiker vor Ort mehr leisten können, dann schließt das natürlich auch Al-Maliki mit ein“, sagte Psaki.

Die Bundesregierung sieht die Entwicklung im Irak mit „allergrößter Sorge“. Der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, appellierte an die verschiedenen politischen Lager, ihren Machtkampf zu beenden. Bundesbürger sind nach Angaben der Bundesregierung nicht von den Kämpfen betroffen.

dpa

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