Neues Erdbeben in Mexiko

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„Beendet den Terror – wir Kinder haben Angst“: Dieses Schild liegt am Dienstag in der Fußgängerzone Hannover – noch vor der Absage des Spiels. Die Evakuierung und die Anschläge in Paris haben viele Menschen verunsichert.

Terroralarm in Deutschland

Angst-Expertin: "Wir denken uns die Welt sicher"

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München - Der Terror verbreitet Schrecken in Europa. Im Interview spricht eine Angst-Expertin über die Geschehnisse der letzten Tage – und was das alles mit unserem Sicherheitsgefühl macht.

Marion Koll-Krüsmann ist Expertin für Angst und Traumata. Die Lehrbeauftragte für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität beschäftigt sich etwa damit, wie Feuerwehr- und Rettungskräfte Einsätze verarbeiten können, bei denen sie mit Gefahr und Tod konfrontiert werden. Wir sprachen mit ihr über die Anschläge in Paris, den Polizeieinsatz in Hannover, die Terrorgefahr in Deutschland – und was das alles mit unserem Sicherheitsgefühl macht.

Seit Paris reden wir alle viel über Terrorgefahr. Wirkt die Lage nach Hannover noch bedrohlicher?

Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Die wahrgenommene Bedrohung, die wahrgenommene Gefahr ist nicht mehr nur abstrakt, woanders. Uns ist jetzt klarer: So etwas kann auch hier passieren. Es kann aber auch sein, dass das Sicherheitsgefühl wächst, weil man gesehen hat, dass die Behörden reagieren und die Bevölkerung schützen durch weitreichende Entscheidungen wie die Absage eines so großen Spiels. Viele empfinden etwa sehr rigide Kontrollen am Flughafen als lästig – aber das erhöht auch das Sicherheitsempfinden, weil man sieht: Da wird viel getan.

Thomas de Maizière hat am Dienstagabend keine konkreten Gründe für die Spielabsage genannt und einen seltsamen Satz gesagt: „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.“ War das klug? Oder verkraften wir die Wahrheit tatsächlich nicht?

Die Münchner Trauma-Expertin Marion Koll-Krüsmann erklärt, wie wir mit Ängsten umgehen können.

Wenn ich mich entscheide, jemanden zu schützen, indem ich ihm Informationen vorenthalte, dann würde ich dieses Wissen aber auch für mich behalten. In der Erziehung sagt man einem Kind ja auch nicht immer alles, um es zu schützen. Sobald ich ihm das bewusst mache, kriegt es Angst. De Maizière wollte die Gesellschaft sicher beruhigen, aber das war nicht wirkungsvoll. Dann würden viele lieber doch die Wahrheit wissen, als sich Phantasien zu machen. Man weiß aus der Traumaforschung, dass sich Menschen zum Beispiel das Unglück, das ihren Angehörigen geschehen ist, oft noch grausamer vorstellen, als es in der Realität war.

Viele haben die Anschläge in Paris und auch die Evakuierung in Hannover praktisch live am TV miterlebt. Wie wirkt sich das auf unsere Psyche aus?

Sehr unterschiedlich. Bei ohnehin ängstlichen Menschen schüren Bilder von einem geräumten Stadion oder dramatische Szenen aus Paris die Angst, die Verunsicherung – vor allem wenn man diese Bilder im Kopf hat, wenn man dann tatsächlich selbst im Stadion ist. Bilder können Ängste verstärken.

Was hilft gegen ein mulmiges Gefühl im Stadion, in der vollen U-Bahn, auf dem Christkindlmarkt?

Wir Menschen gehen mit vielen Gefahren so um, dass wir sie nicht bewusst im Fokus haben, dass wir uns nicht an sie erinnern. Im Straßenverkehr sterben in Deutschland jedes Jahr 6000 Menschen. Wenn wir uns dieser Bedrohung immer bewusst wären, würden wir nicht mehr auf die Straße gehen. Wir Menschen denken uns die Welt eigentlich eher sicher. Obwohl wir wissen, dass das Leben sehr fragil ist und man bei einem Unfall sterben kann.

Die Terrorgefahr auszublenden, wo doch laufend neue Dinge passieren, viel darüber berichtet wird, ist schwer...

Ja, aber man kann seinen Verstand einsetzen: Man kann sich bewusst entscheiden, doch ins Stadion zu gehen oder auf den Christkindlmarkt, weil man weiß, dass die faktische Gefahr sehr gering ist, Opfer eines Anschlags zu werden. Man weiß aber zum Beispiel von Menschen mit Flugangst, dass das Wissen über die statistisch geringe Gefährlichkeit eines Flugzeuges nicht davor schützt, Angst zu haben.

Was hilft dann?

Der Versuch, sich auf seine Wahrnehmung zu konzentrieren. In der Therapie nennt man das Aufmerksamkeitslenkung. Zum Beispiel: dass man sich im Stadion durch Gespräche mit Freunden ablenkt. Wer richtig Angst bekommt, hält sie durch bewusste Atmung besser aus. Ich denke, am besten hilft, sich klarzumachen, dass die Gefahr für den einzelnen nicht sehr groß ist.

Terror in Europa: Alle Infos vom Mittwoch im News-Ticker

Viele sagen gerade Dinge wie: „Wenn jetzt Wiesn wäre, ich würde nicht hingehen.“ Was, wenn man einfach Bammel hat, ins Stadion zu gehen?

In der Traumatherapie arbeiten wir zum Beispiel mit einem sogenannten „sicheren Ort“. Man hat eine verunsichernde Vorstellung, zum Beispiel das Stadion, das geräumt wird. Dem kann man eine „versichernde Vorstellung“ gegenüberstellen, zum Beispiel einen ganz und gar friedlichen Besuch eines Fußballspiels, wie ihn derjenige schon erlebt hat.

In der Theorie klingt das gut. Ab und zu spielt einem die Psyche aber einen Streich. Warum kriegt man Angst manchmal nicht in den Griff?

Im Gehirn sind für Angst verschiedene Bereiche zuständig. Das ist die wichtigste Struktur im Gehirn! Wenn ich im Wald bin und einen Wolf sehe, habe ich Angst und klettere auf einen Baum. Das passiert automatisch, ohne dass ich darüber nachdenke. Nach einem Banküberfall funkt das Gehirn dem überfallenen Angestellten: Geh da bloß nicht wieder hin! Da droht Lebensgefahr! Das Gehirn tut alles, um den Menschen daran zu hindern, sich wieder in Gefahr zu geben.

Der Bankangestellte überwindet sich vermutlich. Viele Menschen sind auch jetzt der Meinung: Ich lasse mich nicht einschränken! Ich geh‘ ins Stadion – jetzt erst recht. Hilft Trotz gegen Angst?

Ich würde das gar nicht als Trotz bezeichnen, sondern als Wille, sich nicht von seinen Ängsten beherrschen zu lassen. Dass der Bankangestellte nicht zulässt, dass ihn die Angst von seiner Arbeit abhält. Die Entscheidung, der Angst zu trotzen, nimmt mittelfristig die Angst. Je mehr ich Situationen vermeide, vor denen ich Angst habe, desto stärker wird die Angst. Das Gehirn versteht das als Erfolg: Aha, je mehr Angst ich dem mache, desto eher geht der da nicht mehr hin.

Wie verarbeiten Kinder die Nachrichten von Terror und Gefahr?

Je jünger das Kind ist, desto weniger erfasst es die Tragweite. Kinder haben eine bessere Möglichkeit, ein Trauma zu verarbeiten. Es ist ganz wichtig, wie die Eltern mit einer solchen Situation umgehen. Aus der Forschung weiß man, dass der Bewältigungsstil der Eltern entscheidender für die Verarbeitung ist als das Ereignis an sich.

Sollen Eltern bewusst auf Kinder zugehen und über Terror sprechen? 

Auf jeden Fall ist es ratsam, mit den Kindern offen und ehrlich zu sprechen. Und solche Ereignisse in Relation zu setzen. Ihnen zu sagen, dass jeden Tag schlimme Ereignisse passieren. Für Kinder ist eine Einordnung hilfreich. Das weiß man aus der Forschung über die Auswirkungen von Kriegserfahrungen. Wenn Eltern viel mit Kindern gesprochen haben, gab es in nachfolgenden Generationen deutlich weniger psychische Erkrankungen, als wenn Dinge tabuisiert werden.

Hält so ein kollektives Trauma, wenn man das so nennen will, lange an? Oder vergessen wir – zum Glück – schnell?

Ich würde es nicht Trauma nennen, eher Erschütterung oder Verunsicherung – zumindest was die Auswirkungen auf uns angeht. Bei den Menschen, die in Paris Zeugen der Anschläge wurden oder Angehörige verloren haben, ist das natürlich ein Trauma. Traumatisierte Gesellschaften wachsen oft enger zusammen. Erschütterungen können auch positive Dinge auslösen. Zum Beispiel, dass man einen achtsameren Umgang mit Mitmenschen pflegt.

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