Teures Hobby Chirurgie

- München - Vor dem Gebäude begrüßen sich arabische Männer mit Handschlag, in einem asiatischen Supermarkt gähnt eine Kassiererin. Drinnen schmücken eine Heiligen-Ikone, ein Jesus-Gemälde und ein islamisches Gottesauge die Praxis von Wolfgang Redka-Swoboda. Mit diesen Geschenken haben sich griechische, südamerikanische und türkische Patienten bei dem 47-jährigen Chirurgen bedankt, der im Münchner Bahnhofsviertel ambulant operiert.

Gestern klebte ein Zettel an der verschlossen Praxistür, mit einer Bitte auch an seine Patienten: Sie möchten sich "aus Solidarität zu ihren Ärzten" an der Protestaktion auf dem Marienplatz beteiligen. Redka-Swoboda jammert nicht, weil für ihn ein bisschen weniger Geld übrig bleibt - er wird seine Praxis an diesem Standort kaum halten können.

"Es waren arzttypisch wenige Demonstranten."

Wolfgang Redka-Swoboda

"Waren Sie auch auf der Demonstration?", fragt der Doktor die Medizinkosmetikerin, die sich bei ihm eingemietet hat. "Natürlich", antwortet die lebhafte Frau. Sie haben sich im Pulk der gut 2000 Menschen übersehen - aber Redka-Swoboda war die Menge bei weitem nicht groß genug. "Arzttypisch wenige", lästert er, bevor er gesten- und wortreich zu erklären beginnt, warum eine Praxis wie die seine nach der Gesundheitsreform nur schwer überleben kann.

Schon der Standort: Gut verdienende Privatpatienten kommen nicht ins Viertel der Leuchtreklamen und Dönerbuden um den Hauptbahnhof. Bei etwa zehn Prozent müsse ihr Anteil aber mindestens liegen, um über die Runden zu kommen, sagt Redka-Swoboda. Er komme etwa auf drei Prozent - zu wenig. Es sind größtenteils Migranten und Sozialhilfeempfänger, denen der Doktor die Krampfadern zieht und deren Leistenbrüche er kuriert. Er behandle sie gern, sagt er. Er habe sich just deshalb für diese Räume entschieden, weil er vier Fremdsprachen spreche und sich gerne um Ausländer kümmere. Aber die Vergütung der gesetzlichen Krankenkassen reiche nicht zum Überleben.

Im Quartal bringe ihm jeder dieser Patienten 50 Euro im Schnitt, rechnet der Arzt vor. Mit Einführung der Praxisgebühr 2004 sei die Zahl der Behandlungen pro Quartal etwa von 730 auf 480 abgesackt - die Überweisungen blieben aus. Als Chirurg muss er neben Räumen, teuren Geräten und einer Sprechstundenhilfe noch eine Krankenschwester beschäftigen - und eine Mitarbeiterin beim Röntgen.

Engagiert tritt er auf, der Mann, der sich bis vor fünf Jahren als Klinikarzt auch für geschröpfte Mitarbeiter einsetzte - als Betriebsrat. Wegen ständiger Reibereien habe er den Schritt in die Selbständigkeit gewagt, sagt er: "Ich habe ihn bereut." Kein Wunder, denn Redka-Swoboda droht der Konkurs. Gerade die Neulinge unter den niedergelassenen Ärzten trifft es zurzeit hart: Ihre Einbußen treffen sie in einer Phase, in der sie ihre Schulden noch nicht abbezahlt haben. Und die Banken werden bei der Kreditvergabe immer misstrauischer.

Über Wasser hält Redka-Swoboda bisher seine besser honorierte Tätigkeit als Durchgangsarzt für Arbeitsunfälle der Berufsgenossenschaft. Sie macht 40 Prozent seines Umsatzes aus. Gelegentlich schreibt er ein Gutachten oder macht einen plastisch-kosmetischen Eingriff. Die Aufträge bleiben aber rar, auch weil Redka-Swoboda die Eigenheit nicht los wird, seine Kunden vorher eingehend über die Risiken aufzuklären.

Redka-Swoboda leidet an der bürokratischen und undurchsichtigen Gesundheitsreform auch, weil er Arzt mit Leib und Seele ist. "Ich möchte nicht nur eingewachsene Zehennägel herausschneiden", sagt er. Deshalb operiert er manchmal in einer Klinik, was ihm einen Honorarabschlag von 50 Prozent einbringt - eine der Absurditäten des Systems.

Wolfgang Redka-Swoboda sagt von sich, dass er nur eines möchte: "Das tun, was ich vor vielen Jahren im Studium gelernt habe." Also kranke Menschen behandeln - sein Beruf. Allzu oft, sagt er, werde aus dem Beruf ein unbezahltes Hobby.

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