Ein Meilenstein auf dem Weg zur Einheit: Bundesfinanzminister Theo Waigel (2.v.re.) unterzeichnet mit DDR-Finanzminister Walter Romberg den deutsch-deutschen Staatsvertrag zur Währungsunion. DDR-Ministerpräsident De Maiziere und Kanzler Kohl (dahinter) schauen zu.

9. November 1989

Waigel zum Mauerfall: „Wunder im Weltgeschehen“

München - Wie erlebte Theo Waigel den Mauerfall? Wir sprachen mit dem Ex-Finanzminister über bange und glückliche Stunden, über erfüllte Erwartungen – und frustrierende aktuelle Entwicklungen.

Er war der oberste Kassenwart der Nation, als die Mauer fiel: Der damalige CSU-Chef Theo Waigel erlebte als Bundesfinanzminister an der Seite Kanzler Helmut Kohls den Prozess der Deutschen Wiedervereinigung in der ersten Reihe mit.

Wo und wie haben Sie die Nachricht vom Fall der Mauer am späten Nachmittag des 9. November 1989 erfahren?

Ich war auf dem Weg in meinen Wahlkreis zu einer Jubiläumsveranstaltung der CSU in Illerberg bei Senden. Eigentlich wollte ich alles sofort absagen, aber meine Heimatfreunde haben mich so bedrängt, dass ich sie nicht im Stich lassen wollte. Also flog ich hin und erfuhr dort, was sich in Berlin ereignete.

Was war Ihre erste Reaktion? Haben Sie eine Flasche Schampus geöffnet?

Nein, nein. Da war zum einen zwar große Hoffnung, aber auch angespannte Sorge, denn in meinem langen Leben habe ich viel erlebt: Mit schon wachem Sinn den Koreakrieg, am 17.Juni 1953 die Niederschlagung des Aufstands in Ostberlin, 1956 die Tragödie in Ungarn, wo zunächst auch große Hoffnung auf Freiheit geherrscht hatte. Dann 1968 den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei zur Beendigung des Prager Frühlings. Wenn man solche Erfahrungen hinter sich hat, weiß man zwar, es gibt in der DDR Hoffnung, es bewegt sich etwas. Aber da war immer noch die riesige sowjetische Streitmacht im anderen Teil Deutschlands.

Befürchteten Sie tatsächlich ein Eingreifen der Sowjets?

Ich erinnere an den Mauerbau 1961. Ich glaube nicht, dass jemand 1989 bereit gewesen wäre, eine bewaffnete Auseinandersetzung zu riskieren, wenn Moskau wieder Panzer hätte auffahren lassen. Zudem dachte man: Hoffentlich verliert niemand den Verstand, hoffentlich schießt keiner, hoffentlich spielt kein Offizier der Nationalen Volksarmee verrückt. Erst als ich dann in der Nacht zuhause in Oberrohr war und die Vorgänge in Berlin im Fernsehen verfolgte, wuchs die Hoffnung, dass dies etwas Beständiges, etwas Stabiles sein könnte. Diese Öffnung war dann für mich wie ein Wunder im Weltgeschehen. Ein Wunder, das ich in meinem Leben fast nicht mehr erwartet hätte.

Haben Sie noch in der Nacht mit Kanzler Helmut Kohl telefoniert?

Das ging nicht, Kohl war zu dieser Zeit auf Besuch in Polen. Aber meine damalige Büroleiterin Ida Aschenbrenner und mein Pressereferent in München, Peter Hausmann, haben mir sofort für den nächsten Tag einen Flug nach Berlin organisiert. Ich traf Helmut Kohl dort zusammen mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher und anderen im Rathaus Schöneberg.

Dort wurde Helmut Kohl kräftig ausgebuht und Willy Brandt bejubelt...

... das war kein Meisterstück der Berliner CDU. Von uns waren offensichtlich keine Leute im Publikum. Die sind alle am Abend auf die Großkundgebung an der Mauer mit über hunderttausend Leuten gegangen, wo Kohl und ich redeten. Aber vor dem Rathaus fand sich eine eigenartige Mischung von Menschen zusammen. Und Walter Momper, der damalige Regierende Bürgermeister von der SPD, realisierte nicht, was wirklich stattfand. „Es gehe nicht um Wiedervereinigung, sondern nur um Wiedersehen.“ Aber Helmut Kohl ließ sich nicht beirren und sprach unter Einsatz seiner vollen Statur, während die Zuhörer unten pfiffen und johlten. Danach hat sich Kohl die Herrschaften der Berliner CDU in einem Hinterzimmer in meiner Anwesenheit gewaltig zur Brust genommen...

Wie ging es dann politisch weiter?

Am nächsten Tag fand in Bonn eine Sondersitzung des Bundeskabinetts statt, um die neueste Situation zu besprechen.

Ahnten Sie da schon, dass dies das Ende der DDR und der entscheidende Schritt zur Wiedervereinigung war?

Eine Ahnung und die Hoffnung waren da. Aber immer noch die Sorge, es könnte eine Repression stattfinden.

Was hat Sie dann beruhigt?

Ich fand es sehr beachtlich, dass der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow mit Helmut Kohl und auch Willy Brandt telefonierte und bat, dass man besonnen bleiben und vernünftig auf die Menschen zugehen soll. Das zeigt, dass Gorbatschow mit der Wendung der Dinge einverstanden war, obwohl er von der Ostberliner Regierung vermutlich in ganz anderem Sinne unterrichtet wurde. Es war wichtig, dass Kohl und Gorbatschow einander vertrauten. Der Kanzler beruhigte den Kreml-Chef und beschrieb ihm die Lage in Berlin als stabil und ruhig, die Stimmung insgesamt als fröhlich. Also ohne Gefahr für die sowjetischen Soldaten. Ab da herrschte Erleichterung.

Apropos Gorbatschow: Helmut Kohl wird von seinem Ex-Biografen Schwan mit der These zitiert, die Wiedervereinigung sei vor allem dem Pleitier Gorbatschow in Moskau zu verdanken, weniger den Demonstranten in Leipzig, Dresden und anderswo. Wie sehen Sie das?

Es lohnt sich in einer solchen historischen Stunde nicht, auf eine Figur wie Schwan zu reagieren. Die Ehre tue ich dem Mann nicht an.

Sie waren 1989 nicht nur CSU-Chef, sondern auch Bundesfinanzminister. Ist Ihnen nicht das Herz in die Hosen gerutscht angesichts der milliardenschweren Kosten, die auf Sie zukommen würden?

Damals wurde der Philosoph Ernst Jünger gefragt: „Was sagen Sie zu den Kosten der Wiedervereinigung?“ Und er antwortete: „Wenn Dein Bruder vor der Tür steht, lässt Du ihn herein und fragst nicht, was das kostet.“

Aber die Finanzfrage stellte sich doch politisch-praktisch?

Ich stand vor einem sehr erfolgreichen Haushalt, spätestens 1990 hätte er schuldenfrei sein können – aber die Entscheidung war völlig klar: Die Chance der Freiheit nutzen wir! Wann die Einheit kommen würde, konnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht sagen. Aber wir hatten immer versprochen: Wenn in der DDR Reformen passieren, wenn dort demokratische Zustände einkehren, stehen wir ihr zur Seite. Ich habe mich an ein Wort von Franz Josef Strauß aus den 60er-Jahren erinnert: Wenn in der DDR eine Demokratie eingeführt wird, dann würden wir sogar eine Zeitlang auf die Forderung nach Wiedervereinigung verzichten und dafür einen Betrag von über hundert Milliarden D-Mark zur Verfügung stellen. Strauß wusste ganz genau, dass in dem Moment, wo Demokratie, Freiheit und freie Wahlen eingeführt werden, die Einheit unweigerlich folgen würde.

Ihren Soli gibt es heute, 25 Jahre danach, immer noch. Hätten Sie das damals gedacht?

Man muss natürlich wissen, dass der Solidaritätszuschlag ein Instrument ist, das allein dem Bund zusteht (schmunzelt). Das heißt, der Bundesfinanzminister muss sich bei der Einführung, der Verwendung und der Abschaffung nicht mit den Bundesländern herumschlagen. Wenn ich mich an die Zeit der Wiedervereinigung erinnere, muss ich sagen, dass sich die Länder nicht gerade als besonders zahlungswillig entpuppten. Drum kann ich den Bundesfinanzminister verstehen, dass er dieses Instrument ohne Ausgleich nicht aufgeben möchte.

Wie lautet also Ihre Prognose: Wird er auch 2019 nicht enden?

Ich glaube, dass man ihn nicht unbegrenzt fortführen kann, weil die verfassungsrechtliche Zulässigkeit problematisch werden könnte.

Was war für Sie der emotionalste Moment auf dem Weg zur Einheit zwischen dem 9. November und dem 3. Oktober 1990?

Das war das Treffen mit Gorbatschow im Kaukasus. Nach einer langen Nacht, in der Kohl, Genscher, Regierungssprecher Johnny Klein und ich uns fragten, was wohl der folgende Tag bringen würde, teilte uns der Kreml-Chef mit: Jawohl, ich stimme der Einheit zu, und ganz Deutschland kann, wenn es will, Mitglied der Nato bleiben. Das war ein unglaublicher Augenblick. Außer bei Gorbatschow und Außenminister Schewardnadse sah ich auf russischer Seite nur missmutige Mienen, die deutlich machten, dass alle anderen diese Enscheidung ihres Präsidenten nicht billigten.

Wie war die Reaktion in Bayern?

Am nächsten Mittag nach meiner Rückkehr aus Moskau hatte Peter Gauweiler im Spatenbräu in München zu einem Treffen mit wichtigen Multiplikatoren eingeladen. Intellektuelle, Künstler, darunter Generalmusikdirektor Sawallisch, sowie einige Publizisten. Ich war noch müde von den letzten Tagen. Aber als ich denen erzählte, was sich im Kaukasus vollzogen hatte, applaudierte dieser Kreis von circa fünfzig Leuten fünf Minuten lang. Da habe ich erst selber in meiner Anspannung, die sich langsam löste, gemerkt, was sich da an Historischem ereignet hatte.

Damals wurde in Bayern heftig über eine Ausdehnung der CSU nach Osten diskutiert. Sind Sie rückblickend froh, es nicht getan zu haben, oder bereuen Sie es gar?

Nein, ich halte das, was wir damals entschieden haben, für absolut richtig. Wir konnten doch nicht zu einem Zeitpunkt, als Deutschland sich anschickte, wieder vereint zu werden, die Spaltung der Union herbeiführen. Denn dazu wäre es gekommen. Ich war schon 1976 in Kreuth gegen die Spaltung der Union, und ich habe das 1990 verhindert, als der eine oder andere in der CSU das wollte.

War die damalige Währungsunion mit der 1:1-Umrechnung der Ostmark zu Westmark richtig oder war es ein politisch notwendiger ökonomischer Fehler?

Ich muss Sie korrigieren. Das war keine Umstellung 1:1, sondern gesamtvolkswirtschaftlich eine Umstellung von 1 (D-Mark) zu 1,81 (Ostmark). Damit waren wir sehr nahe an dem Umtauschkurs von 1:2, den die Bundesbank damals vorgeschlagen hatte. Richtig ist, das wir die sogenannten Stromgrößen wie Renten, Löhne und Gehälter 1:1 umgestellt haben. Auch das war richtig, weil die Renten und Löhne in der DDR in Ostmark nur etwa ein Drittel dessen betrugen, was in der Bundesrepublik in D-Mark bezahlt wurde. Wer also in diesem Bereich mit 1:2 umgestellt hätte, hätte den Leuten für ihre Arbeit nur ein Sechstel dafür gegeben, was man im Westen verdiente. Wir hätten damit einen Exodus von Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik provoziert.

Pünktlich zum Mauerfall-Jubiläum sorgt die Aussicht auf den ersten Ministerpräsidenten der SED/PDS-Nachfolgepartei „Die Linke“ in Thüringen für heftige Debatten. Haben Sie dabei auch heftige Bauchschmerzen wie Bundespräsident Gauck?

Ich empfinde darüber nicht nur Bauchschmerzen, sondern Wut! Wir haben einen Fehler gemacht: Wir hätten die SED angesichts dessen, was sie an Verbrechen zu verantworten hat, verbieten müssen. Dann hätten auch Nachfolgeorganisationen verboten werden können, und dieser Spuk wäre gar nicht entstanden. Gauck hat in sehr sanften Worten ausgedrückt, was man als normaler Beobachter empfindet. Frühere Bundespräsidenten wie Theodor Heuss haben sich zu ähnlichen Vorgängen noch viel deutlicher geäußert.

-25 Jahre nach dem Mauerfall glauben Emnid zufolge 56 Prozent der Deutschen nicht, dass der Satz „Wir sind ein Volk“ inzwischen zutrifft. Wie wiedervereinigt ist Deutschland Ihrer Meinung nach?

Es gibt dazu hunderterlei Umfragen. Die wichtigste für mich ist: 75 Prozent der jungen Leute in Ostdeutschland begrüßen die Wiedervereinigung als großen Fortschritt für ihr Leben. Im übrigen ist das, was sich damals vollzogen hat, wie ein Wunder, um es mit den Worten des Münchner Religionsphilosophen Eugen Biser zu sagen. Das hat es noch nie gegeben, dass eine solche Umwälzung ohne einen Schuss, ohne ein Todesopfer geschafft wurde. Ein friedlicher Prozess mit Auswirkungen auf ganz Europa. Das ist etwas Ungeheuerliches und grenzt sich wohltuend ab von den fürchterlichen Begebenheiten, die in den letzten 25 Jahren in anderen Kontinenten stattgefunden haben.

Interview: Alexander Weber

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nach Präsidentenwahl in Kenia: Opposition legt Einspruch ein
Kenias Opposition will das Wahlergebnis von vor rund einer Woche nicht anerkennen. Die Computer seien manipuliert worden, lautet einer der Vorwürfe. 
Nach Präsidentenwahl in Kenia: Opposition legt Einspruch ein
Rechte „Identitäre“ in Barcelona nicht willkommen
Nach dem Terroranschlag von Barcelona marschierten Mitglieder der Identitären Bewegung in der Stadt auf. Passanten stellten sich den Rechten entgegen.
Rechte „Identitäre“ in Barcelona nicht willkommen
Terror-Fahrer von Barcelona war erst 17 und kündigte die Tat an
Sein Anschlag tötete 14 Menschen und wollte offenbar noch viel mehr treffen - über den Attentäter von Barcelona gibt es mittlerweile nähere Erkenntnisse.   
Terror-Fahrer von Barcelona war erst 17 und kündigte die Tat an
Merkel zu Erdogan: „Wir verbitten uns jede Art von Einmischung“
Der türkische Präsident Erdogan hat die türkischstämmigen Wähler zum Boykott bei der Bundestagswahl aufgerufen. Bundeskanzlerin Angela Merkel übt an der Einmischung …
Merkel zu Erdogan: „Wir verbitten uns jede Art von Einmischung“

Kommentare