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Nach dem schmutzigen CSU-Machtkampf ums Streibl-Erbe war das Verhältnis zwischen Theo Waigel und Edmund Stoiber zerrüttet (Archivfoto von 1998).

In seiner Biografie

Enthüllung über schmutzigen CSU-Machtkampf: Theo Waigel rechnet mit Edmund Stoiber ab

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Das Verhältnis von Edmund Stoiber und Theo Waigel gilt schon seit den 70er-Jahren als sehr angespannt. Nun rechnet Waigel in seiner Autobiografie in einem Kapitel mit Stoiber ab.

München– Der Auftritt ist eine kleine Sensation – aber er geht fast unter. CSU-Parteitag im vergangenen September. Die Umfragewerte sind im freien Fall, da springen Edmund Stoiber und Theo Waigel über ihren Schatten. Gemeinsam betreten die Ehrenvorsitzenden die Bühne, um für Markus Söder zu werben. Ja, wirklich: gemeinsam! Doch es ist Mittagszeit. Die Delegierten stehen am Büffet. Für Stoiber und Waigel interessiert sich zunächst niemand. Erst als sich Stoiber mehr und mehr in Rage redet, immer lauter, verstummen die Gespräche, Delegierte hasten in die Halle und erkennen das Spektakel.

Theo Waigel und Edmund Stoiber sind seit 1993 Rivalen 

Wer damals an Harmonie glaubte, sieht sich jetzt eines Besseren belehrt. Die Steigerung Freund–Feind–Parteifreund scheint für Stoiber und Waigel quasi erfunden worden zu sein. Und das letzte Kapitel ist noch nicht geschrieben. Im Gegenteil: Waigel fügt nun ein weiteres hinzu. In seiner am Donnerstag erscheinenden Autobiografie „Ehrlichkeit ist eine Währung“ widmet der ehemalige Bundesfinanzminister dem Kontrahenten zwar nur fünf Seiten. Die aber dürften das Verhältnis erneut auf Eis legen.

Es geht – natürlich – um den Machtkampf der beiden ab 1993. Nach monatelangem Ringen um die „Amigo“- Affäre nimmt Ministerpräsident Max Streibl am 27. Mai 1993 seinen Hut – der Kampf um die Nachfolge beginnt. Waigel verweist in seinem Buch auf eine Umfrage, wonach ihn, den Minister in der Hauptstadt, damals 48 Prozent der Bayern als geeigneten Ministerpräsidenten sahen. „In der Reihe“ möglicher Nachfolger sei „auch“ Stoiber genannt worden, den ein Viertel bevorzugte. Er habe befürchtet, Stoiber werde „in seinem bekannten Aktionismus unaufhörlich eine Gegenposition zur CSU-Politik in Bonn aufbauen“, schreibt der 79-Jährige und schließt: „Leider hat mich diese Ahnung nicht getrogen.“

Theo Waigel schreibt über Schmutzkampagne 

Mehr noch: Waigel beschreibt „eine persönlich diffamierende Kampagne“, in der die Trennung von seiner ersten Ehefrau und seine Beziehung zu Irene Epple im Mittelpunkt stand. Journalisten wussten schon lange davon, keiner veröffentlichte die Story – Privatsache. Dann hätten CSU-Abgeordnete bei Medien interveniert und gefragt, „warum nicht endlich darüber geschrieben werde, dass der CSU-Chef eine Freundin habe“, schreibt Waigel heute. „Ich muss mir dabei einen Fehler vorhalten: Ich hätte bereits damals eine klare Lösung, auch öffentlich, vollziehen sollen. Eine Schmutzkampagne wie 1993 wäre ausgeschlossen gewesen.“

Wer hinter der Kampagne steckt, ist für ihn klar: Stoiber. Er bezichtigt den Kontrahenten heute sogar der Lüge. Ende Mai 1993 schreibt Stoiber einen Brief an Rudolf Augstein, Herausgeber des „Spiegel“. Das Magazin entscheidet sich gegen den Abdruck – unsere Zeitung veröffentlicht den Brief jedoch. Er halte die Instrumentalisierung von Waigels Privatleben für infam, schreibt Stoiber. „Ich lehne solche heimtückischen und scheinheiligen Methoden ab und lasse mir ein derartiges denunziatorisches Handeln in keiner Weise zurechnen.“ Er wisse niemanden, der so gehandelt hat. 26 Jahre später zitiert Waigel aus diesem Brief. Dann folgt die knallharte Bewertung: „Das nehme ich ihm nicht ab.“

„Diesen bescheidenen Satz lasse ich einfach so stehen“, antwortet Waigel, wenn man ihn im Gespräch auf die Passage anspricht. „Ich finde, ich bin vornehm mit ihm umgegangen. Was damals geschehen ist, wird immer Teil meines Lebens sein.“

Irene Epple-Waigel und Theo Waigel (Archivfoto 2016).

Es ist ein Leben, in dem die Rivalität mit Stoiber weit zurück reicht – bis Anfang der 70er. Damals waren beide als persönliche Referenten von CSU-Schwergewichten tätig: Waigel bei Wirtschaftsminister Anton Jaumann, Stoiber bei Umweltminister Streibl. In vielen Telefonaten lösten sie manches Problem ihrer Chefs, die sich nicht grün waren. Mit den eigenen politischen Ambitionen überwarfen sie sich dann. Bis heute: Während der Flüchtlingskrise schoss Stoiber hart gegen Merkel, Waigel dagegen organisierte mit viel Symbolik einen bayerischen Unterstützerverein für die Kanzlerin.

Doch zurück ins Jahr 1993: Waigel überlegt, so stellt er es heute dar, sich komplett aus der Politik zurückzuziehen. Parteifreunde überreden ihn zum Verbleib als CSU-Chef und Bundesminister. Der Machtkampf mit Stoiber geht weiter. Parteivize Mathilde Berghofer-Weichner lädt sogar zum Friedensgipfel. Stoiber habe dort zugesagt, sich nicht zu sehr in Bonn einzumischen, sagt Waigel. Das sei später nicht eingehalten worden. Und: „Auf Stoibers Dank konnte niemand bauen. Berghofer-Weichner wurde kurze Zeit später von Stoiber als Ministerin entlassen.“

Stoiber lässt übrigens ausrichten, er habe seinem alten Leserbrief „nichts hinzuzufügen“. Entscheidend sei für ihn 1993 gewesen, das „politische Vertrauen der Menschen in Bayern und der überwältigenden Mehrheit der CSU-Landtagsfraktion“ zu haben. Und die Jahre der Doppelspitze mit Waigel seien ja sehr erfolgreich gewesen. Für Bayern und die CSU.

Am Donnerstag stellte Waigel sein Buch in München offiziell vor - und brachte eine umstrittene Koalitionsoption für die Union ins Spiel.

Theo Waigel: „Ehrlichkeit ist eine Währung“ (Econ-Verlag, 352 S., 24 Euro)

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