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Georg Anastasiadis, Chefredakteur des Münchner Merkur.

Britanniens neue eiserne Lady

Kommentar: Von Theresa May lernen

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München - Nach dem Brexit-Votum ist Theresa May nun die neue Premierministerin von Großbritannien. Die Mächtigen der Europäischen Union sollten daraus lernen. Ein Kommentar.

Großbritannien, sagt die frischgebackene Premierministerin Theresa May, müsse jetzt seine neue Rolle in der Welt finden. Die Seefahrernation hat sich mit dem Brexit in die hohen Wogen des Atlantiks begeben. Vieles liegt noch im Ungewissen, aber eines ist nach der Antrittsrede von Englands neuer „eiserner Lady“ schon jetzt klar: Das Vereinigte Königreich wird diese Rolle künftig nicht mehr innerhalb der Europäischen Union spielen. Einen Exit vom Brexit wird es nicht geben. Das stolze „United Kingdom“ wird unter Mays Führung nicht unter der Türritze zurück in die EU kriechen.

Sollte das die stille Hoffnung der Kanzlerin und der EU-Gewaltigen gewesen sein, so ist diese am Mittwochabend zerstoben. Nach den beleidigten, unsouveränen und vielfach hämischen Reaktionen unmittelbar nach dem Brexit-Votum der britischen Wähler hat Europa jetzt die Chance, seine Fehler wieder gutzumachen. Indem es auf die freiheitsliebenden Inselbürger zugeht, statt sie mit Flüchen und Drohungen zu überziehen und zu versuchen, am treulosen Königreich ein Exempel zu statuieren, auf dass kein anderes EU-Land es je wage, dem Beispiel zu folgen.

Schneller als gedacht haben sich all die Drohungen als leeres Geschwätz erwiesen. Längst sind die Märkte wieder zur Tagesordnung übergegangen. Nein: Mit dem Schüren von Ängsten werden die Brüsseler Götter Juncker und Schulz unser Europa niemals zusammenhalten können. Auch in Brüssel sollte man verstanden haben, dass man die EU neu bauen muss, wenn sie nicht ganz auseinanderfallen soll. Der nächste katastrophale Fehler wäre es, von den Briten in den bevorstehenden Scheidungsverhandlungen die Kapitulation in der Migrationsfrage zu verlangen. Das verstörende Gefühl, nicht mehr selbst bestimmen zu können, wer zum eigenen Staatsvolk gehört, wer die Grenzen passieren darf, hat die Briten von Europa weggetrieben. Theresa May hat ihren Landsleuten versprochen, das zu ändern. Genau so eine „eiserne Lady“wünschen sich auch ganz viele andere EU-Bürger; Brüssel wird das zu spüren bekommen. Und auch Europas ungekrönte Königin Angela Merkel kann noch von Theresa May lernen.

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