Bitte Platz wechseln? Minister Thomas Kreuzer, 54, gilt als aussichtsreichster Kandidat für den Fraktionsvorsitz der Landtags-CSU. Foto: klaus haag

Chefs für besondere Aufgaben

Thomas Kreuzer: Ein Richter für alle Fälle

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München - Die CSU sucht Chefs für besondere Aufgaben. Einer soll nach der Verwandten-Affären die Fraktion im Landtag führen, ein anderer im Justizbereich Ordnung reinbringen. Für beide Ämter im Gespräch: Thomas Kreuzer, Richter, Reservist, Ruheposten.

Vermutlich ist es die Last der Verantwortung, vielleicht auch ein Haltungsschaden. Stets sehr nach vorne gebeugt schlurft Thomas Kreuzer über die Flure der bayerischen Machtzentralen, ein bisschen wie Strauß, nur mit Hals. Der Gang lässt ihn, der sonst die meisten Gesprächspartner um einen halben Kopf überragen würde, nahbarer wirken. Sein Bass und der schwäbische Dialekt verstärken den Eindruck: ein Mensch, ein Typ, kein reiner Technokrat.

Viele kennen ihn ja nicht, diesen Kreuzer. Der 54-Jährige blieb viel im Hintergrund, wurde im Lauf der Karriere eher immer leiser. Ruhig organisierte er ab 2003 als Fraktionsvize das Alltagsgeschäft der Abgeordneten, eine Art Spieß der CSU-Kompanie, aber meist ohne Kasernenhofton. Kreuzer leitete unaufgeregt mehrere heikle Untersuchungsausschüsse. Leise nur freute er sich, als er 2011 ins Kabinett berufen wurde. Jammerte nicht, dass am Ende nur ein Posten als Kultusstaatssekretär frei war, der ihm fachlich völlig fremd war. Acht Monate später holte ihn Horst Seehofer endlich in die Staatskanzlei, wo er als Minister ebenso still die Regierungsgeschäfte koordiniert. „Die Querschnittsaufgabe liegt mir“, sagte er brav.

Reibung, wissen Physiker, erzeugt Wärme. Reibungslosigkeit, wissen Politiker, erzeugt stabile Regierungsarbeit. Wer wie Kreuzer reibungsloses Regieren ermöglichen soll, gilt deshalb schnell als kühler Verwalter, weniger charmant: als Schnarchdrossel. Während andere Minister dicke Schlagzeilen machen wollen, notfalls auch mal gegeneinander, muss ein Staatskanzleichef genau das unterbinden. Kreuzer half dabei seine Autorität als gelernter Richter und auch sein Ansehen bei vielen Abgeordneten.

Bei Bedarf kann er schon hart sein. „Wer selbst nicht brennt, kann andere nicht entflammen“, gab er mal als CSU-Motto aus. Manche entflammte er am Hosenboden. In der Verwandten-Affäre war es Kreuzer, der Ordnung in den Ministerrat brachte und den betroffenen Kabinettsmitgliedern ausrichtete, sie hätten insgesamt hunderttausende Euro zurückzuzahlen. Manche murrten, aber alle folgten. Sogar die Opposition zollt ihm ein nur leicht vergiftetes Lob. „Er nimmt’s meistens sehr genau, wenn ihm nicht gerade der Hut hochgeht“, sagte der Grüne Sepp Dürr neulich im BR.

Nun steht Kreuzer vor dem Umzug. Zwei Job-Optionen: Justizminister nach dem Mollath-Desaster, um den Bayern neues Vertrauen in ihr Rechtssystem einzuflößen. Oder, das ist der Stand von Dienstagabend, Chef der Fraktion. Falls es sich Seehofers bis heute Nachmittag nicht anders überlegt. Die Affären der Abgeordneten, all die Verwandten, Freundchen und Fotografen, hätten die CSU den Wahlsieg kosten können. Der Regierungschef mag so was nie wieder erleben. Dass er der Fraktion mit seiner neuen Allmacht nach dem Wahltriumph heute einen harten Hund wie Kreuzer einfach zum Abnicken vorsetzen kann, ist eine Demütigung, die die Abgeordneten wohl hinnehmen.

Der Allgäuer, zweimal geschieden, ein Sohn, würde mit der Fraktion nicht fremdeln. Er ist weniger jovial als Vorvorgänger Georg Schmid, verbrachte aber auch schon manch sehr langen Abend trinkfest am Tresen. „Er ist ein Brückenbauer“, sagt ein leitender Mitarbeiter, „er hat Sozialkompetenz.“

Nur leise wird gemurrt. So sehr Kreuzer sein Organisationstalent und eine harte Hand nachgesagt werden, so wenig gilt er als Visionär. Dass der Staatskanzleichef auch Medienminister ist und fachlich punkten könnte – eine von Kreuzer verschenkte Bühne. „Die Fraktion wird wie eine Nähmaschine laufen“, grollt einer, „im Sinne vom Horst. Impulse aber wird es mit diesem Fraktionschef nie geben.“ Vorbei der Traum, die Fraktion könnte ein kreatives Gegengewicht zu Seehofer sein, ein Korrektiv, wenn er übermütig wird. Kreuzer ist halt Oberleutnant der Reserve, kein General.

Seehofer hätte mit dem Wechsel ein Problem gelöst – aber ein neues in seiner Zentrale geschaffen: Nicht viele amtierende Fachminister würden eine Versetzung dorthin als Aufstieg verstehen. Und auf Kreuzer folgte dann der bereits vierte Staatskanzleichef in fünf Jahren. Allmählich lohnt sich der Einbau einer Drehtür.

Christian Deutschländer

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