Der Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, betet
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Der Dalai Lama, das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, betet

Der Tibet-Konflikt im Überblick

Tibet: Die Geschichte des Konflikts um die Region

Der größte Teil des historischen Tibet gehört heute zur Volksrepublik China. Die Tibeter und der Dalai Lama streben nach einer echten kulturellen und religiösen Autonomie. Doch diese besteht nur auf dem Papier.

Tibet ist eine Region im Himalaya-Gebirge. Ein großer Teil des historischen Tibet ist heute Teil der Volksrepublik China. Es bildet zum einen die Autonome Region Tibet - eine offiziel autonome Verwaltungseinheit. Weitere Teile des alten Tibet gehören heute zu den an die autonome Region angrenzenden Provinzen Yunnan, Sichuan und Qinghai. Die autonome Region Tibet mit der Hauptstadt Lhasa unterscheidet sich also vom geographischen Tibet, das eine weit größere Fläche umfasst und aufgrund seines Status als höchstgelegene Region der Welt auch als „Dach der Welt“ bezeichnet wird.

Weitere Teile des geographischen Tibet gehören zu Indien. Das spirituelle Oberhaupt der Tibeter, der 14. Dalai Lama, etwa residiert seit seiner Flucht aus Lhasa 1959 in der Stadt Dharamshala im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Bis 2011 leitete der 14. Dalai Lama die tibetische Exilregierung. Seit seiner Abdankung ist Lobsang Sangay Präsident dieser tibetischen Regierung in Dharamshala.

Die Autonome Region Tibet befindet sich größtenteils auf einem Hochplateau von über 3000 Metern Höhe. Lhasa liegt auf 3.656 Metern Höhe. Rund 3,5 Millionen Menschen leben in der Autonomen Region. Viele Tibeter wohnen jedoch in den angrenzenden chinesischen Provinzen, zum Teil in offiziell autonomen Landkreisen. Der Grund dafür ist, dass China 1965 die Grenzen Tibets eher willkürlich festlegte. In der Autonomen Region Tibet sind neben den buddhistischen Tibetern verschiedene Ethnien wie die Han-Chinesen zu finden. Die Bevölkerungszahl der Chinesen ist, unter anderem durch gezielte Zuwanderung aus benachbarten Provinzen, in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen.

Der Konflikt um den Status der Region ist bis heute ungelöst. Die Volksrepublik China betrachtet Tibet als chinesische Provinz, die rechtmäßig ihr Eigentum ist. Viele Tibeter wiederum verweisen auf ihre historische Autonomie, sowie ihre eigenständige Kultur und Sprache. Dies klassifiziere sie als souveränes Land.

Geschichte Tibets bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949

Tibet hat eine jahrhundertelange Geschichte. Bis zum siebten Jahrhundert war das tibetische Königreich eine Großmacht im asiatischen Raum. Anschließend zerfiel das Reich in kleinere autonome Fürstentümer. Die Mongolen unter Khubilai Khan eroberten ab 1271 ganz China und Tibet. Seit der mongolischen Yuan-Dynastie (1271-1368) gab es daher einen wechselseitigen kulturellen und politischen Einfluss zwischen China, Tibet und den mongolischen Eroberern. Die mongolischen Herrscher zeigten großes Interesse an der tibetischen Variante des Buddhismus, manche Mongolen übernahmen diesen Glauben. Bis heute ist der tibetische Buddhismus ein wichtiger Teil der mongolischen Kultur.

Unter der mandschurischen Qing-Dynastie (1644-1912) verstärkte sich dieser wechselseitige Einfluss. Auch die Mandschuren eroberten China; unter ihrer Herrschaft wuchs das Staatsgebiet auf eine ähnliche Größe wie zur Zeit der Mongolenherrschaft. Die chinesischen Kaiser des 18.Jahrhunderts schickten Truppen und Vertreter nach Tibet, um zu verhindern, dass sich das Land mit Feinden der Dynastie verbündete. Tibet stand ab 1720 unter der Oberhoheit des Qing-Chinas.

Das änderte sich mit dem Untergang der Mandschu-Dynastie 1912. Schon vor dem endgültigen Ende der Dynastie begann Chinas Einfluss in Tibet zu bröckeln. Tibet schottete sich bewusst von der Außenwelt ab, wofür die abgelegene Lage im Himalaya-Gebirge beste Voraussetzung war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rangen die Briten - von Britisch-Indien aus - und das russische Reich um die Vormachtstellung in Zentralasien. Als die Briten 1904 eine Expedition nach Tibet entsandten, um Handelsbeziehungen aufzunehmen, lehnten die Tibeter ab. Die Expedition schlug in einen Feldzug um; Großbritannien eroberte Tibet und zwang die Region zu einem Handelsabkommen. Der damalige Dalai Lama floh in die Mongolei und von dort 1908 nach Peking. Das Qing-Reich erkannte das erzwungene Handelsabkommen an, nachdem die Briten China die Oberhoheit über Tibet bescheinigten.

Nach der chinesischen Revolution und dem Ende der Qing-Dynastie aber verließen die chinesischen Truppen Tibet. 1913 verkündete der Dalai Lama die Unabhängigkeit Tibets und gründete eine Art Gottesstaat. Die neue Regierung legte nationale Symbole wie Währung, Hymne und Flagge fest. Von Seiten Chinas wurde die Sezession nie anerkannt; allerdings war das Reich damals so geschwächt, dass es keine Bestrebungen unternahm, seinen Hoheitsanspruch in Tibet durchzusetzen. Ab 1927 tobte in China Krieg - zwei Bürgerkriege zwischen Nationalisten der Kuomintang (KMT) und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) unter Mao Zedong sowie der Zweite Weltkrieg, in dem Japan weite Teile Chinas eroberte. In der entscheidenden Phase des Bürgerkrieges nach der Kapitulation Japans besiegte die KPCh die Nationalisten.

Machtanspruch der Kommunisten: Die frühen Jahre Herrschaft der Volksrepublik China über Tibet

Im Oktober 1949 gründete Mao in Peking die Volksrepublik China. Damit änderte sich auch der Kurs gegenüber Tibet. Ein Jahr nach dem Sieg der KPCh marschierten chinesische Truppen in dem buddhistischen Staat ein. Die schlecht ausgerüstete tibetische Armee hatte dem wenig entgegenzusetzen. Obwohl sich Tibet an die Vereinten Nationen wandte, scheiterte ein internationales Eingreifen am Widerwillen Großbritanniens und des erst kurz zuvor in die Unabhängigkeit entlassenen Indiens. Während dieser schwierigen Zeit wurde Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama, die Regentschaft in Tibet übertragen. 1951 unterzeichneten China und Tibet das „17-Punkte-Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“. Dieses sah vor, dass Tibet künftig auf internationaler Ebene von China vertreten wird, jedoch weiterhin kulturelle, religiöse und innenpolitische Autonomie besitzt. Der Dalai Lama sagte später, er habe seine Zustimmung zu diesem Abkommen nur gegeben, weil er keine andere Wahl gesehen habe, um sein Land „vor der völligen Zerstörung zu bewahren“. Kurz davor hatte die chinesische Volksbefreiungsarmee die osttibetische Provinz Chamdo besetzt.

In den folgenden Jahren besserte sich zunächst das Verhältnis zwischen Volksrepublik und den Tibetern. Der Dalai Lama reiste mehrere Male nach China und wurde sogar zum stellvertretenden Vorsitzenden des Ständigen Ausschusses des Nationalen Volkskongresses gewählt. Die chinesische Besatzung sorgte jedoch für immer mehr Widerstand in der Bevölkerung, bis 1959 der Tibet-Aufstand losbrach. Als die chinesische Armee den Dalai Lama während des Aufstandes aufforderte, ohne Leibwache zu einer Theateraufführung zu kommen, befürchteten die Tibeter eine mögliche Entführung ihres religiösen Oberhauptes und versammelten sich vor seiner Residenz. Nach mehreren Tagen und angesichts einer wachsenden Präsenz des chinesischen Militärs floh der Dalai Lama über das Himalaya ins Exil nach Indien. Dort gründete er die noch heute existierende tibetische Exilregierung.

Die Tibeter hatten gegen die zahlenmäßig überlegene Volksbefreiungsarmee keine Chance. Insgesamt kamen während des Aufstands rund 89.000 Menschen ums Leben, darunter viele Mönche. Zehnttausende Tibeter flüchteten zudem mit dem Dalai Lama nach Indien.

Im September 1965 gründete die chinesische Regierung die Autonome Region Tibet. Damit wurde das historische Tibet praktisch halbiert. Die osttibetischen Regionen Amdo und Chamdo wurden nun offiziell Teil chinesischer Provinzen. Die womöglich dunkelste Zeit in der tibetischen Geschichte erfolgte mit der 1966 von Mao Zedong angestachelten „Kulturrevolution“, mit der Mao unter anderem die Elemente traditioneller Kultur ausrotten wollte. Rote Garden - zumeist von der Schulpflicht befreite fanatisierte Schüler - zerstörten viele Klöster und heiligen Stätten. Kaum ein Kloster blieb unbeschädigt, wovon noch heute etwa Buddhastatuen mit abgeschlagenen Köpfen zeugen. Die Tibeter standen sprichwörtlich vor den Ruinen ihrer Kultur. Die auf Maos Tod folgende chinesische Regierung distanzierte sich allerdings von der Kulturrevolution und finanzierte den Wiederaufbau vieler heiliger Stätten in Tibet.

China und Tibet: Von Frieden noch lange keine Spur

Im Jahr 1987 stellte der Dalai Lama den „Fünf-Punkte-Friedensplan“ vor. Darin schlug er eine Umwandlung des tibetischen Gebiets in eine Friedenszone vor, in der die Grundrechte der Tibeter respektiert werden. Zugleich solle die Einwanderung von Han-Chinesen vermindert werden, damit Tibet ein eigenständiges Volk bleiben könne. Diese Punkte seien eine fruchtbare Basis für weitere Verhandlungen über den Status Tibets. Die Volksrepublik China ging allerdings nicht auf diese Vorschläge ein. Stattdessen warf sie dem Dalai Lama vor, das chinesische Land aus dem Ausland heraus zu spalten.

1988 ging der Dalai Lama mit den „Straßburger Vorschlägen“ einen weiteren Schritt auf die Volksrepublik zu. Darin erklärte er, auf die Unabhängigkeit Tibets zu verzichten. China könne die außenpolitische Vertretung für Tibet übernehmen, wenn Tibet eine echte Autonomie innerhalb der Volksrepublik zugestanden werde. Im Jahr darauf wurde dem Dalai Lama in Oslo der Friedensnobelpreis für seine Bestrebungen um eine friedliche Aussöhnung mit China überreicht. Von 2002 bis 2010 führte die kommunistische Führung in Peking Gespräche mit dem Dalai Lama, allerdings ohne konkretes Ergebnis.

Im März 2008 kam es zu Unruhen, als tibetische Mönche zunächst gewaltfrei zum 49. Jahrestag des Tibet-Aufstands von 1959 demonstrierten. Der anfangs friedliche Protest eskalierte in gewaltsame Ausschreitungen, nicht zuletzt aus Ärger über die stagnierenden Gespräche mit Peking. Chinas Polizei reagierte mit Wasserwerfern und Tränengas. Manche Anwohner berichteten von Schüssen; chinesische Bürger aus Lhasa berichteten von Angriffen eines Mobs auch auf Geschäfte. Unabhängige, verifizierbare Berichte waren damals nicht zu bekommen. Laut der tibetischen Exilregierung kamen bei den Unruhen mehr als 200 Tibeter ums Leben. In den folgenden Jahren sorgten die Selbstverbrennungen tibetischer Mönche, die damit gegen die chinesische Unterdrückung protestierten, für Aufsehen. Das harte Durchgreifen Pekings ist auch ein Signal an andere ethnische Minderheiten, die sich gelegentlich gegen die chinesische Herrschaft wehren, vor allem in der Nordwestregion Xinjiang.

Im März 2011 verabschiedete sich der 14. Dalai Lama von seiner Rolle des tibetischen Staatsoberhauptes. Seitdem ist er nur noch religiöses Oberhaupt der Tibeter. China bezeichnet ihn als „Spalter“; Bis 2013 war es in der Autonomen Region Tibet und den angrenzenden Provinzen verboten, Bilder mit seinem Antlitz aufzustellen. Treffen europäischer oder amerikanischer Politiker mit dem Dalai Lama stießen stets auf Kritik aus Peking.

Die aktuelle Beziehung zwischen China und Tibet

Die Beziehung zwischen China und Tibet ist bis heute angespannt. Die chinesische Regierung kontrolliert unter anderem die Ausübung der Religion. Ebenso wie alle Religionen in China unterstehen die Institutionen des tibetischen Buddhismus dem Staat. Das führt so weit, dass der Staat Einfluss auf die rituelle Reinkarnation der spirituellen Führer Tibets genommen hat. So erkannte Peking 1995 die durch tibetische Mönche gefundene Reinkarnation des Pantschen Lama - der zweithöchste Geistliche in der tibetischen Kultur - nicht an. China schickte eine eigene Suchkommission los, die einen anderen Jungen zur Reinkarnation des Pantschen Lama erklärte. Der von den Tibetern selbst gefundene Junge verschwand mit seiner Familie, wird von vielen Tibetern dennoch als der wahre Pantschen Lama angesehen. Der Dalai Lama hat daher bereits verkündet, er wolle nicht wiedergeboren werden.

Die Volksrepublik investierte in die wirtschaftliche Entwicklung Tibets, die vor allem in der Hauptstadt Lhasa sichtbar ist. Davon profitieren auch Tibeter - vor allem Jüngere, die auf eine gute Arbeit in der Stadt hoffen. Wer an dem traditionellen nomadischen Lebensstil festhalten will, hat es indes schwerer: Viele Nomaden wurden gezwungen, ihre Jurten aufzugeben und ihn eigens errichtete Wohnblöcke zu ziehen. Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wurden zwischen 2006 und 2012 auf diese Weise mehr als zwei Millionen Tibeter zwangsumgesiedelt - mehr als zwei Drittel der Gesamtbevölkerung der Autonomen Region Tibet ausgemacht habe. Die chinesische Regierung betont indes stets den wirtschaftlichen Fortschritt der Region.

Für die Volksrepublik gehört die Tibetfrage ebenso wie Taiwan zu den Kerninteressen nationaler Souveränität. TIbet ist aus mehreren Gründen zudem ein strategisch wichtiges Gebiet. In Tibet befinden sich die weltweit drittgrößten Eisreserven, die ein gewaltiges Süßwasser-Depot darstellen. Außerdem ist das Land reich an natürlichen Ressourcen wie Kupfer, Blei, Zink, Uran, Lithium, Silber und Gold. Auch stellt das tibetische Hochplateau eine natürliche Barriere zu Indien dar, mit dem China eine komplizierte Beziehung hat, einschließlich regelmäßiger Grenzstreitigkeiten.

Die deutsche Regierung unterstützt Tibets Anspruch auf kulturelle und religiöse Autonomie, erkennt Tibet allerdings als Teil des chinesischen Staates an. Deutschland erkennt daher die tibetische Exilregierung nicht offiziell an und betrachtete den Dalai Lama stets nur als religiöses Oberhaupt der Tibeter.

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