Der Grenzverkehr zu Österreich wird momentan massiv erschwert – wie hier an der Autobahn bei Walserberg.
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Der Grenzverkehr zu Österreich wird momentan massiv erschwert – wie hier an der Autobahn bei Walserberg.

Corona-Mutation in Österreich bereitet Sorgen

Tirol abgeriegelt – macht jetzt die Grenze zu?

  • Kathrin Braun
    vonKathrin Braun
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Der Ausbruch der südafrikanischen Virusmutation in Tirol macht die Politik nervös: Österreich schottet das eigene Bundesland ab, und auch in Bayern spricht man von totalen Grenzschließungen. Für Gemeinden in Grenznähe wäre das ein drastischer Schritt.

  • In Tirol wurden rund 300 Fälle der südafrikanischen Virusmutation nachgewiesen
  • Eine Ausreise aus Tirol ist ab Freitag nur noch mit einem negativen Test möglich, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz
  • Auch in Deutschland diskutiert man darüber, die Grenzen nach Österreich komplett zu schließen
  • „Man sollte nicht benachteiligt werden, nur weil man an der Grenze liegt“, sagt Enrico Corongiu (42, SPD), Bürgermeister von Mittenwald

München – Die Landesgrenze hat in Mittenwald nie eine Rolle gespielt. „Unsere Verbindung zu Scharnitz ist seit Jahrzehnten, wahrscheinlich sogar seit Jahrhunderten, sehr stark“, sagt Enrico Corongiu (42, SPD), Bürgermeister von Mittenwald. Nicht mal fünf Minuten fährt man mit dem Auto in das Tiroler Dorf. „Viele haben über die Grenze hinweg geheiratet, besuchen ihre Familie regelmäßig in der anderen Gemeinde.“ Oder fahren mal eben ins Nachbarland zum Metzger. Seit Monaten gehört das bereits nicht mehr zur Normalität, sagt Corongiu. Und er befürchtet: Die Situation könnte sich noch weiter zuspitzen.

Tirol wird abgeriegelt

Denn die Corona-Lage in Tirol ist brisant. Nach Angaben des Wiener Gesundheitsministeriums wurden in dem Bundesland rund 300 Fälle der südafrikanischen Virusmutation nachgewiesen. Die soll sich nach derzeitigen Erkenntnissen deutlich schneller ausbreiten als die ursprüngliche Variante. Die Regierung in Österreich hat nun Konsequenzen gezogen: Nachdem sie am Montag erst nur eine Reisewarnung für Tirol aussprach, schottet sie jetzt das Bundesland ab – eine Ausreise aus Tirol ist ab Freitag nur noch mit einem negativen Test möglich, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz gestern.

Wenn sich die Mutation ausbreitet, werde das erneut viele Menschenleben kosten, befürchtet Kurz. „Und der Weg zur Normalität wird sich noch einmal um Monate verzögern.“ Und auch in Deutschland diskutiert man darüber, die Grenzen nach Österreich komplett zu schließen.

Österreich lockert den Lockdown

Denn während die Wiener Bundesregierung Tirol abriegelt, lockert sie auch gleichzeitig den Lockdown. Seit Beginn der Woche dürfen Geschäfte, Museen, Friseure und Schulen wieder öffnen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kritisierte das – und brachte Grenzschließungen ins Spiel, um Bayern vor der südafrikanischen Mutante zu schützen. Und auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) sagte: „Grenzschließungen kann man als Ultima Ratio nicht ausschließen.“

Enrico Corongiu ist dagegen. „Was will man denn noch einschränken?“ Der Grenzübertritt sei ohnehin nur aus triftigen Gründen möglich. Jeder Reisende muss bei Einreise nach Österreich einen negativen Corona-Test vorlegen und eine zehntägige Quarantäne einhalten. Das Freitesten nach fünf Tagen ist seit Montag abgeschafft. Vor allem spiele aber der Pendler-Verkehr eine wichtige Rolle, sagt Corongiu. „Es gibt so viele Menschen, die in Mittenwald wohnen und in Österreich arbeiten – und umgekehrt.“ Diese Pendler müssen sich bereits jetzt – wie andere auch – online registrieren und regelmäßig einen negativen Corona-Test vorzeigen.

Das Verständnis der Mittenwalder sinkt

„Wir haben ohnehin kaum noch Grenzverkehr“, sagt Corongiu. Bislang hätten die Bürger noch weitgehend Verständnis für die Maßnahmen. „Aber inwieweit das noch so ist, wenn man die Situation bis auf die letzte Maßnahme ausreizt – das sei mal dahingestellt.“

Noch herrscht in Bayern Uneinigkeit darüber. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat zwar am Montag schärfere Grenzkontrollen zu Österreich und Tschechien angekündigt. Gestern machte er aber deutlich, dass er beim Thema totale Grenzschließung noch „keinen zwingenden Anlass“ sieht.

Bürgermeister Enrico Corongiu findet: „Man sollte nicht benachteiligt werden, nur weil man an der Grenze liegt. Jahrzehntelang hat man ein Europa ohne Grenzen beworben – und daraus ist natürlich auch etwas entstanden.“ In der Mitte Deutschlands tue man sich vielleicht leichter, das auf einen Schlag zu ändern.

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