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Georgien und Moldau in Putins Fokus? Experte: „Krieg noch bevor sie mit der Ukraine fertig sind“

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Von: Patrick Mayer

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Ein gepanzertes Militärfahrzeug der russischen Armee in Transnistrien.
Ein gepanzertes Militärfahrzeug der russischen Armee in Transnistrien. (Archivfoto) © IMAGO / ITAR-TASS

Nach Drohungen des russischen Außenministers Sergej Lawrow gegen die Republik Moldau warnt ein Historiker vor einer Ausweitung des Ukraine-Kriegs. Auch Georgien ist in Sorge.

München/Chișinău/Tiflis - Maia Sandu wird nicht müde. Seit Monaten warnt Moldaus Staatspräsidentin davor, ihr Land könne in den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hineingezogen werden. Ende August 2022 hatte die 50-Jährige zum Beispiel während einer Videoschalte auf dem Strategischen Forum in der slowenischen Stadt Bled erklärt, dass ihr immer mehr Äußerungen aus Moskau auffielen, „die nicht immer angemessen und manchmal respektlos gegenüber der Souveränität der Republik Moldau sind“. Das blieb nicht unbeantwortet.

Moldawien: Republik Moldau fürchtet Konflikt mit Transnistrien und Russland

Anfang September warnte der russische Außenminister Sergej Lawrow Moldawien davor, dass „eine Bedrohungssituation“ für die Sicherheit russischer Truppen in Transnistrien eine militärische Konfrontation mit Moskau auslösen könnte. Transnistrien ist eine separatistische Region im Osten des Landes, dessen Regime international und von Moldawien nicht anerkannt wird. Das bei seinen Unabhängigkeitsbestrebungen aber offen von Moskau-Machthaber Wladimir Putin unterstützt wird. Wie groß ist also die Gefahr einer militärischen Eskalation? Hoch, glauben Experten. Und Lawrow droht dem Land zwischen der Ukraine und Rumänien, das so groß wie Baden-Württemberg ist und rund 2,6 Millionen Einwohner hat, unverhohlen.

„Jede Gefährdung der Sicherheit russischer Truppen würde nach internationalem Recht als ein Angriff auf Russland gewertet“, meinte Lawrow in einem Interview mit einem russischen TV-Sender. Zum Hintergrund: Russland hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Norden Transnistriens seine 14. Gardearmee stationiert. Diese hat Schätzungen zufolge zwar nur eine Mannstärke im unteren vierstelligen Bereich, gemäß Ausrüstung soll sie den moldauischen Streitkräften aber überlegen sein. Diese haben nur rund 5000 Berufssoldaten und keine Kampfpanzer. Indes hat Transnistrien eigene Truppen aufgestellt, die nach Schätzungen der „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“ (OSZE) 2009 rund 4000 Mann und 18 Kampfpanzer umfassten.

Im Video: Russland droht Moldau - die Hintergründe

„Jetzt treten Transnistrien und wir für einen direkten Dialog ein, aber nach den öffentlichen Äußerungen von Präsidentin Maia Sandu und ihrem Team zu urteilen, wollen sie keinen solchen direkten Dialog, da sie sich in diesem Sinne von den USA und der EU leiten lassen. Offenbar setzen sie auf einen nicht-diplomatischen Weg zur Lösung des Transnistrien-Problems“, sagte Lawrow und schürte erneut Drohgebärden.

Historiker Juri Felshtinsky warnt hingegen offen vor einem Krieg Russlands gegen Moldau. Seiner Einschätzung nach könnte ein Angriff sogar bald bevorstehen. „Noch bevor sie mit der Ukraine fertig sind, werden sie dort einen Krieg beginnen, sobald sie Transnistrien erreichen“, sagte der amerikanische Autor russischer Herkunft dem britischen Express: „Moldau ist in dem Moment in Gefahr, in dem Russland auf Transnistrien zusteuert.“ Das Land stehe schon lange auf Putins Liste. Warnungen gibt es seit Monaten.

Republik Moldau: Sorgen in Moldawien mit Blick auf Wladimir Putin und Russland

„Mit Blick auf die Zukunft Europas stellt sich uns die Frage: Wird Wladimir Putin bei der Ukraine stoppen? Die kleine Republik Moldau ist in der unglücklichen Situation, den Lackmustest für die weiteren Pläne des russischen Präsidenten abgeben zu müssen“, hatte Katja Christina Plate, Leiterin des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rumänien und der Republik Moldau, Mitte März in einem Gastbeitrag für das Nachrichtenportal t-online geschrieben. Weiter meinte Plate damals: „Von der ukrainischen Hafenstadt Odessa, der aktuell womöglich ein russischer Angriff bevorsteht, sind es nur rund 60 Kilometer bis zur moldauischen Grenze. Schon allein diese geografischen Rahmenbedingungen bieten genug Anlass zur Sorge. Hinzu kommt, dass die Republik Moldau am Ende des Zweiten Weltkrieges zu einem Teil der UdSSR gemacht wurde. Entsprechend befindet sie sich damit nun auch im Fadenkreuz von Wladimir Putins Geschichtsrevisionismus.“

Eben jener Geschichtsrevisionismus des russischen Präsidenten Putin wird derzeit eifrig unter deutschen Historikern diskutiert. „Für den Kremlchef geht es jetzt nur noch um ein Ziel: Die angebliche ‚geopolitische Katastrophe‘, als die er den Untergang der Sowjetunion bezeichnet hat, so weit wie möglich rückgängig zu machen. Das macht die Situation für den Westen so gefährlich“, erklärte der Geschichtswissenschaftler Heinrich August Winkler t-online.

Wegen Wladimir Putin: Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron stützt Moldawien

Und die internationale Politik? Im Mai hatte Emmanuel Macron Sandu, deren Land am 3. März 2022 einen Antrag auf Beitritt zur Europäischen Union unterzeichnet hatte, symbolisch in Paris empfangen. „Die inakzeptable Aggression der Ukraine durch Russland stellt eine Bedrohung der gesamten Region und insbesondere Moldaus dar“, sagte er damals. Frankreich bleibe wachsam hinsichtlich der Souveränität und der territorialen Integrität Moldaus, versicherte er.

Es könnte als Nächstes an der Reihe sein, das fürchten alle.

Georgiens Präsidentin Salomé Surabischwili in der SZ über ihr Land 

Nicht nur in Moldawien sind indes die Sorgen groß, sondern auch in Georgien. Im sogenannten Kaukasuskrieg waren ab dem 8. August 2008 russische Truppen nach Kämpfen zwischen der georgischen Armee und südossetischen Milizverbänden in das Land mit seinen heute rund 3,7 Millionen Einwohnern einmarschiert. Nach wenigen Tagen mit vereinzelten Gefechten kam es wegen der Unterlegenheit der georgischen Seite am 12. August zu einem Waffenstillstand. Noch am 26. August desselben Jahres erkannte Moskau die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten an.

Nicht nur Moldawien: Sorgen auch in Georgien vor russischem Überfall

Auch deshalb warnt die georgische Politikerin Tina Khidashel vor einem russischen Überfall. „Die Besetzung von 20 Prozent des georgischen Territoriums war nicht nur ein politischer Akt, um die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens anzuerkennen, sondern auch die konsequente Erfüllung zweier sehr wichtiger Aufgaben - sowohl die Stationierung russischen Militärs unweit der Nato-Grenze zu gewährleisten als auch den Beitritt Georgiens zur Nato zu behindern“, erklärt Khidashel in einem Bericht der Friedrich-Naumann-Stiftung.

19. August 2008: russische Panzer in Georgien.
19. August 2008: russische Panzer in Georgien. © SERGEI CHIRIKOV/dpa

Die beiden Regionen an der Grenze zu Russland mit zusammen gerade mal rund 300.000 Einwohnern sind völkerrechtlich bis heute Teil Georgiens, entziehen sich mithilfe Moskaus aber seit Anfang der 1990er Jahre der Kontrolle der Regierung in Tiflis. Ihr Land „könnte als Nächstes an der Reihe sein, das fürchten alle. Aber ich halte das nicht für das wahrscheinlichste Szenario“, erklärte Präsidentin Salomé Surabischwili Anfang Mai der Süddeutschen Zeitung (SZ): „Aber wir sollten uns nicht von der Vorstellung beherrschen lassen, dass es noch eine russische Invasion in Georgien geben könnte. Wir haben gelernt, mit verschiedenen Arten russischer Aggression zu leben, aber das hat uns nicht vom Kurs europäischer und transatlantischer Integration abgebracht.“ (pm)

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