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Transrapid überholt das Tempo-Gefühl

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- Schanghai - Longyang-Lu-Bahnhof am 31. Dezember 2002, zehn Uhr, zehn Minuten und 17 Sekunden: Es geht ein kurzer Ruck durch die deutschen und chinesischen Passagiere der Jungfernfahrt des Transrapids in Schanghai.

Die flachen, zweistöckigen Wohnhäuser rechts und links der Stelzenfahrbahn fliegen schneller und schneller vorbei. Aber das gefühlte Tempo bleibt weit hinter dem wirklichen zurück: "In die Sitze gedrückt" fühlt sich keiner der rund 200 Mitfahrenden, obwohl die Beschleunigung des Magnetbahnzuges den zehnfachen Wert eines ICE erreichen soll. Um den Rekord wirklich wahrzunehmen, müssen sie schon auf die Geschwindigkeitsanzeigen schauen. 10:12:20 Uhr: Die grünen Ziffern zeigen 300 km/h. 10:13:19 Uhr: 400 km/h. 10:13:45 Uhr: 431 km/h. Dabei bleibt es für etwa 20 Sekunden.

In die Sitze gedrückt wird keiner

Keine unangenehmen Erschütterungen, schon gar nicht das Gefühl, man müsse sich nun anschnallen; es ist etwa so wie in einem ICE bei 250. Dann muss schon wieder gebremst werden, denn die Strecke ist vorerst nur 30 Kilometer lang. 10:17:30 Uhr: Ankunft im Flughafenbahnhof Pudong. Ein Stück Bahngeschichte ist geschrieben.

Abgesehen von der sekundengenauen Digitaluhr und der Tempoanzeige herrscht im nüchtern in Blau, Altweiß und Grün gehaltenen Innenraum des fahrplanmäßig schnellsten Zuges der Welt so etwas wie ein gehobenes S-Bahn-Gefühl.

Auf die Übertragung der avantgardistischen Hochtechnologie ins Design haben die Hersteller verzichtet. Die aktivierten Elektromagnete geben ein summendes, mit zunehmender Geschwindigkeit heller werdendes Geräusch ab, etwa wie ein großer Transformator. Mit sechs Sitzen pro Reihe im Fahrgastraum der "Economic Class" hält sich die seitliche Bewegungsfreiheit in Grenzen. Er habe nie gezweifelt, dass es klappt, sagte Thyssen-Vorstand Eckhard Rohkamm nach der Fahrt. Dennoch fühle er sich jetzt "wie nach der Geburt".

Und Schröder verrät, er habe ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz und Siemens-Chef Heinrich von Pierer die vorzeitige Versetzung in den Aufsichtsrat für den Fall einer Panne bei der Jungfernfahrt prophezeit. "Das hätten wir jetzt auch in Berlin haben können", sagt Siemens-Vorstand Hans-Dieter Bott am Bahnsteig. "Der Lehrter Bahnhof ist schon für die Transrapid-Züge vorbereitet." Er spielt damit auf das Scheitern des Magnetbahnprojekts Hamburg-Berlin an, das unter anderem wegen Bedenken hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit nicht zu Stande kam.

Für die heute entscheidenden Politiker ist die bislang beliebte Überschrift "Transrapid in der Schwebe" nun vom Tisch. Gaben sie sich früher nur selten ausdrücklich als Magnetbahn-Befürworter zu erkennen, so tun sie nun alles, um die neue Technologie voranzutreiben. Die deutschen Planungen im Ruhrgebiet und in Bayern "brauchen keinen Durchbruch mehr", sagt Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Rückflug von Schanghai nach Berlin. "Die werden gebaut", wurde er während der ganzen dreitägigen Chinareise nicht müde zu betonen. Bis Ende Januar stehe das Konzept zur privaten Kofinanzierung für den Metrorapid in Nordrhein-Westfalen, sekundiert Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.

Gleichwohl gelte es, den durch das Ereignis vom Silvestertag entstandenen Schub zu nutzen. "Was wir mitnehmen sollten von dieser Reise: Dass wir in fünf, sechs wichtigen Technologiebereichen wieder Platz eins in der Welt erreichen - so wie hier bei der Verkehrstechnologie."

Magnettechnologie in Zukunft auch auf konventionellen Schienen?

In der Autoindustrie habe Deutschland die Spitze schon, aber etwa bei der Pharmaindustrie oder bei der Werkstofftechnologie gebe es einiges aufzuholen. Besonders im Pharmabereich nimmt er auch die Industrie nachdrücklich in die Pflicht. "Wir haben hier hohe Preise bei den Arzneimitteln, sind aber nicht Weltspitze." Ziel müsse sein, den anderen "immer einen Schritt voraus" zu sein.

Unter anderem deshalb fördere "mein Land, mein früheres Land Nordrhein-Westfalen" Untersuchungen der Universität Paderborn mit dem Ziel, Magnetbahntechnologie auch auf konventionellen Schienen zu realisieren, sagt der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident.

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