Kommentar zum Kanzlerkampf

Genug gejammert: Laschet droht das Merkel-Erbe final zu verdaddeln - und die Union ist selbst schuld

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Neues Triell, alte Leier: Armin Laschet gelingt auch im dritten Anlauf die Wende nicht. Doch daran ist nicht nur er schuld - sondern CDU und CSU zusammen, kommentiert Florian Naumann.

München - Der Triell-Marathon vor der Bundestagswahl ist vorüber. Gott sei Dank. Denn neue Erkenntnisse hat auch die letzte Scholz-Baerbock-Laschet-Runde nicht mehr zu Tage gefördert. In wenigen knappen Punkten: Die Deutschen könnten sich offenbar noch am ehesten mit dem solide merkelnden Olaf Scholz anfreunden, Annalena Baerbock steht trotz des größten Argumente-Arsenals in den TV-Triellen auf verlorenem Posten - und Armin Laschet schlägt sich vergleichsweise wacker, scheint als Kanzler-Anwärter aber auch keinen Stich mehr zu machen. Auf jeden smarten Schachzug folgt eine kleine Schlappe.

Am Sonntag war Laschet als Wahlkämpfer einmal mehr nicht so schlecht, wie die Umfragedaten es vermuten lassen. Gar keine üble Idee etwa war es, statt dem Bürokratieabbau - ein wichtiges Thema, aber keines, das einen ganzen Wahlkampf trägt - noch plakativer das Schlagwort „Wirtschaft“ ins Schaufenster zu stellen. Das knüpft immerhin an alte Rollenbilder und konkrete Sorgen an. Auch das Thema innere Sicherheit ist sicher ein guter Anknüpfungspunkt für die Union. Ein bisschen Pech hatte Laschet auch: Der Unions-Kandidat hatte oft das Wort, aber selten das letzte. Das ist unglücklich, aber nicht kriegsentscheidend. Genauso wenig, wie Kinderreporter mit Knopf im Ohr oder gebriefte Aktivisten in TV-Talks. Denn im Kern hat die Union zwei viel ernstere hausgemachte Probleme.

Bundestagswahl: Die Union hat vor dem Wahltag zwei Probleme - beide sind hausgemacht

Das eine ist, teils vielleicht unfairerweise, Laschet selbst. Spätestens seit dem Flut-Eklat stehen Mimik und Gestik des CDU-Mannes unvorteilhaft im Fokus. Auch am Sonntag gab es Futter - etwa Laschets bedröppeltes Gesicht als Baerbock ihm ein „was ist eigentlich falsch mit Ihnen?“ entgegenrief. Dieser Punkt ist freilich kein wirklich gutes Argument für eine Wahlentscheidung. Mit Angela Merkels Auftreten fremdelten viele Deutsche 2005 auch noch.

Umso schwerer wiegt aber die zweite Misere: CDU und CSU haben inhaltlich wenig anzubieten. Das nicht zuletzt mit wohlklingenden Phrasen aufgepumpte „Regierungsprogramm“ kreiselt im Wesentlichen um besagten Bürokratieabbau, eher halbscharig versprochene, ungedeckte Schecks auf Steuersenkungen und einen guten Schwung „Weiter so“ mit Evaluierungsperspektive. Das alles kann auch die FDP. Und vermutlich besser.

Die Wahl rückt immer näher, die Umfragewerte der Union sinken immer weiter. Nun soll eine Notlösung her.

Laschet oder Scholz? Auch das letzte Triell liefert keine Argumente für die Union

Der spannendere TV-Termin für unentschlossene Wähler am Sonntagabend war vielleicht sogar die „Anne Will“-Runde mit Spitzen von FDP, Grünen, SPD und CDU. Gerade beim Thema Klima und Energie lieferten sich Robert Habeck (Grüne) und Christian Lindner (FDP) einen knackigen, informierten und durchaus erhellenden Schlagabtausch - während CDU-Altmeister Volker Bouffier und Saskia Esken (SPD) eher blass an der Seitenlinie saßen. Gesammelte Triell- und Bürgerbefragungs-Eindrücke aus dem TV und einer Wahlprogramm-Lektüre drängen einen bösen Verdacht auf: Grüne und FDP haben sich aufs Regieren vorbereitet. SPD und vor allem die Union sind müde. Zur Erinnerung: In der ARD-“Wahlarena“ zu seinen drängendsten Klimaplänen befragt, brachte es Laschet auf den wenig saftigen Vorschlag, in den ersten 100 Tagen gemeinsame Definitionen und Pläne zu besprechen. Vom Programm-Blackout in Osnabrück zu schweigen. „Hausaufgaben erledigt“ sieht anders aus.

Ein weiterer Aspekt: In den Triellen unter den Tisch fallen zu lassen, dass die eigenen Steuerpläne nicht zuletzt Besser- und Bestverdiener begünstigen, oder dass die Union selbst die CO2-Bepreisung anziehen will („...den Aufwachspfad straffen“, wie es maximal kaschierend im Programm heißt) ist durchaus dreist. Gute politische Pläne muss man nicht verstecken. Schlechte hätte man besser gar nicht erst gefasst.

Triell: Inhaltlich fader Kampf der GroKo-Parteien - Die Union ist an ihrer Umfrage-Misere selbst schuld

Viel besser oder ehrlicher dabei ist natürlich auch die SPD nicht. Und das spricht wahrlich nicht für einen Kanzler Scholz. Ebenso wenig wie die zweite SPD-Reihe hinter dem Kanzlerkandidaten. Oder das Mitwirken der Sozialdemokraten an acht Jahren weitgehendem GroKo-Stillstand. Aber im Rennen zwischen zwei faden Alternativen spricht auch wenig dagegen, jenen Kandidaten wählen, der in Habitus und Duktus eher ins Kanzleramt zu passen scheint. Dass ein Olaf Scholz - immerhin Co-Architekt der Hartz-Reformen und einem guten Gespräch mit Bank-Lobbyisten nicht abgeneigt - den Kommunismus ins Land brächte ist nämlich, ehrlich gesagt, auch ein so fades wie ermüdendes Argument. Und es wird auch durch ständige Wiederholung nicht besser.

Ein bisschen mehr hätte es für die Union inhaltlich schon sein dürfen. Grund zu jammern haben CDU und CSU daher wirklich nicht, falls die Parteien am Sonntag tatsächlich das Merkel-Erbe verdaddeln. Ob es so kommt? Abwarten.

Florian Naumann

Rubriklistenbild: © Michael Kappeler / dpa

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