Olaf Scholz und Armin Laschet beim TV-Triell - für die Union könnte die Offensive zu spät kommen, kommentiert Florian Naumann.
+
Olaf Scholz und Armin Laschet beim TV-Triell - für die Union könnte die Offensive zu spät kommen, kommentiert Florian Naumann.

Kommentar zum Kanzlerkampf

Triell-Ohrfeige: Für Laschet könnte es längst zu spät sein - die Stimmung ist ein Fanal

  • Florian Naumann
    VonFlorian Naumann
    schließen

Armin Laschet steigert sich im Triell - kommt in der Umfrage aber trotzdem nicht an. Die Union hat ihre Fehler viel früher gemacht, kommentiert Merkur.de-Politikchef Florian Naumann.

München - Das zweite TV-Triell ist vorüber - es war ein Ringen auf Augenhöhe. Aber auch auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Umfrage-Liebling Olaf Scholz musste sich (durchaus zurecht) schwache bis bedenkliche Performances in Sachen Wirecard und Cum-Ex vorhalten lassen, Armin Laschet eierte beim Thema Kosten des Klimakampfes durchs Triell. Und Annalena Baerbock? Die Grüne wird vermutlich von einem Großteil der Wähler als Kanzleramts-Anwärterin gar nicht mehr ernst genommen; dafür sprechen nicht zuletzt die jüngsten Erkenntnisse der Demoskopen.

Bundestagswahl: Laschet verbessert sich - dass er das Triell trotzdem verliert, ist für die Union ein verheerendes Zeichen

Wie die neue Episode im Ringen um die Merkel-Nachfolge zu bewerten ist? Es geht einmal mehr um Nuancen. Und vermutlich letztlich um Sympathien und sehr persönliche Präferenzen der Beobachter. Für Armin Laschet könnten die Blitzumfragen nach der Sendung aber erneut ein massives Warnsignal sein. Oder sogar ein Fanal.

Denn eigentlich spricht dafür einiges, dem Unions-Mann eine Verbesserung im Vergleich zum ersten Triell zu attestieren. Erneut versuchte sich Laschet entgegen seines Naturells als Angreifer. Diesmal wirkte er dabei aber weniger „wadlbeißerisch“ und etwas souveräner. Dass sich der CDU-Chef bei seiner Attacke auf die Scholz‘ Ministerium nachgeordnete Zoll-Spezialeinheit und die Verantwortung des Ressortchefs leicht verzettelte - geschenkt. Das Thema ist komplex und nach allen Gesetzmäßigkeiten des Geschäfts sollte vor allem hängengeblieben sein: Scholz ist angreifbar.

Dennoch ist der SPD-Kandidat offenbar erneut der Gewinner der Runde. Das könnte ein Zeichen dafür sein, dass die Wähler Laschet längst abgeschrieben haben. Nach dem monatelangen „Schlafwagen“-Wahlkampf, dem ewigen Gestichel der CSU und kapitalen Fehlschlägen vom Lachen im Flutgebiet bis zum Blackout beim eigenen Wahlprogramm wäre das auch gar kein Wunder.

Triell Laschet gegen Scholz: CDU-Kandidat ändert den Kurs - doch es gibt ein viel größeres Problem

Durchaus spannend waren auch die kleinen Verschiebungen in der Taktik der Kandidaten: Laschet setzte sich diesmal als Anti-Gängelungs-Kanzlerkandidat in Szene und griff zugleich sogar Teile von Scholz‘ jüngstem Abschluss-Statement auf. „Es geht um Sie“, rief er den Wählern zu. Scholz veränderte den Kurs eher gezwungenermaßen. Er wollte weiter in Angela Merkels Fußstapfen wandeln - „Jeder kennt mich“, sagte er etwa - musste aber doch angesichts massiver Vorwürfe in den Infight gehen. Offenbar hat er dieses Problem in den Augen der Zuseher ausreichend gut gelöst.

Unter dem Strich verweist die Lage nach dem Triell aber auf ein tieferliegendes Problem: Zwei eher schwache Haupt-Kandidaten beharken sich und könnten die Wahl durch simple Selbstdarstellungs-Kniffe entscheiden. Schöner wäre eine Wahl nach inhaltlichen Kriterien. Doch genau da haben Union und SPD wenig zu bieten. CDU und CSU ziehen mit einem dünnen Entbürokratisierungs-Programm, vielen guten Wünschen und einem rechnerisch schwer zu erklärenden Finanzplan in die Wahl.

Triell: Laschets Union hat im Merkel-Taumel die Arbeit vergessen - der SPD fällt womöglich die Wahl in den Schoß

Wer da gute inhaltliche Argumente für die Wahl der Konservativen sucht, ist schnell aufgeschmissen. Und kann in den Augen vieler Wähler offenbar genauso gut zur SPD greifen, die ein ähnlich blasses Programm vorgelegt hat. Es ist kein Zufall, dass Markus Söder und Armin Laschet nun vor allem die Rote-Socken-Karte spielen - und damit am ultramittigen Merkel-Vize Scholz einfach abperlen. Der SPD könnte die Wahl so quasi in den Schoß fallen. Die Union hat im falschen Vertrauen auf die Merkel-Umfragewerte die inhaltliche Arbeit vergessen.

Und die Grünen? Die haben womöglich ganz simpel auf die falsche Kandidatin gesetzt. Annalena Baerbock wirkte auch am Sonntag energisch und inhaltlich sicher - aber spricht vermutlich eine nach Corona verunsicherte alternde Wählerschaft mit dem Neuanfang-Kurs nicht an. Ein Indiz war auch ihre unerwartete Wendung, Verbote als „Innovationstreiber“ etwa für die Autoindustrie zu preisen. Laschets Union muss jedenfalls auf ein kleines Wunder hoffen. Oder auf den plötzlichen Entschluss der Unentschlossenen, noch weniger zu riskieren als den Wechsel zum GroKo-Juniorpartner. Für die SPD reicht es nun, Kurs zu halten.

Florian Naumann

Auch interessant

Kommentare