Donald Trump verfolgt mit verschränkten Armen eine Kabinettsitzung im Weißen Haus.
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Donald Trump verfolgt mit verschränkten Armen eine Kabinettsitzung im Weißen Haus - wird er eine zweite Amtszeit bekommen?

Vereinigte Staaten in Aufruhr

Trump gegen Biden: US-Wahl 2020 - Warum sie die „wichtigste Wahl aller Zeiten“ ist

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Die US-Wahl naht. Der renommierte US-Journalist Michael Hirsh meint: Das Schicksal der amerikanischen Republik und der restlichen Welt könnte davon abhängen, was am 3. November passiert.

  • Am 3. November wird in den USA gewählt - Donald Trump will wiedergewählt werden, Joe Biden fordert ihn heraus.
  • Die Sorge vor dem Wahltag ist groß. In Europa, aber auch in den Vereinigten Staaten.
  • Der renommierte US-Journalist Michael Hirsh sieht viele Anzeichen für eine Richtungswahl: Die USA könnten vor einer Zäsur stehen. Hirsh sieht Parallelen zum alten Rom.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 25. September 2020 das Magazin „Foreign Policy“.

Schon viele bedeutende Wahlen gab es in der Geschichte der USA. In jeder davon stand nicht weniger als die grundsätzliche Ausrichtung und der schiere Fortbestand der amerikanischen Republik auf dem Spiel. In der engen Wahl des Jahres 1800 standen sich Aaron Burr – ein skrupelloser Mann mit diktatorischen Zügen, quasi der Donald Trump seiner Zeit – und Thomas Jefferson gegenüber. 60 Jahre später, kurz vor Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs, trat Abraham Lincoln gegen Stephen Douglas an. Eine weitere wegweisende Wahl fand 1932 inmitten der Großen Depression statt. Ihr Ausgang war von so entscheidender Bedeutung, dass Franklin D. Roosevelt auf die Warnung, er werde als der schlechteste Präsident aller Zeiten in die amerikanische Geschichte eingehen, falls seine Maßnahmen zur Erholung der Wirtschaft fehlschlagen sollten, erwidert haben soll, dass er in diesem Fall als der letzte Präsident bekannt werden würde.

Unter Historikern, Politikwissenschaftlern, Diplomaten, nationalen Sicherheitsbeamten und weiteren Experten herrscht große Einigkeit darüber, dass die US-Präsidentschaftswahl im November zwischen dem amtierenden Präsidenten Donald Trump und dem ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden diesen historischen Beispielen in ihrer Bedeutung in nichts nachsteht. Und in der Tat könnte sie sogar noch wichtiger sein, wenn man bedenkt, welch zentrale Rolle die Vereinigten Staaten heutzutage im Weltgefüge spielen – was für die damals noch junge Nation in den Jahren 1800, 1860 und selbst 1932 ja noch nicht der Fall war.

Donald Trump: Schon jetzt irreparabler Schaden an der US-Demokratie?

Einige Experten sind sich sicher, dass Trump und all das Chaos, das er verursacht hat – wozu allem voran seine Unfähigkeit, die Covid-19-Pandemie einzudämmen sowie sein offener Aufruf zu rassistisch motivierter Gewalt und einer Spaltung der Gesellschaft beigetragen haben –, den bewährten Institutionen der US-amerikanischen Demokratie bereits so viel Schaden zugefügt hat, dass seine Wiederwahl im November das 244 Jahre alte Experiment einer amerikanischen demokratischen Republik für immer beenden würde.

Nach seiner ersten Amtszeit, in der sich Trump dem Kongress und den Gerichtshöfen offen widersetzt, die Außenpolitik zu seinem eigenen politischen Nutzen missbraucht, Wahlstandards abgeschafft und die eingeschüchterte Republikanische Partei zu seinem privaten Spielzeug erklärt hat, würde seine Wiederwahl ohne Zweifel das Aushebeln der rechtlichen Institutionen und des demokratischen Grundprinzips der Gründerväter, des sogenannten Checks-and-Balances-Systems, legitimieren. Eine zweite Amtszeit wäre eine Bestätigung von Trumps Ansicht, der zufolge er als Präsident „tun kann, was immer [er] will“. In anderen Worten würde sie die Auffassung vieler Amerikaner, dass die US-Demokratie anders ist als jede Demokratie vor ihr, einfach zunichtemachen - und aus dem Land nichts anderes machen als ein weiteres Beispiel einer gescheiterten Demokratie, so wie das bereits bei den alten Griechen und Römern der Fall war.

Diese Befürchtung ist auch unter Republikanern weit verbreitet. Beispiele liefern sowohl einstige Regierungsmitarbeiter, die schon unter Ronald Reagan gedient haben, als auch diverse ehemalige Mitarbeiter Trumps. Einige von ihnen warnen offen, eine zweite Amtszeit Trumps stelle eine existenzielle Bedrohung für die amerikanische Demokratie dar.

„Das ist ein alles entscheidender Moment“, sagt Edward J. Watts, Historiker an der Universität von Kalifornien in San Diego und Autor des Buchs Mortal Republic: How Rome Fell Into Tyranny. „Wenn Trump wiedergewählt wird, werden die Normen und Beschränkungen der amerikanischen Demokratie meiner Meinung nach vollkommen abgeschafft, so wie das bei früheren fehlgeschlagenen Demokratien bereits der Fall war.“ Watts weiter: „Selbst wenn Biden gewinnt, wird es viele Jahre dauern, bis sich die Vereinigten Staaten wieder erholt haben.“

US-Wahl 2020: Politikwissenschaftler sieht wichtigsten Urnengang „in der Geschichte der Vereinigten Staaten“

„Für mich steht ohne Zweifel fest, dass diese Wahl die wichtigste in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist. Es steht einfach unfassbar viel auf dem Spiel“, sagt Charles Kupchan, Politikwissenschaftler der Universität von Georgetown, ehemaliger Diplomat und Autor von Isolationism: A History of America’s Efforts to Shield Itself From the World. „Eine Amtszeit war schon schlimm genug, aber wenn Trump wiedergewählt wird, könnte niemand mehr behaupten, dass die amerikanische Wählerschaft einfach nur einen Fehler begangen hat. Stattdessen wäre es die Bestätigung dafür, dass dies wirklich die Richtung ist, die Amerikaner einschlagen möchte.“

Der Grund dafür, dass diese Wahl von höherer Tragweite ist als die historischen Wahlen von 1800 und 1860, ist laut Kupchan, „dass die Vereinigten Staaten damals noch nicht das mächtigste Land der Welt waren.“

„Im Prinzip haben wir uns damals nicht in die Angelegenheiten anderer Nationen eingemischt. Das ist aber heutzutage nicht mehr der Fall. Wir sind eine riesige Nation, die leider enorm von ihrem Weg abgekommen ist. Wir leben in einem unnachgiebigen Zeitalter. Das Machtgefüge verschiebt sich. Nach dem Kalten Krieg, in Zeiten amerikanischer Unipolarität, war das System noch nachsichtig. Selbst während des Kalten Kriegs ist die Welt nicht völlig aus den Fugen geraten, wenn sich die USA hier und da mal einen Fehltritt erlaubten, wie das beispielsweise beim Vietnamkrieg der Fall gewesen ist. Aber in der heutigen Zeit, in der der Westen seine materielle Vormachtstellung [an Asien im Allgemeinen und China im Speziellen] verloren hat und gleichzeitig politisch ins Straucheln gerät, ist das ein Doppelschlag von historischem Ausmaß.“

Trump erste Amtszeit als US-Präsident: Geduld der Europäer womöglich erschöpft

Da die Vereinigten Staaten solch eine zentrale Rolle als globaler Stabilisator spielen, könnte die Wahl 2020 in der Tat mit anderen internationalen Neuausrichtungen verglichen werden, die das Schicksal von früheren Weltmächten, Imperien und diplomatischen Organisationen, die weltweit für mehr Stabilität sorgen sollten, entscheidend geprägt haben.

„Von einem internationalen Standpunkt aus betrachtet ist dies ein historischer Moment. Sowohl Amerikas Rolle in der Welt als auch das internationale Gefüge stehen auf dem Spiel“, sagt John Ikenberry von der Universität Princeton. Er ist Autor des Buchs A World Safe for Democracy, in dem er über die vergangenen zwei Jahrhunderte des liberalen Internationalismus aufklärt. „Sollte Trump gewinnen, wird die gesamte liberale Ordnung der heutigen Zeit in sich zusammenbrechen. Außerdem werden sich die demokratischen und nicht-demokratischen Verbündeten der USA, die sich bislang bedeckt hielten und darauf hoffen, dass die USA wieder ihre systemrelevante Rolle einnehmen, anderweitig umsehen.“

Joseph Nye von der Harvard University, ebenfalls einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler und Diplomaten unserer Zeit, stimmt in diesen Tenor ein. In einem Interview zitierte Nye einen bedeutenden Diplomaten einer verbündeten europäischen Nation, der ihm kürzlich eröffnet hatte: „Wir können vier Jahre lang ein Auge zudrücken. Aber acht Jahre sind zu viel.“

US-Wahl 2020: Experte warnt vor Fortsetzung der Ära Trump - „Entfremdung und blanke Verachtung“ in Europa?

Laut dem ehemaligen NATO-Botschafter Ivo Daalder käme es einer formellen Abkehr von Europa und dem Westen gleich, wenn Trump wiedergewählt wird oder sich anderweitig an der Macht hält – was angesichts der Tatsache, dass Trump die Demokraten bereits jetzt des Betrugs beschuldigt und sich im vergangenen September geweigert hat, eine mögliche Amtsübergabe nicht friedlich vonstatten gehen zu lassen, keine Utopie mehr ist. Es würde bedeuten, dass sich „die Art und Weise, wie sich die Amerikaner selbst wahrnehmen, komplett von dem unterscheidet, wie Europa Amerika wahrnimmt.“ Vier Jahre lang hat Trump langjährige europäische Verbündete verspottet und kürzlich völlig überraschend verkündet, dass er Tausende Soldaten aus Deutschland abziehen werde. Die unzureichende Reaktion der Regierung auf die Covid-19-Pandemie habe dieses Gefühl von Entfremdung und blanker Verachtung nur weiter verstärkt, so Daalder weiter.

(Im August lagen die Vereinigten Staaten in einer FP-Analytics-Bewertung von 36 Nationen bezüglich deren Reaktionen auf die Pandemie auf dem 31. Platz. Damit standen sie noch hinter Staaten wie Brasilien, Äthiopien, Indien und Russland. Der Grund für diese schlechte Platzierung liegt laut der Analysten in der Unfähigkeit der Staatsregierung, eine angemessene wissenschaftliche Reaktion auf die Beine zu stellen, den unzureichenden Mitteln, die dem Gesundheitswesen zugeteilt werden, den Tests und den Krankenhausbetten, die in nicht ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, und den unzulänglichen Maßnahmen zum Schuldenerlass.)

Richtungswahl Trump gegen Biden: „USA zu etwas verkommen, auf das man herabschaut“

Dem Land geht es unter Trumps Führung so schlecht, dass Fintan O’Toole, Kolumnist der Irish Times, im April schrieb, dass die Vereinigten Staaten zum ersten Mal überhaupt vom Rest der Welt bemitleidet würden. Statt selbst von den Vereinigten Staaten Katastrophenhilfe zu erhalten, entsandten andere Nationen Unterstützung nach Washington.

„Was während COVID-19 passierte, stellt den Höhepunkt dieser verächtlichen Haltung dar“, sagt Daalder. „Die Reaktion auf COVID-19 legt die enormen Schwachstellen im amerikanischen System ganz offen dar: das Gesundheitswesen, die Einkommensunterschiede und der noch immer anhaltende Rassismus. Amerika ist zu etwas verkommen, auf das man herabschaut.“

Die größte Hoffnung liegt laut vieler Experten und Akademiker darin, dass Trump im November eine klare Niederlage beigebracht wird und er die Wahlergebnisse akzeptiert, auch wenn er bereits andeutete, dass er dies nicht tun werde. Er würde dann irgendwann von der Welt – und den Geschichtsbüchern – als eine merkwürdige Anomalie betrachtet werden; als eine einzigartige bizarre Erscheinung, deren absurder Patriotismus, Narzissmus und Inkompetenz höchstwahrscheinlich bei keinem der kommenden Präsidenten wieder zum Vorschein treten wird, ganz gleich, ob es sich dabei um einen Republikaner oder einen Demokraten handelt. Die Vereinigten Staaten würden dann wieder in das globale System eingebunden werden – zwar weiterhin mit der üblichen Mischung aus nativistischem Widerwillen und außergewöhnlicher Arroganz, aber immerhin auf eine moderatere (oder, um genauer zu sein, erwachsenere) Art und Weise, als dies unter Trump aktuell der Fall ist.

Joe Biden: Große Aufgaben im Falle eines Wahlsiegs gegen Trump

In diesem Szenario würden der neue Präsident Joe Biden, der ein sehr erfahrener Politiker ist und viel Wert auf gute Beziehungen zu den Verbündeten der USA legt, und seine multikulturelle Vizepräsidentin Kamala Harris sofort damit beginnen, den guten Ruf der Vereinigten Staaten schnell wiederherzustellen, indem sie Trumps Fehler in Bezug auf COVID-19, die politische Polarisierung, die Wirtschaft, die globale Stabilität und den Klimawandel wieder ausbügeln, so wie es Biden versprochen hat.

Mit dem Verweis darauf, dass es Trump nicht gelungen ist, die vielen internationalen Vereinbarungen adäquat zu ersetzen, die er gebrochen hat, würde Biden unverzüglich das Nuklearabkommen mit dem Irak wieder in Kraft setzen und weiter verbessern und sich wieder dem Pariser Klimaabkommen verschreiben, bei dessen Ausarbeitung er als Obamas Vizepräsident entscheidend mitgewirkt hatte (und aus dem die Vereinigten Staaten zum jetzigen Stand am 4. November, also einen Tag nach der Wahl, aussteigen werden).

Seinen Wahlversprechen zufolge würde Biden dann ebenfalls versuchen, den INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty; Mittelstrecken-Nuklearstreitkräfte-Vertrag) wiederzubeleben, den Trump ebenfalls für beendet erklärt hat. Des Weiteren würde er versuchen, den unter Obama unterzeichneten New-START-Vertrag, in dem sich Russland und die Vereinigten Staaten zur Abrüstung strategischer Trägersysteme für Nuklearwaffen verpflichten, zu verlängern (der ursprüngliche Vertrag würde nur wenige Wochen nach Amtsantritt auslaufen, wobei Trump schon jetzt versucht, ihn vorzeitig zu beenden).

Trump gegen Biden: Was der Demokrat im Falle eines Wahlsiegs tun würde

Außerdem würde Biden höchstwahrscheinlich versuchen, wieder so etwas Ähnliches wie das umfassendste Handelsabkommen aller Zeiten, die Transpazifische Partnerschaft (TPP), ins Leben zu rufen. Diese Partnerschaft wurde – nachdem sich Trump auch hieraus verabschiedete – lediglich von Japan, dem engsten asiatischen Verbündeten der Vereinigten Staaten, am Leben gehalten, wenngleich auch in sehr abgeschwächter Form.

Dieses Handelsabkommen war darauf ausgelegt, Peking auszuschließen und somit Druck auf die chinesische Regierung auszuüben, offene und faire Handelsbedingungen zu akzeptieren. Somit könnte Biden, wenn es darum geht, das aufstrebende China zu konfrontieren und das Handelsabkommen gleichzeitig enger in das globale System einzubinden, bei Weitem mehr erreichen als Trump es in dieser Hinsicht je tat. Höchstwahrscheinlich würde auch der momentan so paralysierte und gespaltene Kongress, der sich in den vergangenen vier Jahren fast ausschließlich mit Trumps Vertragsausstiegen, Untersuchungen und dem Amtsenthebungsverfahren beschäftigen musste, wieder zu einer geordneten und effizienten Arbeitsweise übergehen (vor allem dann, wenn die Demokraten sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus die Mehrheit erreichen können und somit die politische Pattsituation ein Ende findet).

Doch selbst in diesem Szenario fällt es schwer, sich vorzustellen, dass alles wieder so werden kann wie vor der Ära Trump. Biden könnte beispielsweise nicht ohne Weiteres die TPP und den INF-Vertrag wieder ins Leben rufen, was teilweise auch daran liegt, dass er den starken progressiven Flügel innerhalb seiner eigenen Partei, der sich gegen unbeschränkte Freihandelsabkommen und eine exzessive Militärpräsenz in anderen Ländern positioniert hat, nicht gegen sich aufbringen möchte.

Demokraten im Fokus: Bidens Optionen sind begrenzt

Biden hat bereits angekündigt, dass er nicht die vorherige TPP unverändert wiederaufnehmen möchte. Stattdessen würde er versuchen, dieses Handelsabkommen neu auszuhandeln, um darin „strenge Ursprungsregeln“ zu integrieren, die es erforderlich machen würden, dass mehr Produkte in den USA hergestellt werden müssten. Außerdem hat er gesagt, dass er, bevor er überhaupt ein neues internationales Handelsabkommen eingehe, zunächst einmal ein 400-Milliarden-Dollar schweres „Buy America“-Programm auf die Beine stellen würde, mit dem – ähnlich wie bei Trumps „America First“ – zunächst die heimische Wirtschaft gestärkt werden soll.

Auch die Akzeptanz der Welthandelsorganisation (WTO), die unter dem demokratischen Präsidenten Bill Clinton ins Leben gerufen wurde, schwindet in Bidens Partei, wozu auch Trumps Behauptungen beitragen, denen zufolge China die Regeln der WTO missbraucht hat, um dem amerikanischen Mittelstand die Arbeitsplätze wegzunehmen. Des Weiteren versucht Biden, wie Trump, schon seit Jahren, die Rolle, die die Vereinigten Staaten in anderen Nationen spielen, zu reduzieren. Selbst als Obamas Vizepräsident sprach er sich lautstark gegen eine Aufstockung amerikanischer Truppen in Afghanistan aus und handelte einen beschleunigten Abzug aus dem Irak aus.

Trump und der Neoisolationismus: US-Amerikaner sind der Rolle als Weltpolizist überdrüssig

Die größte Bedrohung scheint also offensichtlich, dass diese Wahl mit all seinen Folgen nicht nur eine Momentaufnahme ist, wie alle Optimisten dies hoffen – und dass Trump, selbst wenn er diese Wahl verlieren sollte, keine außergewöhnliche Randerscheinung ist, sondern vielmehr ein Symptom einer Nation, die nicht mehr so funktioniert, wie sie es sollte, weder als demokratische Republik noch als globaler Stabilisator, auf den man sich verlassen kann.

„Als Europäer stellt man sich die Frage: ‚Wenn dieses Land, auf das wir uns seit 1945 stets verlassen konnten, so etwas Unvorhersehbares wie Trump hervorbringen kann und weiterhin so gespalten bleibt, wie können wir dann wissen, dass dies nicht 2024 und 2028 wieder passiert?‘“, so Nye.

Schließlich kam Trumps Neoisolationismus nicht völlig aus dem Nichts; diese Idee fand bei vielen Menschen Anklang und tut es auch heute noch. In seinem neuen Buch weist Kupchan darauf hin, dass Internationalismus in Amerika schon immer eher etwas Außergewöhnliches und selten die Norm gewesen sei. Ihm zufolge wird es auch für einen möglichen Präsidenten Biden und alle folgenden US-Präsidenten nicht möglich sein, „einfach wieder zur bisherigen Außenpolitik zurückzukehren. Wir werden nicht zu dem institutionalisierten, auf Verträgen basierenden System zurückkehren können, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat. Dafür werden die Stimmen im Senat fehlen.“ In dieselbe Kerbe schlägt auch ein Bericht des Chicago Council on Global Affairs vom September. Dem zufolge ist die Unterstützung für die Rolle Amerikas als Weltpolizei unter den Politikern so gering wie noch nie zuvor, was, um Daalders Worte zu benutzen, ein Beleg für die „Trumpifizierung“ der Republikanischen Partei sei.

USA vor der Wahl 2020: Vereinigte Staaten in einem Strudel der Selbstgefälligkeit und Dekadenz?

Die vermutlich größte Sorge der US-Verbündeten besteht darin, dass die amerikanische Republik zu einem gewissen Grad in diesen unvermeidlichen Strudel geraten ist, in dem große Nationen zunächst selbstgefällig und dekadent werden und letzten Endes in sich zusammenbrechen – und das, obwohl die Amerikaner einst gehofft hatten, diese Gefahr bereits hinter sich gelassen zu haben. Prominente realistische Vordenker wie John Mearsheimer weisen schon lange darauf hin, dass der liberale Internationalismus, wie er von Amerika praktiziert wird, die Saat für seine eigene Zerstörung bereits in sich trägt, nämlich in Form von exzessiven Ambitionen und Selbstüberschätzung. „Eine aktivistische Mentalität ist ein Grundbaustein des Liberalismus“, schreibt Mearsheimer. „Der Glaube daran, dass alle Menschen unveräußerliche Rechte besitzen und dass der Schutz dieser Rechte wichtiger sein sollte als andere [nationale] Anliegen, sorgt dafür, dass für liberale Staaten das Bedürfnis besteht, sich in die Angelegenheiten anderer Nationen einzumischen.“

In den vergangenen Jahrzehnten haben sowohl republikanische als auch demokratische Präsidenten diesem Impuls immer wieder nachgegeben – Vietnam, Bosnien und Irak sind hier die prominentesten Beispiele. Im Jahr 2016 hat dann Trump, im Gegensatz zu seiner demokratischen Widersacherin Hillary Clinton, die Zeichen der Zeit erkannt. Ihm war bewusst, dass viele Amerikaner die Rolle der Weltpolizei satthatten, gerade in einer Zeit, in der im eigenen Land so viel im Argen lag und die Mittelschicht im Angesicht der rasanten Globalisierung in Existenznöte geraten war. Biden wird diesen Fehler seiner Vorgängerin höchstwahrscheinlich nicht wiederholen.

Trump gelang es auf seine derbe Art und Weise, die grundlegendsten Traditionen der USA und eine der größten Sorgen der amerikanischen Gründerväter zu kanalisieren. Sie waren stets besorgt, dass sich das Land zu stark in ausländische Konflikte einmischt, und warnten regelmäßig vor den selbstzerstörerischen Effekten, die damit einhergehen, darunter auch der Aufstieg eines Demagogen wie Trump. Als namhaftes Beispiel steht hierfür John Quincy Adams, der 1821 sagte, dass Amerika nicht im Ausland „nach Monstern suchen darf, die es zu zerstören gilt“, denn dies führe laut Adams unweigerlich dazu, dass das Land seine eigenen Prinzipien verraten würde: „Die grundlegende Ausrichtung der Politik dieser Nation würde sich dann von Freiheit hin zur Gewalt verschieben.“ Im Frühling 2016 erzählte mir ein früherer Wahlkampfberater Trumps, dass dessen erste große Rede zur Außenpolitik, in der er verkündete, dass „die Welt wissen muss, dass wir uns im Ausland keine Feinde machen möchten“, eine bewusste Anlehnung an die Worte Adams’ und ein Tadel in Richtung von Trumps Vorgängern und ihres rücksichtslosen Einschreitens in Libyen und im Irak waren.

USA: Großmacht auf Abwegen - Parallelen zum alten Rom?

Die Vereinigten Staaten sind keinesfalls die erste Großmacht, die sich selbst als große Ausnahme von allen anderen Nationen sieht – und die sich letzten Endes aufgrund der Anmaßungen, die mit solch einer Illusion einhergehen, selbst überschätzt. Lord Byron schrieb hierzu einst passend: „’Tis but the same rehearsal of the past / First Freedom, and then Glory – when that fails / Wealth, vice, corruption – barbarism at last“ („Das ist die Lehre menschlicher Geschichte; / Es war und ist ein ewig Einerlei, / Erst Freiheit, darauf Ruhm; ward der zunichte / Reichthum, Entartung, schließlich Barbarei“).

Laut dem Historiker Watts zeichnet sich im Falle Amerikas eine unbehagliche Parallele zum Fall der Römischen Republik vor mehr als zwei Jahrtausenden ab. In seinem 2007 erschienen Buch Are We Rome?, das als Antwort auf den desaströsen Versuch George W. Bushs, die arabische Welt durch den Einmarsch in den Irak zu demokratisieren, geschrieben wurde, stellte Cullen Murphy fest: „Auf der wichtigsten, der strategischsten Ebene überhaupt, nämlich auf jener von historischer Bedeutung des eigenen Landes, haben sowohl Rom als auch Amerika ihren Weg als den der Welt gesehen.“ Ähnlich wie die Gründerväter der Amerikaner, die die Hand der Vorsehung in ihrer idealisierten Republik am Werk sahen, beschrieb der römische Philosoph Plinius der Ältere Rom als „ein Land, das von der göttlichen Vorsehung ausgewählt wurde, um so unterschiedliche Reiche und so vielfältige Ethnien zu vereinen; so viele raue, nicht übereinstimmende Stimmen zur Übereinstimmung zu bringen; der Menschheit Kultur zu geben; kurz gesagt, die Heimat der ganzen Welt zu werden.“

Klingt das vertraut?

USA: „Der globalen Führungsrolle nicht mehr gewachsen“

Im Falle Roms erwies sich dieser Trugschluss angesichts der Arroganz und des geopolitischen Übermuts, die er hervorbrachte, letztendlich als fatal. „Der Verfall Roms war der natürliche und unausweichliche Effekt des maßlosen Größenwahns. Der Wohlstand bot den Nährboden für den Verfall“, schreibt Edward Gibbon in seinem Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire. Die Vereinigten Staaten sind ebenfalls nicht die erste große Nation, die sich, selbst am Höhepunkt ihrer Macht und ihres Einflusses, aus xenophobischen Gründen für Immigranten und Ausländer verschließt.

Deswegen würde auch eine von Biden geführten Regierung feststellen müssen, dass die amerikanische Bevölkerung, ähnlich wie die korrupten Plebejer und Patriarchen des alten Roms, der globalen Führungsrolle nicht mehr gewachsen ist und sie auch nicht mehr gewillt ist, das geistige Produkt ihrer Vorgänger, den globalen Liberalismus, weiter zu finanzieren und aufrechtzuerhalten. Das US-amerikanische Bildungswesen liegt in den letzten Zügen und viele Wähler verstehen einfach nicht mehr, welche Vorzüge mit einem weltweiten Freihandelssystem einhergehen, wie ein Netzwerk aus militärischen Bündnissen für mehr Sicherheit ihres Landes sorgt (und dabei weniger kostet als der Einsatz des Militärs im eigenen Land) oder wie die Vereinigten Staaten durch die Unterstützung der internationalen Institutionen, die sie selbst etabliert haben, aufstrebende Konkurrenz fernhält. Deshalb wird es für moderate Demokraten und Republikaner künftig weitaus schwieriger, dafür zu sorgen, dass die weltweite Führungsrolle der Vereinigten Staaten auch von der eigenen Bevölkerung wieder anerkannt wird.

Trump ist eher ein Resultat als ein Grund größerer historischer Kräfte

In seiner letzten präsidialen Rede vor nahezu 60 Jahren hat Dwight D. Eisenhower bereits darauf hingewiesen, dass es für die Sicherung der Zukunft der Vereinigten Staaten einer „intelligenten und sachkundigen Bevölkerung“ bedarf. Doch wie seine Enkelin Susan Eisenhower, Autorin des neuen Buchs How Ike Led, in einem Interview sagte, interessieren sich viele Amerikaner nicht mehr dafür, welche Rolle ihr Land im Erhalt des Weltfriedens spielt. „Und das ist die eigentliche Tragödie dabei. Wenn uns nicht mehr der Sinn danach steht, wer übernimmt dann diese Rolle? Und die Antwort auf diese Frage schmeckt uns ebenfalls nicht. Doch leider stellen sich nicht genug Leute diese Frage.“

Trump ist hierbei mal wieder eher ein Resultat als ein Grund größerer historischer Kräfte. Wie aus dem Nichts übernahm er das Präsidentenamt, beflügelt von seinem „America First“-Populismus, was teilweise auch daran lag, dass viele Amerikaner verärgert waren über die Entscheidungen der Mainstream-Politiker der Demokraten und Republikaner – ganz gleich, ob es sich dabei um die gönnerhaften Reaktionen auf den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas drehte, die die amerikanische Mittelschicht Millionen von Arbeitsplätzen kosteten, oder um die desaströse Invasion des Iraks. (Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Pew Research Center stimmt eine große Mehrheit der Republikaner als auch der Demokraten der scharfen Kritik Trumps an China zu.)

Doch Trump konnte auch seinen Nutzen ziehen aus der Lücke, die zwischen dem immer komplexer werdenden globalen System und der Wählerschaft entsteht, die mit dieser Entwicklung einfach nicht mehr Schritt halten kann. (Trump selbst gab während seiner Wahlkampagne 2016 überschwänglich zu: „Ich liebe schlecht gebildete Menschen.“) Er sorgte für eine neue Welle an Xenophobie und Neoisolationismus, und es ist nicht abzusehen, dass dieses Gedankengut so schnell wieder verschwindet.

In der aktuellen Wahl facht Trump erneut die Wut seiner nativistischen, überwiegend weißen Wählerschaft an, indem er in der amerikanischen Gesellschaft eine weitere Spaltung heraufbeschwört. Im Angesicht der zivilen Aufstände wegen der Tötung schwarzer Menschen durch die Polizei positioniert er sich als der Präsident von Recht und Ordnung. Er beordert das Militär in Städte, die gar nicht darum gebeten haben. Doch die Art von Recht und Ordnung, die Trump anpeilt, nimmt dabei autokratische Züge an, wie schon damals bei den Cäsaren der Römischen Republik. Diese Autokraten wurden ebenfalls unter dem Deckmantel der Demokratie zu Diktatoren, während die gefälligen Römer tatenlos dabei zusahen, wie ihre Republik langsam zugrunde ging, so Watts.

„Was wir hiervon lernen können, ist, dass das, was im alten Rom passierte, auch heute noch von Relevanz ist. Es ist möglich, dass ein mächtiger Staat die Illusion einer Demokratie oder von republikanischen Grundwerten aufrecht erhalten kann, auch lange nachdem diese Werte schon abgeschafft wurden.“

Quo vadis USA: „Niemand sollte ein Comeback ausschließen“

Natürlich wäre es ein Fehler, diesen geschichtlichen Analogien zu viel Gewicht beizumessen. Selbst am Höhepunkt ihres Imperialismus unterscheiden sich die Vereinigten Staaten doch bei Weitem noch vom alten Rom und anderen gescheiterten Republiken. Und niemand zweifelt daran, dass eine zweiten Amtszeit Trumps anstatt der Wahl Bidens enorme Konsequenzen nach sich ziehen würde, insbesondere im Hinblick auf Washingtons Einbindung in das Weltgeschehen. „Die unterschiedlichen politischen Linien unterscheiden sich enorm“, sagt Kupchan. „Von 1941 bis hin zur Obama-Regierung gab es eigentlich kaum fundamentale Unterschiede in der außenpolitischen Marschrichtung der Demokraten und der Republikaner. Das war während des Kalten Kriegs definitiv der Fall, während der 90er vielleicht etwas weniger. Aber dennoch hielten beide Parteien mehr oder weniger am liberalen Internationalismus fest. Doch Trump möchte dem nun ein Ende setzen.“ Biden dahingegen wird die aktuellen Strukturen beibehalten wollen, wenn auch, dem öffentlichen Druck nachgebend, mit einer etwas geringeren Verantwortung im globalen System.

In diesem Punkt erinnert die aktuelle Wahl, mit allem, das auf dem Spiel steht, eher an die Wahlen von 1900 und 1920, als die weltweite Rolle Amerikas ebenfalls ein zentrales Thema war. Die Ergebnisse dieser Wahlen hätten kaum unterschiedlicher ausfallen können. Im Jahr 1900 hat der amtierende republikanische Präsident William McKinley durch den erfolgreichen Spanisch-Amerikanischen Krieg und den dabei gewonnenen Kolonien aus den Vereinigten Staaten faktisch ein Imperium gemacht. Sein demokratischer Kontrahent, William Jennings Bryan, hatte eine strikte antiimperialistische Agenda. „McKinley hat Bryan keine Chance gelassen“, stellt Kupchan fest. Genau das Gegenteil war 1920 der Fall, als die kriegsmüden Amerikaner genug von Woodrow Wilson hatten. Der Demokrat hatte das Land in den Ersten Weltkrieg geführt und wollte mit einer neuen, großen und globalen Organisation die Macht der USA zur Schau stellen. Doch der Senat verweigerte ihm mehrfach die Teilnahme an seinem Völkerbund.

Kupchan berichtet von einem Gespräch zwischen Wilson und Warren Harding: „Wilson sagt: ‚Bei dieser Wahl geht es um den Bund.‘“ „Worauf Harding erwidert: ‚Nur über meine Leiche. Wir wollen mit dem Völkerbund nichts zu tun haben. Wir sind Amerikaner und Nationalisten und keine Globalisten.‘ Genauso wie das Trump nun tut.“ Wilsons Nachfolger, James M. Cox, verlor die Wahl gegen Harding, und zwar so deutlich, dass sie in die US-Geschichtsbücher einging als die einseitigste Wahl aller Zeiten. Zwischen den beiden Kontrahenten lagen 26 % Unterschied.

Zu dieser Geschichte gibt es jedoch eine interessante Anekdote. Der Mann, den Cox bei dieser vernichtenden Niederlage für die Demokraten als seinen Vizepräsidenten vorgesehen hatte, war niemand Geringeres als der noch junge Franklin D. Roosevelt. Wie wir alle wissen, gelang FDR ein paar Jahre später ein beachtliches Comeback, bei dem er die Macht und den Ruf Amerikas wiederherstellte. Er wurde der Präsident, der dafür sorgte, dass die USA die globale Führungsrolle einnahmen, die sie heute innehaben. Und niemand sollte ein weiteres amerikanisches Comeback von vornherein ausschließen, schon gar nicht, wenn Trump in den kommenden Monaten endlich zur Geschichte wird.

Michael Hirsh

Dieser Artikel war zuerst am 25. September 2020 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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