+

Mexikos Außenminister im Interview

„Trump-Effekt“: Mexiko setzt auf Europa

Frankfurt/Mexiko-Stadt - Kein Termin für ein Treffen des mexikanischen und amerikanischen Präsidenten, keine Verhandlungen über eine Grenzmauer - Mexiko versucht selbstbewusst den Drohungen von Trump zu trotzen. An der Grenze demonstrieren Amerikaner und Mexikaner gegen einen Mauerbau.

Wegen der Drohungen des neuen US-Präsidenten Donald Trump mit Strafzöllen versucht Mexiko, den Handel mit anderen Staaten mittels neuer Abkommen auszubauen. Die Regierung strebt noch in diesem Jahr eine Reform des Handelsabkommens mit Europa an, wie Außenminister Luis Videgaray dem spanischen Dienst der Deutschen Presse-Agentur sagte. Zudem wolle man ähnliche Verträge mit Brasilien und Argentinien schließen. „Das heißt: Das Hauptziel ist, dass Mexiko stärker an den Rest der Welt heranrückt.“

Es gebe nach dem geplatzten Treffen von Präsident Enrique Peña Nieto und Trump keinen neuen Termin - und auch keine Gespräche über den Bau einer Grenzmauer, betonte er. „Die Entscheidungen, die in den nächsten Monaten getroffen werden, werden wahrscheinlich bestimmen, wie die Koexistenz zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird“, sagte Videgaray.

Trump will, dass Mexiko den Bau einer Mauer entlang der amerikanisch-mexikanischen Grenze zahlt, der über 20 Milliarden US-Dollar kosten dürfte. Am Freitag protestierten Mexikaner und Amerikaner zusammen gegen die Pläne. Rund 1500 Schüler, Studenten und Politiker bildeten in der Stadt Ciudad Juárez am Ufer des Rio Grande eine „menschliche Mauer“. Auch bei der Sicherheitskonferenz war die Mauer ein Thema.

Der Bürgermeister von Ciudad Juárez, Armando Cabada, sagte: „Die Menschenkette zeigt, dass die Grenzregion geeinter denn je ist.“ Der Bürgermeister der Nachbarstadt El Paso in den USA beteiligte sich auch an dem Proest. „Wir sind eine Stadt“, sagte Oscar Leeser.

Der mexikanische Außenminister versprach deutschen und anderen ausländischen Unternehmen, bei den Verhandlungen mit den USA über die Zukunft des Freihandelsabkommens Nafta deren Interessen zu wahren. Mexiko lehne Strafzölle ab - diese hatte Trump angedroht.

Derzeit werden Videgaray zufolge die eigenen Wirtschaftssektoren um eine Bilanz des 1994 unterzeichneten Abkommens gebeten. Die Verhandlungen mit den USA könnten demnach im Juni beginnen. Wichtig seinen weltweit Verbündete wie Deutschland „gegen diese protektionistischen Gefahren“.

Mexikos Außenminister: „Ein entscheidender Moment“

Mexikos Außenminister Luis Videgaray

Mexikos Außenminister Luis Videgaray (48) ist seit Wochen im Krisenmodus. Letzte Woche traf er erstmals seinen US-Amtskollegen, Rex Tillerson, diesen Donnerstag kommt dieser nach Mexiko. Dazwischen: das G20-Treffen in Bonn. Vor dem Rückflug berichtet er im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur über die Suche nach Lösungen und neuen Freunden. Und was in sich in Sachen Mauer tut.

Was steht derzeit für Mexiko auf dem Spiel?

Videgaray: „Nun, Mexiko hat eine sehr wichtige Beziehung mit den Vereinigten Staaten, allein schon wegen unserer geografischen Nähe, wir teilen die verkehrsreichste Grenze der Welt, die jeden Tag mehr als eine Million Menschen überquert. Unser Handel mit den Vereinigten Staaten hat ein Volumen von ungefähr einer Million Dollar pro Minute. Das Handelsvolumen beträgt mehr als 500 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Wir haben einen sehr großen Austausch an Touristen, eine große Gemeinschaft von Mexikanern lebt in den USA, und es gibt auch eine große Gemeinschaft von Amerikanern in Mexiko.“

Die Anspannung scheint groß auf beiden Seiten...

Videgaray: „Wir sind in einem entscheidenden Moment. Die Entscheidungen, die in den nächsten Monaten getroffen werden, werden wahrscheinlich bestimmen, wie die Koexistenz zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird.“

Spaniens Premier Mariano Rajoy hat eine Rolle als Vermittler zwischen Lateinamerika und den USA ins Spiel gebraucht. Braucht es das?

Videgaray: „Die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko ist eine direkte. Eine Beziehung, die keine Vermittlung braucht.“

Sie setzen auf Verhandeln, Dialog, Deeskalation. Wie soll zum Beispiel die Neuverhandlung des Freihandelsabkommens Nafta aussehen?

Videgaray: „Zweifellos hat die Regierung der Vereinigten Staaten eine kritische Sicht auf einige Aspekte der Beziehungen. Mexiko ist immer bereit zu einem Dialog (...), auf Basis gegenseitigen Respekts und der Anerkennung der Souveränität. Bevor wir in formelle Gespräche mit den USA eintreten, konsultieren wir alle unsere Industriesektoren über ihre Meinung zum Vertrag des Freihandels in Nordamerika. Der Prozess dauert 90 Tage und wurde vor einigen Tagen begonnen. Die Verhandlungen könnten danach im Monat Juni beginnen.“

Eine Option ist bei einer Neuverhandlung auch sogar eine Ausweitung des Abkommens, was wäre dabei interessant?

Videgaray: Es gibt einige Änderungen, die wünschenswert sind. (...) Themen, die nicht enthalten waren, als der Vertrag vor 23 Jahren unterzeichnet wurde. Beispielsweise gilt das für den Bereich Internet-Handel, der heute eine sehr große Bedeutung hat.“

Gibt es irgendetwas Neues zum Thema Mauer, seit Präsident Peña Nieto und Präsident Trump am 27. Januar telefoniert haben?

Videgaray: „Bisher nicht“.

Wann könnte es nach der Absage beim letzten Mal ein Treffen geben?

Videgaray: „Da ist bisher nichts geplant.“

Können in Zeiten der kriselnden US-mexikanischen Beziehungen Länder wie Deutschland zu neuen strategischen Partnern werden?

Videgaray: „Deutschland war immer ein strategischer Partner für Mexiko. Aber es gibt im Moment eine große Nähe in der Politik zwischen Deutschland und Mexiko - gegen diese protektionistischen Gefahren, die es in der Welt gibt. Das führt uns zweifellos näher zusammen. Wir haben eine sehr starke Präsenz deutscher Unternehmen in Mexiko, von denen einige über hundert Jahre in Mexiko sind. Andere haben vor kurzem erste Investitionen getätigt. Es geht um verschiedene Bereiche, beispielsweise die Automobilbranche. (...) Es ist eine Beziehung des Vertrauens, die wir weiter stärken wollen.“

Was konkret ist an neuen Handelsabkommen zu erwarten?

Videgaray: „Wir sind dabei, unserer Organisation des Handelsabkommens mit Europa zu konkretisierten. Unser Ziel ist es, das noch dieses Jahr zu machen. Wir sind in formellen Gesprächen, um Handelsabkommen mit Brasilien und Argentinien zu bekommen - mit Ländern, mit denen wir keine haben bisher. Das heißt: Das Hauptziel ist, dass Mexiko stärker an den Rest der Welt heranrückt.“

Der Automobilsektor ist sehr wichtig für die mexikanische Exportindustrie. Was erwarten Sie hier für die Zukunft?

Videgaray: „Das ist eines der Themen, dass ich ausführlich mit dem deutschen Außenminister Sigmar Gabriel besprochen habe. Für uns ist es sehr wichtig, jetzt einen engen Dialog mit deutschen Unternehmen zu führen, wo die Risiken oder die Auswirkungen auf die Unternehmen liegen könnten. Unsere Erwartung ist, dass das Freihandelsabkommen (mit den USA) fortgesetzt wird. (...) Natürlich mit einigen Änderungen. Mexiko lehnt Strafzölle ab, die Verhängung von Quoten für die Ausfuhr. (...) Die deutschen Unternehmen haben ihr Vertrauen in Mexiko gelegt und Mexiko wird das Interesse der deutschen Unternehmen berücksichtigen, wenn die Stunde kommt, sich an den Tisch zu setzen und über den Handel mit den Vereinigten Staaten zu sprechen.“

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Guttenberg wünscht sich das Ende der Großen Koalition
Der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat sich gegen eine erneute Große Koalition ausgesprochen. Am liebsten würde er mit der FDP koalieren, …
Guttenberg wünscht sich das Ende der Großen Koalition
Ruhani weist Trumps Kritik am Atomabkommen scharf zurück
Das Atomabkommen mit dem Iran dominiert den zweiten Tag der Generaldebatte der UN-Vollversammlung. Der Pakt gilt als historisch. Der Iran warnt die USA. Auch Deutschland …
Ruhani weist Trumps Kritik am Atomabkommen scharf zurück
Le Pen demontiert ihren Stellvertreter
Im Führungsstreit bei Frankreichs rechtspopulistischer Front National (FN) greift Parteichefin Marine Le Pen gegen ihren Stellvertreter Florian Philippot durch.
Le Pen demontiert ihren Stellvertreter
Umstrittenes Interview mit Putin-Sender: Gabriel erneuert AfD-Nazi-Vergleich
Wenige Tage vor der Wahl hat Sigmar Gabriel  ein Interview mit einem sehr umstrittenen Medium geführt. Bereits vor der Ausstrahlung hatte sich der Außenminister dazu …
Umstrittenes Interview mit Putin-Sender: Gabriel erneuert AfD-Nazi-Vergleich

Kommentare