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Protest gegen Donald Trump vor der US-Botschaft in Hongkong.

Erstes Telefonat nach langem Zögern

Trump spricht mit „Feind“ China: „Ich bin gerne unberechenbar“

Peking - Chinesen sind für Trump „gerissene Geschäftsleute“, er drohte mit einer härteren Gangart. Im Telefonat mit Chinas Staatschef gibt er sich nun unerwartet diplomatisch. Peking fürchtet seine Unberechenbarkeit nun umso mehr.

Drei Wochen hat es gedauert, bis der neue US-Präsident Donald Trump nach dem Amtsantritt zum Hörer griff, um mit seinem Kollegen Xi Jinping in Peking zu sprechen. Rund 20 andere Staats- und Regierungschefs standen weiter oben auf der Liste - selbst der Premier von Neuseeland. Dabei steht viel auf dem Spiel. Nach den scharfen Vorwürfen Trumps gegen China wurde seit Wochen wild über einen Handelskonflikt zwischen den beiden größten Wirtschaftsnationen oder gar eine militärische Konfrontation im Südchinesischen Meer spekuliert.

Völlig unerwartet kamen daher die diplomatischen Töne, die Trump in seinem mit Spannung erwarteten Telefonat mit Xi Jinping anschlug. „Äußerst herzlich“ sei es gewesen, teilte das Weiße Haus mit. Mit einem Schlag beseitigte Trump darin die Verwirrung, ob er sich wie seine Vorgänger an die „Ein-China-Politik“ halten oder offizielle Kontakte zu Taiwan aufnehmen würde, das Peking nur als abtrünnige Provinz betrachtet. Ganz bewusst hatte der neue US-Präsident mit dieser Option gespielt, um Druck in Handelsfragen zu machen.

In seinem Buch bezeichnet Trump China als Feind

Bisher hat sich Trump nicht als Freund Chinas hervorgetan. Im Gegenteil: „Es gibt Leute, die wünschten, dass ich China nicht als unseren Feind beschreiben würde. Aber das ist genau, was sie sind“, schreibt Trump in seinem Buch „Great Again: Wie ich Amerika retten werde“. Er nennt die Chinesen „gerissene Geschäftsleute“. „Sie haben durch billige Arbeitskräfte ganze Industrien zerstört, uns Zehntausende Jobs gekostet, unsere Unternehmen ausspioniert, unsere Technologie gestohlen und ihre Währung manipuliert und abgewertet, was unsere Importe teurer und manchmal unmöglich macht.“

Während Trump mit „Amerika zuerst“ dem Protektionismus das Wort redet und als erstes aus dem geplanten transpazifischen Handelsabkommen (TPP) ausgestiegen ist, profilierte sich Xi Jinping auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar im Schweizer Davos als Verfechter der Globalisierung. Doch der Schein trügt. Beide Präsidenten haben mehr gemeinsam als es scheint, was sie aber eher auf Kollisionskurs steuern lässt: Beide sind ökonomische Nationalisten.

Konflikt der Großmächte scheint unausweichlich 

Und noch eins haben sie gemeinsam: Trump will „Amerika wieder groß“ machen, während Xi Jinping die „große Wiederauferstehung der chinesischen Nation“ verfolgt. Die aufstrebende asiatische Macht fordert ihren Platz auf der Weltbühne ein, was unausweichlich zum Konflikt mit der bestehenden Großmacht führt - und nach der vielzitierten Theorie der „Thukydides-Falle“ des gleichnamigen Historikers der griechischen Antike im Krieg enden dürfte.

„Wir werden in fünf oder zehn Jahren im Südchinesischen Meer in den Krieg ziehen, oder nicht? Daran gibt es keinen Zweifel“, sagte der umstrittene Trump-Berater Steve Bannon schon im März 2016 in einer Radiosendung für seine Webseite Breitbart. Die Chinesen „nehmen ihre Sandbänke und machen im Grunde genommen Flugzeugträger daraus und setzen Raketen drauf“, klagte der Trump-Vertraute über die strittigen Territorialansprüche Chinas, die das internationale Schiedsgericht in Den Haag im vergangenen Jahr abgewiesen hatte.

Der neue US-Außenminister Rex Tillerson, der Chinas Marine zunächst den Zugang zu den Inseln blockieren wollte, äußert sich aber schon wieder etwas zurückhaltender und eher auf einer Linie mit der alten Regierung. Auch der neue US-Verteidigungsminister Jim Mattis sah bei seinem jüngsten Besuch in Japan „keine Notwendigkeit für dramatische Schritte“ und plädierte für Diplomatie.

Trump drohte Strafzölle für China an

Die Drohung Trumps, Importe aus China mit Zöllen von 45 Prozent zu belegen, hängt aber weiter im Raum - und damit die Gefahr eines Handelskonflikts. Chinesische Experten sind denn auch vorsichtig, zu viel in sein erstes längeres Gespräch mit Xi Jinping hineinzudeuten. „Das Telefonat zeigt nur positive Erwartungen, sonst nichts“, sagte Niu Jun, Professor für internationale Beziehungen an der Peking Universität. „Werden sie sich verstehen? Wir können es jetzt nicht sagen, weil die Situation ziemlich kompliziert ist.“

Die unerwartete Freundlichkeit Trumps bestätigt nur einmal mehr die Furcht der Chinesen vor seiner Unberechenbarkeit, die Trump als Strategie dient. „Der Überraschungseffekt gewinnt Schlachten. Deswegen sage ich der anderen Seite nicht, was ich tue“, erklärt Trump in seinem Buch. „Ich lasse mich nicht bequem in ein vorhersehbares Muster einordnen“, führt er aus. „Ich will nicht, dass die Leute genau wissen, was ich tue oder denke. Ich bin gerne unberechenbar. Es bringt sie aus dem Gleichgewicht.“

dpa

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