Experiment vor dem Aus

Tübingen-Zahlen steigen steil an - selbst Palmers Corona-Beauftragte schockiert: „In der Stadt war es furchtbar“

  • Maximilian Kettenbach
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Ganz Deutschland blickt seit ein paar Wochen auf das mutige Tübinger Corona-Modellprojekt. Nun droht es zu scheitern, auch wenn sich Oberbürgermeister Boris Palmer wehrt.

Tübingen/München - Gespannt starren die Verantwortlichen in Deutschland seit einigen Wochen auf den Inzidenzzähler der 89.000-Einwohnerstadt Tübingen, der sich lange unter dem Bundes- und Landesschnitt bewegte. Das Experiment der Stadt von Oberbürgermeister Boris Palmer (Grünen) ist mutig wie strittig zugleich. „Öffnen mit Sicherheit“, lautete das Vorhaben, das von einer großen Anzahl an Corona-Tests gestützt wird. Selbst Markus Söder will in Bayern ähnliche Modellprojekte ins Leben rufen. Doch die Zweifel an Tübingen werden größer. Die eigene Pandemiebeauftragte Lisa Federle erklärte dem Nachrichtensender Welt: „Ich war selbst in der Stadt, es war furchtbar.“

Was sie meint, sind die Menschenansammlungen. „Wir haben dermaßen viele Touristen hier, die sich teilweise auch nicht an die Abstandsregeln oder Maskenpflicht usw. gehalten haben – und das geht einfach nicht.“ Außerdem müssten sich die Touristen nur testen lassen, wenn sie in Cafés sitzen oder in Läden gehen wollten. Holten sie sich nur einen Kaffee to go, gelte die Testregel nicht, so Federle.

Tübingen-Zahlen steigen steil an - selbst Palmers Corona-Beauftragte schockiert: „In der Stadt ist es furchtbar“

Palmer ordnet die Aussagen im ZDF-Interview ein: „Was Frau Federle zu Recht besorgt, ist die Impertinenz von auswärtigen Gästen, die hier rumgeturnt sind, Party gemacht haben und ungetestet durch die Stadt gegangen sind, weil die Schlange zu lang war - und ohne Maske gefeiert haben.“ Deswegen habe man das beendet und die Auswärtigen nach Hause geschickt. „Das was gestern war, ging ganz sicher nicht“, so Palmer, der nun über Ostern keine Tagestickets mehr für Auswärtige verkaufen möchte.

Doch genügt das, um das Pandemiegeschehen zu stoppen? Aktuelle Zahlen deuten darauf hin, dass die Stadt Tübingen die Notbremsen-Inzidenz von 100 nun überschritten hat - im Landkreis war die Marke ohnehin schon längst gerissen worden. Gescheitert ist das Projekt für Palmer aber längst nicht: „Erst wird es als bundesweit vorbildlich gelobt. Jetzt werde ich gefragt, ob alles gescheitert ist. Richtig wäre es, sich einmal die Zahlen genauer anzuschauen. Die formale Inzidenz von Tübingen kann man mit dem Rest der Republik nicht mehr vergleichen. Denn: Wer viel testet, findet viel.“

Binnen einer Woche hat sich die Inzidenz nun nahezu verdreifacht. Palmer führt das im ZDF auf drei wesentliche Gründe zurück: Positiv-Getestete, die ohne Test-Stationen gar nicht entdeckt worden wären, ein Ausbruch in der Landeserstaufnahmestelle für Geflüchtete, sowie das normale Infektionsgeschehen in Deutschland.

Tübingens Projekt vor dem Aus? Die Meinungen gehen auseinander

Wie es weitergeht? Uneinigkeit. Das Ende des Versuchs ist für Mitte April anvisiert. Während Palmer vom baden-württembergischen Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) weiter Rückenwind erhält, gesteht die Pandemiebeauftragte Tübingens, Federle, der dpa: Stiegen die Zahlen weiter, sollte das Projekt pausieren. „Wir kriegen das Tourismus-Problem nicht in den Griff.“ Allerdings: Federle sähe darin kein Scheitern. „Meine Intention war es, den Menschen einen anderen Weg aufzuzeigen. Ich bin mir sicher, dass es bundesweit eine Teststrategie geben wird, damit wir nicht in die nächste Welle unvorbereitet hineinrauschen“.

Gegenüber der dpa äußerte sich zudem ein Sprecher des Gesundheitsministeriums skeptisch: „Sollte Tübingen weiterhin steigende Inzidenzen haben und stabil auf die 100 zugehen beziehungsweise diese Marke pro 100 000 Einwohner sogar überschreiten, muss geprüft werden, inwieweit das Projekt ausgesetzt werden muss.“ Palmer selbst will die Lage bis zum Ostermontag beobachten. Er werde einen Tag später dem Gesundheitsministerium berichten.

Weiteren Modellversuchen in Baden-Württemberg zu Corona-Öffnungen hat Lucha übrigens eine Absage erteilt. „Oberstes Ziel ist eine Eindämmung des Infektionsgeschehens, um einen Anstieg der Neuinfektionen zu begrenzen und eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern“, erklärte Lucha am Donnerstag in Stuttgart. Angesichts einer landesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von knapp 130 pro 100.000 Einwohner seien weitergehende Öffnungen im Rahmen von Modellvorhaben vorerst nicht angebracht. (mke)

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