Die Regierung von Präsident Erdogan lässt 2020 viele Bücher verbieten.
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Die Regierung von Präsident Erdogan lässt 2020 viele Bücher verbieten.

Die Zensur nimmt zu

„Obszöne Inhalte“: Erdogan lässt Bücher in der Türkei verbieten - auch Kinder betroffen

Der Türkische Verlegerverband zeichnet ein düsteres Bild der Meinungsfreiheit unter Erdogan. 2020 wurden Bücher mit unbequemen Inhalten verboten - darunter auch Kindergeschichten.

  • Im vergangenen Jahr wurden in der Türkei zahlreiche Bücher verboten.
  • Oft behandeln diese unerwünschte Themen oder haben politische Sprengkraft.
  • Ein weiteres Anzeichen dafür, wie sehr die Zensur unter Staatspräsident Erdogan zunimmt.

Ankara - Um die Pressefreiheit ist es in der Türkei schon länger nicht gut bestellt. Im Jahr 2020 landete der Mittelmeerstaat auf einem bedenklichen Platz 154 von 180 im Ranking der Organisation Reporter ohne Grenzen. Journalisten und Medienschaffende, die nicht auf Regierungslinie liegen, werden unter Druck gesetzt und oft auch verhaftet. Jetzt trifft die zunehmende Einschränkung der Meinungsfreiheit unter Päsident Recep Tayyip Erdogan auch das Verlagswesen immer stärker.

Erschreckende BIlanz für die Pressefreiheit: In der Türkei wurden 2020 zahlreiche Bücher verboten

Der Türkische Verlegerverband hat vor einigen Tagen eine Zusammenfassung für 2020 veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass im vergangenen Jahr mehrere Bücher verboten wurden. Darunter befinden sich auch zwei Werke von Amnesty International Türkei, wie die taz aus dem Bericht zitiert. Es handelt sich dabei um Publikationen, die sich mit dem Thema Feminismus beschäftigen.

Die Menschenrechtsorganisation scheint der Regierung schon länger ein Dorn im Auge. Nicht nur wurden die beiden Bücher verboten. Schon 2017 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den amtierenden Direktor von Amnesty International Türkei, Taner Kılıç. Er wurde 2020 dann wegen einer angeblichen „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ zu sechs Jahren und drei Monaten verurteilt. Auch eine ehemalige Direktorin und zwei weitere Mitglieder der Organisation wurden zu Haftstrafen verurteilt.

Auch Kinderbücher betroffen - Erdogans Regierung lässt sie wegen „obszönen Inhalten“ verbieten

Betroffen war von den Bücherverboten aber nicht nur Amnesty International. Auch drei Publikationen der Oppositionspartei CHP wurden verboten. Besonders auffällig ist dies, weil sie potentiell politische Sprengkraft entwickelt hätten. Denn zwei Werke befassen sich laut taz mit schwerwiegenden Korruptionsaffären. Gegen die Herausgeber laufen wohl Ermittlungen. Das dritte greift offene Fragen zum Putschversuch von 2016 auf. Denn der versuchte Coup ist bis heute keineswegs lückenlos aufgeklärt, auch da die Regierungspartei AKP das aktiv zu verhindern versucht.

Für kurdische Autoren ist die Lage auffallend schwierig. Ihre Bücher werden besonders häufig verboten. Aber auch Kinderbücher bleiben von der Zensurwut nicht verschont. Allein im letzten Jahr wurden nach taz-Informationen 13 Kinderbücher verboten. 2019 war bereits bekannt geworden, dass die Regierung von Recep Tayyip Erdogan Schulbücher verbrennen ließ. Die Geschichten für Kinder wurden verboten, weil sie angeblich „obszöne Inhalte“ verbreiten.

Zensur im Netz: Neues Werbeverbot für Twitter, Facebook und Pinterest

Die Zensur-Kampagne in der Türkei beschränkt sich allerdings nicht nur auf den Bereich Print. Mitte Januar belegte die Regierung zudem mehrere Onlinedienste mit Werbeverboten. Künftig würden Unternehmen bestraft, die weiterhin Anzeigen im Kurzbotschaftendienst Twitter, dessen Streaming-App Periscope und dem Bilderdienst Pinterest schalten, erklärte der türkische Infrastrukturminister Ömer Fatih Sayan in einem Tweet.

Nach den neuen Regeln der türkischen Regierung müssen soziale Netzwerke mit mehr als einer Million täglichen Nutzern Verantwortliche in der Türkei benennen, die nach gerichtlichen Anordnungen Inhalte von den Plattformen löschen. Sollten Twitter, Periscope und Pinterest dem weiter nicht nachkommen, will die türkische Regierung deren Internet-Bandbreite im April um 50 Prozent und im Mai um 90 Prozent kürzen. Damit wären die Dienste praktisch abgeschaltet. (mam/AFP)

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