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Der türkische Ministerpräsident Yildirim in Oberhausen. Viele Türken in Deutschland unterstützen den Kurs der Regierung.

Türkei

Erdogan-Kritiker in Deutschland in Bedrängnis

Düsseldorf - Die politischen Umwälzungen in der Türkei haben auch die türkische Community in Deutschland längst erreicht. Erdogan-Kritiker erleben Bespitzelung und Einschüchterungsversuche. Für den Staatschef in Ankara sind die Deutsch-Türken wichtige Wähler.

Update vom 15. März 2017: Die Eskalationspolitik der Türkei bestimmt derzeit die Berichterstattung in den Medien. Aus aktuellem Anlass hat Merkur.de mit LMU-Türkei-Experte Christoph K. Neumann gesprochen, der den Konflikt und die Perspektiven einschätzt.

Ausgrenzung, Einschüchterung, Drohungen, Bespitzelung: Unter Kritikern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland herrscht große Verunsicherung. Ankara hat die türkische Community hierzulande fest im Blick und scheint nach Einschätzung vieler die Grenzen einer vertretbaren Einflussnahme deutlich zu überschreiten. Der türkische Premierminister Yildirim in Oberhausen. Viele Türken in Deutschland unterstützen den Kurs der Regierung.

Bald können sich hierzulande gut 1,4 Millionen Wahlberechtigte an der Volksabstimmung für eine umstrittene Verfassungsänderung in der Türkei beteiligen, die Erdogan deutlich mehr Macht einräumen würde. Es könnte passieren, dass die Deutsch-Türken den Ausschlag geben. Und unter ihnen sind auch viele Erdogan-Kritiker und Gegner seines angestrebten Präsidialsystems. Politiker haben bereits vor einer Parallelgesellschaft gewarnt.

„Nein-Sager werden mit Vaterlandsverrätern und Terroristen gleichgesetzt“

Gökay Sofuoglu hat „anonyme Angstmacherei“ im Vorfeld des Referendums über eine Verfassungsreform in der Türkei kritisiert.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, beobachtet: „Nein-Sager werden mit Vaterlandsverrätern und Terroristen gleichgesetzt. Dieser emotionale Druck wird vor allem systematisch von AKP-Anhängern bei ihren Veranstaltungen untermauert.“ Er selbst erlebe Einschüchterungsversuche praktisch täglich: „Zum Beispiel wird mir anonym mitgeteilt, dass alle meine Äußerungen an den türkischen Geheimdienst oder die AKP weitergeleitet werden.“

Der deutsch-türkische Journalist Hüseyin Topel schildert: „Der innertürkische Konflikt wird in allen Facetten in Deutschland in der türkischen Community ausgetragen.“ Eine zentrale Rolle spiele die Union Europäisch-Türkischer Demokraten, die „zu Erdogans wichtigsten Propaganda-Instrumenten in Europa“ gehöre. Die UETD - verlängerter Arm der Regierungspartei AKP - organisiere Großveranstaltungen von türkischen Politikern, wie gerade in Oberhausen, und werbe aktiv für Erdogan. „Es wird aufgerufen zu Vaterlandstreue und religiöser Korrektheit und damit Stimmung für Erdogan gemacht.“

Die Union Europäisch-Türkischer Demokraten weißt die Vorwürfe zurück

UETD-Generalsekretär Bülent Bilgi weist das „entschieden“ zurück. „Das ist lächerlich. Es gibt keine Einflussnahme von unserer Seite. Die Leute kommen freiwillig zu Zehntausenden zu den Veranstaltungen, die wir organisieren.“

Topel (26) berichtet aber der dpa, wer nicht auf Linie sei, müsse mit Drohungen und Druck rechnen. „Viele Leute haben Angst, dass sie ausspioniert werden, dass sie auf Listen des Staatsschutzes landen.“ Die UETD habe ihn - erfolglos - verklagt, um ihn als Journalisten zu zermürben. Er selbst habe keine Angst, solange er in Deutschland arbeite, aber: „In die Türkei zu fahren, wäre Selbstmord. Da wäre ich einem System ausgeliefert, das gerade das Recht abschafft.“

Neue Vorwürfe gegen türkische Generalkonsulate sorgen für weitere Unruhe. Konsulate in NRW sollen in Veranstaltungen türkeistämmige Lehrer- und Eltern aufgefordert haben, Erdogan-Kritiker zu melden. Die Bildungsgewerkschaft GEW hatte über solche Treffen berichtet. NRW-Vizechef Sebastian Krebs sagt, er habe mit Teilnehmern solcher Runden gesprochen, die sich aber nicht trauten, ihren Namen zu nennen. „Alle haben Angst.“ Die Generalkonsulate in Düsseldorf und Essen weisen die Vorhaltungen in der „Rheinschen Post“ als „nicht korrekt“ und „bewusste Entstellung der Arbeit der türkischen Konsulate“ zurück.

Unklar ist: Wo spitzeln die Imame?

Die Kritiker seien leiser geworden, meint die Landtagsabgeordnete Serap Güler (CDU). „Es braucht viel Mut, sich öffentlich kritisch zu äußern.“ Manche sorgten sich, dass ihrer Familie in der Türkei Schlimmes zustoße. Angst vor Ausgrenzung und Denunziation breite sich aus. Unklar bleibt zudem weiter, wo überall Imame spitzelten.

In NRW haben laut Landesverfassungsschutz 13 Imame der türkisch-islamischen Union Ditib Informationen von 33 Personen und elf Institutionen - angeblich Anhänger des Erdogan-Erzfeindes Fethullah Gülen - an türkische Konsulate gemeldet. Aber: weitere Spitzel-Berichte aus Deutschland und aus Nachbarländern seien nicht auszuschließen, betont Verfassungschef Burkhard Freier. Die Order kam von der Religionsbehörde Diyanet in Ankara.

Dass Erdogan trotz alledem wohl in NRW demnächst für seine Machterweiterung werben will, ist vielen ein Dorn im Auge. „NRW ist europäische Hochburg für innenpolitische türkische Kundgebungen geworden“, sagt Sofuoglu. 2008 und 2014 jubelten Erdogan Zehntausende in Köln zu. Aber es gibt eben bei weitem nicht nur Erdogan-Fans, die rote Halbmond-Flaggen schwenken. Warum fallen die wahlberechtigten Türken in Europa so ins Gewicht für Erdogan? Sofuoglu: „Die Zahl der Kritiker und Nein-Sager wächst in der Türkei, es könnte sehr knapp werden für die geplante Verfassungsänderung mit dem angestrebten autokratischen Ein-Mann-System.“

dpa

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