Recep Tayyip Erdogan (li.) und Berat Albayrak
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Im Jahr 2017 herrschte zwischen Recep Tayyip Erdogan und seinem Schwiegersohn Berat Albayrak noch eitel Sonnenschein.

Affäre, Partei-Revolte, Lira-Krise

Erdogan im Chaos: Schwiegersohn nicht mehr Minister - brisante Spekulationen über die Gründe

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Bislang zählte Recep Tayyip Erdogan auf seinen Schwiegersohn im Kabinett. Das ist vorbei. Die Gründe könnten brisant sein: Sie reichen von einer Affäre über eine Revolte bis zu Trumps Abwahl.

  • Die Türkei befindet sich unter Präsident Recep Tayyip Erdogan in einer Währungs- und Wirtschaftskrise.
  • Nun hat Erdogans Schwiegersohn seinen Posten als Finanzminister verlassen - die Lira erholt sich unmittelbar.
  • Der Präsident steht allerdings vor Problemen. Seine Macht ist einmal mehr erschüttert. Und die Gründe für den Abgang Berat Albayraks sind möglicherweise brisant.

Istanbul/Ankara - Mitten in einer schweren Lira-Krise hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Finanzminister verloren - und damit auch einen wichtigen Vertrauten. Offiziell aus gesundheitlichen Gründen ist Berat Albayrak von seinem Amt zurückgetreten. Albayrak ist auch Erdogans Schwiegersohn.

Mitgeteilt hatte er das auf ungewöhnlichem Wege: Über die sozialen Medien. Albayraks Instagram-Account verschwand daraufhin. Erst mit großer Verspätung nahm Erdogan das Rücktrittsgesuch an - es scheint also, als sei der Schritt nicht am Frühstückstisch abgesprochen gewesen. Im Gegenteil: Der Abgang ist brisant und könnte in eine politische Krise führen. Zutaten sind unter anderem eine teils hausgemachte Wirtschafts- und Währungskrise, Nepotismus - oder womöglich auch Familienprobleme und gar eine Art parteiinterne Revolte gegen Erdogan.

Erdogan entlässt eigenen Schwiegersohn - wegen einer Affäre oder Trumps Abwahl?

Albayrak galt bis zu seinem Rücktritt am Sonntag nicht nur als Protegé des Präsidenten, sondern auch als ein wichtiger Erdogan-Getreuer in der Regierungspartei AKP. Sogar als Anwärter für Erdogans Nachfolge wurde Albayrak gehandelt. Beliebt in der Bevölkerung war er allerdings nicht. Ganz im Gegensatz zu seinem parteiinternen Gegenspieler Süleyman Soylu.

Und auch in Erdogans Gunst könnte der nahe Verwandte zuletzt rapide gesunken sein. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtet, wurde dem Mann von Erdogans Tochter Esra eine Affäre nachgesagt. Zugleich brach Albayrak ein gewichtiges Argument zu seinen Gunsten weg, wie bei der Neuen Zürcher Zeitung zu lesen ist: Er pflege gute Beziehungen zu Donald Trumps Vertrautem Jared Kushner, heißt es dort, „von Schwiegersohn zu Schwiegersohn gewissermaßen“. Trumps Abwahl könnte diese - angesichts der Verwerfungen mit den USA wichtige - Connection nun entwertet haben.

Erdogans Türkei: Schwiegersohn und Zentralbank-Chef gehen - Nachfolger sind alte Bekannte

Klar ist: Erdogans Türkei steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, an der die unorthodoxe Zinspolitik des Regierungschefs wohl nicht ganz unschuldig ist. Hinzu gesellen sich nun auch noch weitere personelle Verwerfungen. Denn schon in der Nacht zu Samstag hatte Erdogan auch Zentralbank-Chef Murat Uysal entlassen.

Mittlerweile gibt es für beide Männer Nachfolger. Neuer Notenbankgouverneur wird Naci Agbal, der von 2015 bis 2018 Finanzminister war. Diesen Posten übernimmt nun Lutfi Elvan. Auch Elvan ist kein Unbekannter in Erdogans Kabinett. Der 58-jährige Elvan war bislang Vorsitzender des Planungs- und Haushaltsausschusses des Parlaments. In der Vergangenheit war er bereits stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Entwicklung.

Türkei: Lira steigt nach Abgang von Erdogans Vertrautem - doch Bank-Experte stellt alarmierende Prognose

Für die Türkei gibt es nun allerdings unerwartet schnell neue Hoffnung: Nach Albayraks überraschendem Rücktritt ist der Kurs der türkischen Lira am Montag stark gestiegen. Zu Handelsbeginn wurden 8,40 Lira für einen Dollar gehandelt, kurz darauf nur noch 8,19 Lira. Der Kurs stieg damit um rund 2,5 Prozent.

Agbal hatte zuvor erklärt: „Notwendige geldpolitische Entscheidungen werden unternommen.“ Die Notenbank werde alle politischen Instrumente entschlossen einsetzen, um das Ziel der Preisstabilität zu erreichen, versicherte der Währungshüter kurz nach seiner Amtsübernahme. Beschlüsse könne es schon bei der kommenden Zinssitzung am 19. November geben.

Erdogan verfolgt eigentlich eine riskante Geldpolitik. Er bezeichnet den Leitzins oft als „Mutter allen Übels“ und drängt auf dessen Senkung. Die Türkei führe einen wirtschaftlichen Krieg gegen ein „Teufelsdreieck“ bestehend aus Zinssätzen, Wechselkurs und Inflation, hatte Erdogan am vergangenen Wochenende erklärt.

Trotz des Wechsels an der Notenbank-Spitze rechnen Devisen-Experten der Commerzbank allerdings nicht mit einer grundlegenden Änderung der Lage. Analyst Tatha Ghose erwartet in den kommenden Monaten eher eine Fortsetzung der Lira-Schwäche. In der Türkei sei der Leitzins von derzeit 10,25 Prozent zu niedrig vor dem Hintergrund einer Inflationsrate von knapp zwölf Prozent. Nach Einschätzung Ghoses liegt die Ursache für den Kursverfall der Lira vor allem in der fehlenden Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank. Die jüngste Personalentscheidung habe dies einmal mehr unterstrichen.

Türkei: Erdogan in Nöten - musste Schwiegersohn wegen AKP-Revolte gehen?

Glaubt man Albayrak, dann hatte all das nichts mit seinem Rücktritt zu tun. Abgesehen von den gesundheitlichen Problemen wolle er mehr Zeit mit seiner „vernachlässigten“ Familie verbringen. Der 42-Jährige hatte das Amt des Finanzministers 2018 übernommen, nachdem er zuvor drei Jahre Energieminister war. Albayrak ist seit 2004 mit Erdogans älterer Tochter Esra verheiratet. Türkische Medien spekulierten hingegen, Albayrak sei gegen die Ernennung Agbals gewesen.

Im Raum steht allerdings auch noch eine andere Spekulation. So berichtet die FAZ weiter, mehr als 30 AKP-Abgeordnete hätten die Fraktion verlassen wollen, wäre Albayrak Finanzminister geblieben. Gerüchten zufolge befand sich auch der bei vielen Parteianhängern beliebte Soylu unter ihnen. Eine Alternative zur Erdogan-Partei AKP hätten die Politiker durchaus gehabt: Die Ex-Regierungspolitiker Ali Babacan und Ahmet Davutoglu hatten die AKP verlassen und jeweils eigenen Partei gegründet.

Für Erdogan brechen nun jedenfalls noch etwas schwerere Zeiten an: Auf die eigenen Familie kann er sich im Kabinett nun nicht mehr stützen. (fn/dpa/AFP)

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